Wie keiner sonst

Wie keiner sonst

Jonas T. Bengtsson

Die Geschichte über eine ergreifende Beziehung, über ein Band, das stärker ist als alles andere

Mit seinem Vater lebt er am Rande der Gesellschaft. Warum er nicht zur Schule geht, keine Freunde hat und ständig umziehen muss, weiß der Junge nicht. Doch er weiß, dass es ihm an nichts mangelt, dass sein Vater ihn die wichtigen Dinge des Lebens lehrt, ihn beschützt und bedingungslos liebt. Zehn Jahr später: Etwas Unerklärliches ist vorgefallen, und der mittlerweile junge Mann schlägt sich nunmehr allein durch die Straßen von Kopenhagen. Allein, und doch immer begleitet von seinem Vater, von dessen Worten und Gedanken. Er fasst den Entschluss, die dunkle Vergangenheit seines Vaters zu beleuchten, und begibt sich auf eine Reise, die ihn durch ganz Dänemark und schließlich nach Berlin führt. Warum ist sein Vater so, wie er ist? Und kann sein Sohn aus diesem Schatten heraustreten? Die klare eindringliche Sprache von Jonas T. Bengtsson lässt Freiräume für mannigfaltigste Schattierungen entstehen. Eine bildstarke Geschichte, die ohne Sentimentalität auskommt und tief unter die Haut geht.

Format

  • Jonas T. Bengtsson – Wie keiner sonst
    Roman

    Original: Et Eventyr

    Aus dem Dänischen von Frank Zuber
    Hardcover
    Format: 12,6 x 19,0 cm , 448 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5668-8

    22,90 EUR

  • Jonas T. Bengtsson – Wie keiner sonst
    Roman

    Original: Et Eventyr

    Aus dem Dänischen von Frank Zuber
    eBook
    448 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9224-2

    10,99 EUR

Leseprobe

 

1986


Ich bin gerade sechs geworden, als Olof Palme erschossen wird. Es ist Februar, und draußen ist es sehr kalt. Mein Vater und ich sitzen in der Küche, wir essen Brötchen, ich zeichne. Wir hören es im Radio. Mein Vater dreht lauter. Die Frau im Radio hört sich an, als wäre es sehr wichtig. Eine große Neuigkeit. Ich schnipse einen Mohnsamen über den Tisch. Mein Vater sagt, ich solle mich anziehen. Ich kann meine Socken nicht finden. Mein Vater bückt sich und steckt meine nackten Füße in die Gummistiefel.


Wir gehen hinunter auf die Straße. Mit festem Griff hält mich mein Vater am Arm. Er blickt stur geradeaus. Zieht mich hinterher. Ich bin eine Tasche. Ein Koffer mit kleinen Rädern. Ich sage ihm, dass es wehtut. Dass er zu schnell läuft, aber der Wind bläst die Worte weg.
Samstags ist sonst immer viel los. Autos verlassen und suchen Parkplätze, alte Damen mit Einkaufsnetzen. Die letzten Besorgungen, bevor alles schließt. Aber heute nicht, heute haben wir die Straßen für uns.
Die Stadt ist nicht groß, wir sind schnell in der Hauptstraße. Mein Vater blickt stur geradeaus, sein Mund ist ein Strich. Ich glaube, er hat vergessen, dass er mich mitzieht.
Mein Vater hat halblanges, blondes Haar mit rötlichem Schimmer, genau wie sein Bart. Er rasiert sich einmal pro Woche, dann darf der Bart wieder wachsen. Die Haare schneidet er sich selbst in der Küche. Die Zigarette ist ein Teil seiner Hand, ein Extraglied an seinem Finger. Er trägt nur ein T-Shirt unter offenem Mantel, aber er friert nicht. Mein Vater friert selten. Ich friere fast immer. Ich finde, dass ich ihm ähnlich sehe. Wenn ich groß bin, will ich auch den Bart wachsen lassen.
Er findet, dass ich meiner Mutter ähnlicher sehe. Gut so, sagt er, denn sie war schön.
Wenn ich groß bin, will ich auch den Bart wachsen lassen, sage ich, aber wieder bläst der Wind die Worte weg, zerrt an den Bäumen und spielt auf Fallrohren Flöte.
Wir kommen zum einzigen Fernsehladen der Stadt. Alle Apparate im Fenster zeigen dasselbe Bild, manche in Farbe, andere in Schwarz-Weiß. Schon sind wir drinnen, mein Vater lässt mich erst los, als wir vor der Wand voller Fernseher stehen. Große und kleine Preisschilder mit langen Zahlen. Wenn die Frau im Fernsehen den Kopf bewegt und auf ihr Papier guckt, machen die Frauen in den übrigen Apparaten die Bewegung nach. Es erinnert mich an ein Spiel, das wir im Kindergarten einer anderen Stadt gespielt haben.
Der Verkäufer steht ein paar Meter neben uns, er trägt ein gestreiftes Hemd mit Namensschild auf der Brust und schaut auf einen der oberen Bildschirme, den Mund leicht geöffnet. Eine alte Dame hat ihre Plastiktüten abgestellt und nicht bemerkt, dass vier Äpfel herausgekullert sind. Mein Vater blickt sich suchend um, kann sich nicht entscheiden. Dann wählt er einen großen Farbfernseher in der Mitte. Die Lautstärke ist schon hoch, aber er dreht noch lauter. Jetzt steht mein Vater ganz still, wie die anderen. Der Erste, der sich bewegt, hat verloren.
Im Fernsehen laufen Bilder einer dunklen Straße mit Verkehrsschildern und Schnee. Stockholm. Ein Bürgersteig ist mit rot-weißem Plastikband abgesperrt, rundherum stehen Menschen. Auch sie bewegen sich nicht. Manche halten die Hand vor den Mund. Die Frau im Fernsehen spricht langsam, als wäre sie gerade aufgewacht. Sie sagt, Olof Palme sei mit seiner Frau auf dem Heimweg vom Kino gewesen. Sie hatten sich Die Gebrüder Mozart angesehen.
Auf den grauen Platten des Bürgersteigs sind dunkle Flecken, wie Farbe. Die Kamera bewegt sich dichter heran. Blut, sagt mein Vater, ohne den Blick abzuwenden. 

