Süß wie Schattenmorellen

Claudia Schreiber

Der unvergessliche Sommerschmöcker endlich wieder lieferbar

In Annies Familie waren die Dinge schon immer etwas anders als bei anderen. Und dass Erwachsene ihr Leben keineswegs immer besser im Griff haben als Kinder, hat Annie schon früh lernen müssen. Als sich auch noch ihre gestresste Mutter aus dem Staub macht und die 14-Jährige allein auf der Schattenmorellenplantage der Familie zurücklässt, ist Annie wenig überrascht. So zögert sie selbst dann nicht zuzupacken, als die hochschwangere 16-jährige Paula bei ihr auftaucht und es mit einem Mal um Leben und Tod geht.

Format

  • Claudia Schreiber – Süß wie Schattenmorellen
    Roman

    Taschenbuch
    Format: 11,6 x 18,5 cm , 288 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5983-2

    12. September 2018
    12,00 EUR

  • Claudia Schreiber – Süß wie Schattenmorellen
    Roman

    eBook
    288 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9161-0

    11,99 EUR

Leseprobe

ANNIE

Am liebsten stand Annie am höchsten Punkt der Kirschplantage und kletterte noch in einen Baum, um von dort aus alles zu überblicken. Ringsherum wuchs der Wald, ihr Horizont war eine grüne Linie aus Eichen, Buchen und Tannen. Die Felder lagen da wie braune oder gelbe Teppichfliesen, die Decke war blau und weiß. Hecken und Büsche schienen in Form geschnitten zu sein, als wären sie Schränke und Kommoden, das dichte Gras war weich und gemütlich wie ein Polster. Dies war ihr Wohnzimmer, geräumig genug und auf ihre Bedürfnisse abgestimmt, im Sommer hatte sie sogar immer frische Blumen und Obst parat. Annie fand es hier tausendmal gemütlicher, als im muffigen Haus der Familie zu sein.

Die Mutter hatte ihr schon früh eine Trommel um den Bauch gebunden, zwei kurze Stöcke gereicht und sie losgeschickt, damit sie mit ihrem Krach und Gebrüll die Stare aus der Kirschplantage verjagte – so sollten nicht nur die Vögel, sondern vor allem auch das Mädchen, das angeblich an den Nerven ihrer fahrigen Mutter pickte, zumindest den Hochsommer über keinen größeren Schaden anrichten.

Auch in diesem Jahr lief und lärmte Annie in den Feldern herum, obwohl sie inzwischen kein Kind mehr war, dies aber allem Anschein nach niemanden wissen lassen wollte. Ihre kurze sandfarbene Baumwollhose wurde von einem Gummiband gehalten, an der rechten Seite war eine Tasche eingenäht, die mit einem Reißverschluss zugemacht werden konnte; hier verwahrte sie, was ihr wichtig war – eine Handtasche zu tragen, wäre ihr lächerlich vorgekommen. Ihre dunklen Haare waren störrisch dick und von ihr selbst gestutzt. Der lange Pony hing ihr deshalb vor den Augen, die regelrecht schwarz waren, häufig wischte sie sich die Strähnen aus dem Gesicht. Meist hatte sie einen kritischen, wenn nicht gar aufsässigen Gesichtsausdruck, den Mund dabei leicht geöffnet – ein Fremder musste sich fragen, ob das ein Widerwort werden sollte oder ein erschöpftes Ausatmen.

Die Plantage zog sich sanft den Hügel hinauf, reichte auf der anderen Seite runter bis zum Holzschuppen am Bach und dahinter wieder hoch bis zum Waldrand. Annie stellte sich gern vor, diese kleinen Neigungen des Geländes seien große Wellen und sie selbst ein Schiff mit schwarzen Segeln, das im Sturm ganz allein die Wasserwände anging. Und wenn es so brütend heiß war wie im Moment, wenn die Luft sich kaum bewegte, die Hitze über dem Asphalt flimmerte, wenn der Schweiß den Männern von der Stirn über den Hals ins Hemd floss und den Frauen feucht unter den Brüsten stand, wenn die Kuhherden eng gedrängt unter Bäumen einen letzten schattigen Platz fanden und die Hunde verzweifelt schnell hechelten, malte sich Annie aus, eine Beduinin zu sein, die der Hitze trotzte, die auf ihrem Kamel ritt, statt zu rennen, und die hohen Sandberge einer fernen Wüste bezwang, auch wenn es in Wirklichkeit nur erdige, trocken-harte Buckel waren. Oder ihr schien, als spiele sich in der Welt da draußen ein Kriminalfall ab und sie wäre mittendrin, denn Tausende schwarze Verbrecher schlitzten die Früchte auf wie die prallen Bäuche hilfloser Opfer, roter Saft spritzte auf die Blätter und Äste. Die Gier der hungrigen Tiere war sogar zu hören, sie schmatzten, besudelten einander mit Kirschblut und berauschten sich daran. An einem Ende der Plantage schlich Annie sich an die Räuber an, hob langsam beide Arme, schlug endlich auf die Trommel, so fest sie konnte, und schrie, so laut sie es fertigbrachte. Am frühen Morgen scheuchte ihr Krach die Vögel noch hoch, sie brachen ihren Raubzug ab, flogen auf und zerstreuten sich in der Luft, besannen sich dann, vom Hunger getrieben, fanden sich zum Schwarm und kamen am anderen Ende der Plantage wieder herunter, besetzten dort die Bäume und fraßen weiter.

Annie verfolgte die Horde, bis sie genau unter den Schädlingen war. Sie sah und hörte, wie die Stare mit scharfen Schnäbeln zupickten, das Fruchtfleisch an sich rissen, schlürften, schluckten. Kirschsaft tropfte auf Annie herab, dazu rieselten die Exkremente der Blattläuse auf sie nieder – ausgerechnet Honigtau wurde das genannt. All das sammelte sich den Tag über auf ihrer Haut wie Zuckerguss, klebte ihr im Nacken, im Haar, juckte ihr im Gesicht und unter den Achseln. Sie schlug zu, wenn es den Viechern am besten schmeckte, lärmte mit ihrer Trommel, brüllte wie eine Furie, die Meute schreckte hoch, Annie keuchte hinterher, zum anderen Ende der Plantage. Äste schlugen ihr bei diesen Wettläufen ins Gesicht, kratzten ihr die Wangen auf, mit bloßem Unterarm wischte Annie sich Schweiß, Tränen und Schmutz ab. Runter und rauf, immer den Vögeln nach, die schon vorausgeflogen waren, aussichtslos, wieder und immer wieder, ein andauerndes Hin und Her.

Autor

Claudia Schreiber wurde 1958 als das vierte von fünf Kindern geboren, die Eltern waren Landwirte, Obstbauern und später Konservenfabrikanten. Nach dem Studium wurde sie 1985 Redakteurin und Reporterin beim Südwestfunk Baden-Baden, später Redakteurin, Reporterin und Moderatorin beim Zweiten Deutschen [...]

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