Vampire im Zitronenhain

Vampire im Zitronenhain

Karen Russell

Sprachgewaltige, sprühende Erzählungen über die Absurditäten und grundlegenden Befindlichkeiten des westlichen Lebens

Eine Masseuse, die sich beim Anblick eines Rückentattoos in Visionen über den Patienten verliert, ein Vampir mit Eheproblemen, ein Junge, in dem eine Vogelscheuche eine längst vergessen geglaubte Geschichte wieder aufleben lässt, ein Fanclub, dessen Team niemals gewinnen wird - sie alle kämpfen um die Erfüllung ihrer Träume, wie unwahrscheinlich sie auch sein mögen. Dank Karen Russells virtuoser Erzählgabe und Empathie, dank ihrer Fantasie, ihrem Humor und ihrer Nachdenklichkeit lässt uns keine dieser Lebensgeschichten los, die Autorin bringt ganze Welten zum Einsturz, lässt neue erwachen und zeigt auf, dass der Mensch gewisse Illusionen nie aufgeben wird.

Format

  • Karen Russell – Vampire im Zitronenhain
    Erzählungen

    Original: Vampires in the Lemon Grove

    Aus dem Amerikanischen von Malte Krutzsch
    Hardcover
    Format: 12,4 x 19,0 cm , 320 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5674-9

    19,90 EUR

  • Karen Russell – Vampire im Zitronenhain
    Erzählungen

    Original: Vampires in the Lemon Grove

    Aus dem Amerikanischen von Malte Krutzsch
    eBook
    320 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9240-2

    15,99 EUR

Leseprobe

Vampire im Zitronenhain

 

Im Oktober ernten die Männer und Frauen von Sorrent den primofiore oder die »Frucht der ersten Blüte«, die besonders saftigen Zitronen; im März reifen dann die hellgelben bianchetti und im Juni die grünen verdelli. Zu jeder Jahreszeit sitze ich auf meiner Bank und schaue zu, wie sie fallen. Nur eine oder zwei Zitronen in der Stunde brechen von den Zweigen, doch ich sitze schon so lange hier, dass sie mir fortlaufend zu fallen scheinen, wie ein Regentropfen nach dem anderen. Meine Frau hat für diese Art der besinnlichen Betrachtung nichts übrig. »Herrgott, Clyde«, sagt sie. »Leg dir ein Steckenpferd zu.«
Die meisten Leute halten mich für einen netten kleinen italienischen Großvater, einen nonno. Ich habe die Hautfarbe eines alten nonno, das dunkle Walnussbraun der Süditaliener, das mir bleiben wird, bis ich sterbe (und ich sterbe nicht). Ich trage ein sauberes lavendelblaues Hemd, einen Sonnenhut aus Segeltuch und schwarze Hosenträger, die über meiner Brust durchhängen. Meine Slipper sind abgestoßen, aber immer blitzblank. Die wenigen Besucher des Zitronenhains, die mich bemerken, lächeln ausdruckslos in mein Knautschgesicht und fangen den Hauch von etwas Tragischem ein; ich sei ein Witwer, flüstern sie, oder ein alter Mann, der seine Kinder überlebt hat. Nie kommen sie darauf, dass ich ein Vampir bin.
Der Zitronenhain Santa Francesca, in dem ich meine Tage und Nächte verbringe, gehörte im 19. Jahrhundert zu einem Jesuitenkloster. Heute ist er im Besitz der Familie Alberti, die Preise sind überzogen, und die Einheimischen kaufen ihre Zitronen lieber woanders. Im Sommer steht ein junges Mädchen namens Fila in der Holzbude hinten im Hain. Sie ist erschreckend dünn und hat einen dicken schwarzen Pony. Immer hebt sie die besten Zitronen für mich auf und schiebt sie heimlich mit dem Fuß unter meine Bank, wie es nur jemand tut, der weiß, dass ich ein Ungeheuer bin. Manchmal schickt sie mir ein leeres Lächeln, aber nie macht sie mir Ärger. Und ihre wohlwollende Gleichgültigkeit mir gegenüber erfüllt mein Herz mit Liebe zu dem Mädchen.
Fila bereitet die Limonade zu und passt auf die Würstchen auf, die sich an den Drahtzapfen drehen. Der Wurstkocher fasziniert mich. Sein italienischer Name bedeutet »Rindfleischkarussell«. Wer hätte sich vor zweihundert Jahren so etwas ausdenken können? Damals waren wir alle mit Endzeitvisionen geschlagen; Santa Francesca, die Stifterin des Hains, riss sich die Augen heraus, während sie ihre Vorahnungen vom großen Feuer diktierte. Zu schade, denke ich oft, dass sie nur den Weltuntergang voraussah, jedoch keine heißen Würstchen.
Auf einem Hinweisschild vor dem Hain steht:


ZIGRETTENSTRUDEL
HEIZE WÜRSTCHEN
ZITRONENGRANIT
Santa Francesca Limonata –
DIE BESTEN DURSTLÖCHER DER WELT!!
 

