Verlagsnotiz vom 07.06.17
Emilie Cherlet

»Excuse my dust« – zum 50. Todestag von Dorothy Parker

»I love a martini –
But two at the most.
Three, I’m under the table;
Four, I’m under the host. «

Dorothy Parker

 

Sie hatte vielleicht das loseste Mundwerk im New York der 20er-Jahre. Die kleine, privat recht schüchterne Dorothy Parker. Als Dichterin landete sie mit gerademal 21 zunächst bei Vanity Fair, schrieb dann als Redakteurin auch für die Vogue und später unter anderem für den New Yorker. Niemand war vor ihren Kritiken sicher. Wem der Sinn nach Verrissen stand, der war bei Parker an der richtigen Adresse. »Der Teufel«, so verkündete die Schriftstellerin gern, »hat bei meiner Geburt meine Zunge gerührt«. So fehlt es auch Parkers Kurzgeschichten nie an Biss, wenn sie ohne Erbarmen Männer und vor allem Frauen aufs Genaueste dabei beobachtete, wie sie sich aneinander aufrieben und offensichtlich von Beginn an keine Chance auf ein gutes Ende hatten.

Jeder Witz war eine Punktlandung und nicht selten traf er, wo es weh tat. Gelacht wird trotzdem, oder gerade deshalb – auch heute noch. Doch am erbarmungslosesten war Dorothy Parker mit sich selbst. Kommt man doch nicht umhin, in ihren Geschichten von Eine starke Blondine über Ein Telefonanruf bis hin zu Der herrliche Urlaub, in denen Frauen ihre Träume an Alter, Alkohol und vor allem Männern zerschellen sehen, zu großen Teilen Parker selbst zu vermuten. Sie verlor Zeit ihres Lebens ihr Herz immer wieder an einen handfesten Drink und noch öfter an einen nicht so handfesten Mann. Doch nichts war ihr heilig. Sogar eine ihrer traumatischsten Erfahrungen, eine Abtreibung, kommentierte sie später trocken mit »It serves me right for putting all my eggs in one bastard«.

Mit dem Tod liebäugelte Dorothy Parker immer wieder, sowohl literarisch als auch in Form mehrerer gescheiterter Selbstmordversuche. »Lass das doch, Dorothy«, redeten ihre Freunde ihr stets zu, »du wirst dabei noch ernsthaft zu Schaden kommen«. Wie ihre Figuren blickte auch die Autorin gern fasziniert in den Abgrund. Aber sie genoss in vollen Zügen, sowohl in New York als auch in Hollywood, sowohl den Alkohol als auch das laute Leben. Sie hatte scheinbar auch einen Heidenspaß daran, sich den passenden Spruch für ihren Grabstein auszudenken. So hatte man am Ende gleich fünf Optionen, die auf einem Friedhof wohl allesamt für unpassendes Gelächter sorgen würden. Von »Hier liegen die sterblichen Überreste von Dorothy Parker. Gott sei Dank!« bis hin zu »Der geht auf mich« hatte ihre Zunge auch im Angesicht des Todes nicht an teuflischer Schärfe verloren. Am 7. Juni 1967 starb Parker an einem Herzinfarkt. Gewählt wurde dann ein fast schon zahmer Spruch, der in den 20ern gerne auf Autoaufklebern stand: »Excuse my dust«, zu lesen für jene, die man beim Beschleunigen in einer Staubwolke zurückließ. Heute steht das auf der Plakette an Dorothy Parkers Grab in Baltimore. Gewählt von der Schriftstellerin selbst. Eine mit Sicherheit nicht ganz ernst gemeinte Entschuldigung für zu Lebzeiten aufgewirbelten Staub.