Wo die Welt anfängt

Die frühesten Geschichten des jungen Capote, die bereits seine Handschrift tragen und den Blick auf den formvollendeten Schriftsteller in neuer, höchst überraschender Weise öffnen

Jede dieser frühesten Geschichten von Truman Capote vermag zu überraschen, zeigen sie doch alle bereits die Handschrift des großen Stilisten. Denn seit Capote zehn war, wusste er, dass er Schriftsteller werden will, und während seiner Zeit an der Highschool schulte er sich täglich an seiner Schreibmaschine im Handwerk des Schreibens. All diese lebendigen und eigenwilligen Charaktere, die eindringlichen Bilder, die schnörkellos glänzende Sprache und die erzählerische Kraft lassen schon im jungen Truman Capote die ganz besondere Stimme des älteren Capote erkennen.

Format

  • Truman Capote, Anuschka Roshani (Hg.) – Wo die Welt anfängt
    Roman

    Original: The Early Stories of Truman Capote

    Aus dem Amerikanischen von Ulrich Blumenbach
    Hardcover
    Format: 11,6 x 18,5 cm , 160 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5731-9

    18,90 EUR

  • Truman Capote, Anuschka Roshani (Hg.) – Wo die Welt anfängt
    Roman

    Original: The Early Stories of Truman Capote

    Aus dem Amerikanischen Ulrich Blumenbach
    Taschenbuch
    Format: 11,6 x 18,5 cm , 160 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5962-7

    12,00 EUR

  • Truman Capote, Anuschka Roshani (Hg.) – Wo die Welt anfängt
    Roman

    Original: The Early Stories of Truman Capote

    Aus dem Amerikanischen von Ulrich Blumenbach
    eBook
    160 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9320-1

    11,99 EUR

Leseprobe

 

MISS BELLE RANKIN


I


Ich war acht, als ich Miss Belle Rankin das erste Mal sah. Es war ein heißer Augusttag. Die Sonne sank schon am scharlachrot gestreiften Himmel, und die Hitze stieg trocken und pulsierend vom Erdboden auf. Ich saß auf den Stufen der Vorderveranda, sah eine Negerin auf mich zukommen und fragte mich, wie sie bloß ein so großes Wäschebündel auf dem Kopf balancieren konnte. Sie blieb stehen und beantwortete meinen Gruß mit einem Lachen, diesem dunklen, gedehnten Negerlachen. Da kam Miss Belle langsam auf der anderen Straßenseite vorbei. Als die Waschfrau sie sah, schien sie zu erschrecken, unterbrach sich mitten im Satz und eilte wieder auf ihr Ziel zu. Stirnrunzelnd starrte ich die unbekannte Passantin an, die ein so seltsames Verhalten auslösen konnte. Sie war klein und ganz in Schwarz, staubig und mit wirrem Haar – sie sah unglaublich alt und verhutzelt aus. Dünne graue Strähnen hingen ihr in die schweißfeuchte Stirn. Sie ging mit gesenktem Kopf und starrte auf den ungepflasterten Gehweg, als suchte sie etwas, das sie verloren hatte. Ein alter englischer Pinscher folgte ziellos im Kielwasser seines Frauchens. Später sah ich sie noch oft, aber dieses erste, fast traumartige Bild wird mir immer am deutlichsten vor Augen stehen – Miss Belle, die lautlos die Straße hinabgeht, rote Staubwölkchen steigen um ihre Füße auf, und sie verschwindet in der Abenddämmerung. Einige Jahre darauf saß ich in Mr. Joab’s Drugstore an der Ecke und nippte an einem von Mr. Joab’s speziellen Milkshakes. Ich saß am einen Ende des Tresens, und am anderen saßen zwei stadtbekannte Drugstore-Cowboys und ein Fremder. Der Fremde hatte ein weit respektableres Äußeres als die meisten Leute, die Mr. Joab’s frequentierten. Meine Aufmerksamkeit erregte aber das, was er mit leiser und heiserer Stimme sagte. »Jungs, kennt einer von euch jemanden in der Gegend, der schöne Japanische Zierquitten zu verkaufen hat? Ich suche die für eine Frau aus dem Osten, die sich drüben in Natchez eine Wohnung ausstattet.« Die beiden Jungen sahen sich an, und dann sagte der eine, der fett war, Glupschaugen hatte und sich gern über mich lustig machte: »Also, ich sag Ihnen mal was, Mister, die Einzige, die ich hier in der Gegend kenne, die echt schnieke hat, ist eine schrullige alte Schachtel, Miss Belle Rankin – die wohnt einen knappen Kilometer von hier in einem echt schrägen Haus. Das ist alt und runtergekommen, noch von vorm Bürgerkrieg. Wirklich schrullig, wohlgemerkt, aber wenn Sie Zierquitten suchen, hat sie die besten, die ich je vor die Guckerchen gekriegt hab.« »Genau«, meldete sich der andere zu Wort, der blonde und verpickelte Handlanger des Fettsacks, »die vertickt sie Ihnen unter Garantie. Soweit ich weiß, ist die da draußen am Verhungern – hat nichts mehr als einen alten Nigger, der auch da wohnt und auf dem Grasfleck rumhackt, den sie Garten nennen. Ich hab neulich erst gehört, sie soll in den Jitney Jungle Market reinmarschiert sein, sich das ganze angegammelte Gemüse rausgeklaubt und Olie Peterson überredet haben, dass er ihr das für lau lässt. Die schrulligste Schleiereule, die Sie je gesehen haben – bei schlechter Beleuchtung sieht die glatt nach hundert aus. Die Nigger haben richtig Schiss vor der –« Der Fremde unterbrach den Informationssturzbach des Jungen und fragte: »Und du meinst, sie verkauft die?« »Todsicher«, sagte der Fettsack und verzog das Gesicht zu einem wissenden Grinsen. Der Mann bedankte sich und wollte schon gehen, drehte sich dann aber noch einmal um und fragte: »Habt ihr Lust, mitzufahren und mir das Haus zu zeigen? Ich bring euch auch wieder zurück.« Das ließen sich die beiden Tagediebe nicht zweimal sagen. Die Sorte ließ sich immer gern in Autos sehen und erst recht mit Fremden; das machte den Eindruck, sie hätten Verbindungen, und brachte unweigerlich Zigaretten mit sich.