Jeden Tag bringt die Fähre Touristen aus Wales, Deutschland und Amerika von den Kreuzfahrtschiffen hier zu den Klippen herüber. Sie kommen mit der Seilbahn herauf, um sich den Hain anzuschauen, »heize Würstchen« mit körnigem braunem Senf zu essen und geeiste Zitronenlimonade zu trinken. Sie knipsen Fotos von den Alberti-Brüdern Benny und Luciano, halbwüchsigen Zwillingen, die sich in die Holzstützen der Bäume hängen und widerwillig als Zitronenpflücker posieren, sich gegenseitig mit ihren Pflanzkellen beharken und die Touristinnen auf Vulgäritalienisch als »Vaginas« bezeichnen. »Buona sera, Vaginas!«, rufen sie aus den Bäumen. Mir scheint, die Touristen werden immer dümmer. Keiner kann mehr Italienisch, und die Frauen haben neuerdings kein Ohr mehr für aggressive Töne. Oft würde ich den Zwillingen am liebsten meine Fangzähne zeigen, um sie zur Räson zu bringen.
Mich beachten die Touristen wie gesagt normalerweise nicht; vielleicht liegt es am Domino. Vor ein paar Jahren habe ich Benny ein ramponiertes rotes Dominospiel abgekauft, zur Schau nur – dahinter bin ich unsichtbar, obwohl mich jeder mit den blöden Steinen sehen kann. Mich interessiert das Spiel nicht, meistens setze ich nur kleine Häuser und Höfe daraus zusammen.
Bei Sonnenuntergang brechen die Touristen alle in Geschrei aus. »Seht mal da! Da oben!« Man staunt über I Pipistrelli Impacciti – die Herabkunft der Fledermäuse. 
Zu schieren Milliarden kommen sie aus ihren Höhlen in den kreidehell leuchtenden Klippen. Fast senkrecht lassen sie sich fallen, ein schwarzer Hagel. Manchmal zieht ein Wetterumschwung eine Fledermaus über die Zitronenbäume hinweg in Richtung der grünblauen See. Bis zum Hain sind es hundert Meter, zweihundert bis zu den schäumenden Fluten des Tyrrhenischen Meeres. An der Felskante schnellen sie empor und umflattern die grünen Baumwipfel.
»Oh!«, kreischt die Touristenschar entzückt und zieht die Köpfe ein. 
Von Nahem gesehen sind die gefächerten Flügel der Fledermäuse fremdartige Häutchen – verletzlich, als wäre ein Teil ihres Innern nach außen gestülpt. Die sinkende Sonne hüllt ihre Körper in ein dunkles Rot. Sie haben zerfurchte schwarze Gesichter wie Wasserspeier oder zornige Großväter. Und Zähne wie ich.
Heute Abend ist es einer Touristin aus Texas gelungen, im Turm ihrer erdbeerroten Hochfrisur eine Fledermaus gefangen zu setzen, und ihre Angsttränen kommen genauso von Herzen wie ihr geheultes: »KNIPS ENDLICH, Sarah!«
Ich starre geradeaus auf einen Punkt oberhalb der Bäume und zünde mir eine Zigarette an. Mein krummer Rücken versteift sich. Todesängste lösen bei mir immer noch etwas aus, das mich traurig und reizbar macht. Es wird Minuten dauern, bis sich das Geschrei wieder legt ...

Autor

Karen Russell, 1981 in Miami geboren, studierte an der Northwestern University in Evanson/Illinois Englisch und Spanisch. Ihre Erzählungen erscheinen u.a. im «New Yorker» und im «Granta Magazine». Ihr Erzählband «Schlafanstalt für Traumgestörte» (2008) war für den «Guardian First Book Award» nominie [...]

mehr zum Autor

Presse

Süddeutsche Zeitung

»Russells Figuren sind von Erzählung zu Erzählung anders, jede einzigartig, genauso wie ihr Blick auf die Welt.«

Die Welt

»Tierisch gut und wild entschlossen: In ihren neuen Erzählungen wachsen Karen Russell Flügel.«

Zeit online

»Russell gelingt es, bei dieser wie auch bei den anderen Erzählungen, dass man sich als Leser auf ihre Welt in all ihrer Merkwürdigkeit einlässt, sie als gegeben hinnimmt und vor allem: dass man vollends in sie abtaucht.«