Wieder gehen wir die Straße entlang. Schnell, als müssten wir vor den Bildern im Fernsehen davonrennen.
Ich glaube, wir sind auf dem Heimweg, aber bei der geschlossenen Metzgerei geht mein Vater nach rechts. Hinunter zum Hafen, durch die schmale, gepflasterte Gasse.
Mein Vater setzt sich auf eine Eisenschwelle, ich setze mich so dicht wie möglich neben ihn. Das Wasser vor uns ist schwarz. Ein paar Kutter fahren ein, weiter rechts steht ein großer Kran, sein Haken hängt direkt über dem Wasser. Der Himmel ist grau.
Mein Vater verbirgt das Gesicht im Mantelärmel, laute Schluchzer dringen durch den dicken Stoff. Er hält meine Hand so fest, dass es wehtut.
»Jetzt haben sie ihn«, sagt er. »Verdammt, jetzt haben sie ihn.«
Es ist das erste Mal, dass ich meinen Vater weinen sehe. Ich frage, ob er Palme kannte, aber er antwortet nicht. Er drückt mich fest an sich. Ich habe eiskalte Füße.
»Jetzt haben sie ihn«, sagt er.
Der Wind schäumt die Wellen auf.
»Ich glaube, wir müssen bald umziehen«, sagt er.


1987


Wir sitzen in dem Auto, das mein Vater auf einem Hof mit knurrenden, schmutzigen Hunden ausgeliehen hat.
Auf dem Rücksitz und im Kofferraum liegt alles, was wir haben.
»Wird Zeit, dass wir wieder nach Kopenhagen kommen«, sagt mein Vater. »Du bist in Kopenhagen geboren, wusstest du das?«
Er kurbelt die Scheibe herunter, es rasselt und knirscht in dem alten, weißen Kombi, als würde er jeden Moment auseinanderfallen. Dann zieht mein Vater eine selbstgedrehte Zigarette aus der Brusttasche seiner Jeansjacke.
Er trommelt mit den Fingern aufs Lenkrad, bläst Rauch aus dem Mundwinkel, pult einen Tabakkrümel von der Unterlippe.
Wenn wir umziehen, ist er immer gutgelaunt und lacht viel.
Wir kommen an hohen Betongebäuden vorbei, rechts und links von uns fahren Autos. Dann hört die Autobahn auf, und die Häuser werden niedriger. Wir könnten überall sein. An solchen Orten mit Supermärkten und Friseursalons haben wir schon oft gewohnt. 

Ich schließe die Augen und schlafe fast ein, wir sind seit heute Morgen unterwegs. Unter den Augenlidern sehe ich erst weiße Ringe, dann blinkende Lichter. Ich glaube, ich bin kurz eingenickt, vielleicht auch länger.
Die Stimme meines Vaters holt mich zurück ins Auto. »Wir sind da«, sagt er, und ich öffne die Augen ...

 

Autor

Jonas T. Bengtsson, geboren 1976, ist Preisträger des renommierten Per-Olov-Enquist-Preises und Autor von vier Romanen. Für Aminas Briefe (2005) wurde er mit dem Dänischen Debütantenpreis ausgezeichnet, es folgten Submarino (2007, adaptiert von Thomas Vinterberg) und der SPIEGEL-Bestseller Wie keine [...]

mehr zum Autor

Presse

ELLE

»Großartige Geschichte über eine geheimnisvolle Vater-Sohn-Geschichte.«

Presse am Sonntag

»Er überzeugt mit nüchterner Sprache ohne falsche Sentimentalität.«

Brigitte

»Den Verlust der Unschuld beschreibt der dänische Autor Jonas T. Bengtsson zum großen Teil aus der Sicht eines Kindes - atmosphärisch wie in einem Thriller und vollkommen unsentimental.«

Christine Westermann

»Was für ein grossartiges Buch, eine wirklich umwerfende Geschichte.«

NDR Info

»Ein Roman über Bewunderung, Freiheit und Abnabelung. Es ist ein Buch für Vater und Söhne und alle, die die überaus gelungene Geschichte lesen wollen von einer Liebe, die sich wandeln muss und doch ein Leben lang stark bleibt.«

WDR 1Life

»Eine sehr intensive Geschichte, die einen komplett in den Bann zieht. Ich bin wirklich schwer beeindruckt von diesem Buch und würde sogar sagen, dass es zu den besten Büchern gehört, die ich in der letzten Zeit gelesen habe.«