Autoren

Truman Capote wurde 1924 in New Orleans geboren; er wuchs in den Südstaaten auf, bis ihn seine Mutter als Achtjährigen zu sich nach New York holte. Mit neunzehn Jahren erhielt er für seine Kurzgeschichte Miriam den »O.-Henry-Preis«. 1948 erschien sein Roman »Andere Stimmen, andere Räume«, der als da [...]

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Truman Capote wurde 1924 in New Orleans geboren; er wuchs in den Südstaaten auf, bis ihn seine Mutter als Achtjährigen zu sich nach New York holte. Mit neunzehn Jahren erhielt er für seine Kurzgeschichte Miriam den »O.-Henry-Preis«. 1948 erschien sein Roman »Andere Stimmen, andere Räume«, der als da [...]

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Presse

Süddeutsche Zeitung

»Der ganz junge Capote erzählt nie naiv, sondern immer doppelbödig, perspektivenreich, ohne Um- und Abschweife knapp, so dass die Personen plastisch werden, lebensechte Realität gewinnen und nicht aus Papier rascheln.«

Rolling Stone

»Sein unnachahmlicher Stil, seine Poesie: Alles ist schon da.«

Maxim Biller, Das Literarische Quartett

»Die Geschichten sind brillant, wehmütig, stark, sie haben gute Plots – das Besondere daran ist, dass hier ein 15-Jähriger bereits gewusst hat, dass das Leben zu Ende gehen wird. Und diese Trauer, diese Melancholie spürt man.«

FAZ online »Lesesaal«

»Man ist völlig verblüfft, dass dies ein Teenager von der High School geschrieben haben soll. Man will es erst gar nicht glauben, weil sich in ihnen tatsächlich all das zu erfüllen scheint, was Capote später wollte: keine langen Sätze, keine Geschichte mit Thesen, niemals langweilen.«

junge Welt

»Ein Selfmade-Wunderkind läuft sich warm.«

dpa

»Die Sammlung der kleinen Geschichten zeigt, wo für den Schriftsteller die Welt anfing und wie bereit er schon damals war, sich einen Namen zu machen.«

Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Was die hier versammelten frühen Erzählungen von Truman Capote (in der gelungenen Übersetzung von Ulrich Blumenbach) so besonders und anrührend macht, ist der Ton. Er belässt allen seinen Personen, auch den Spitzbuben, Mördern und sonst wie Gestrauchelten ihre Würde. Er will sie nicht bloßstellen, entlarven. Insofern war der unglückliche Schriftsteller Truman Capote ein wahrer Demokrat.«

Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Was die hier versammelten frühen Erzählungen von Truman Capote (in der gelungenen Übersetzung von Ulrich Blumenbach) so besonders und anrührend macht, ist der Ton.«

Maxim Biller, Das Literarische Quartett

»Die Geschichten sind brillant, wehmütig, stark, sie haben gute Plots – das Besondere daran ist, dass hier ein 15-Jähriger bereits gewusst hat, dass das Leben zu Ende gehen wird. Und diese Trauer, diese Melancholie spürt man.«

Rolling Stone

»Sein unnachahmlicher Stil, seine Poesie: Alles ist schon da.«