Verlagsnotiz vom 24.04.17
Patrick Sielemann

Man Booker International Prize

Man Booker International Prize

Rechts blinken, links abbiegen steht auf der Shortlist des Man Booker International Prize, und wir freuen uns sehr mit unserer Autorin Dorthe Nors darüber! Anlässlich der Nominierung haben wir ihr und ihrem Übersetzer Frank Zuber je drei Fragen gestellt.

 

Drei Fragen an Dorthe Nors

International haben Sie sich bislang vorwiegend als Autorin von Kurzgeschichten hervorgetan. Was macht den Stoff von Rechts blinken, links abbiegen zum Romanstoff?

Das Buch handelt von einer modernen Außenseiterin, der 40-jährigen Sonja, die alleine in Kopenhagen lebt, Bücher übersetzt und in ihrem Leben feststeckt. Sie beschließt dann, sich selbst zu befreien, indem sie das Autofahren lernt. Die Entscheidung, ob man aus dem Stoff eine Kurzgeschichte oder einen Roman macht, hängt nicht nur von der Menge des Materials ab, sondern vor allem auch davon, wie man es „singen“ möchte. Sonja und ihr Leben eignen sich für eine Geschichte mit mehr Charakteren, als es in einer Kurzgeschichte möglich wäre. Ich hatte großen Spaß, über sie und ihre gleichermaßen urkomischen und herzzerreißenden Kämpfe mit der Einsamkeit zu schreiben und ihre eigene Richtung im Leben zu finden.

Sonja lebt in Kopenhagen, sehnt sich aber eigentlich zurück in die ländliche Idylle ihrer Kindheit. Kennen Sie dieses Gefühl aus eigener Erfahrung?

Als ich in Kopenhagen gelebt habe (mittlerweile lebe ich dort nicht mehr), hatte ich eine ständige Sehnsucht nach Landschaft. Während ich durch die Parks und über die Friedhöfe schlenderte, fragte ich mich, wie viele Leute in großen Städten wohl diese Art von tiefer Sehnsucht empfinden – an einem anderen Ort zu sein, im Freien, mit etwas Größerem als man selbst. Ich habe noch in Kopenhagen mit dem Schreiben dieses Buchs angefangen und schrieb es in dem Haus an der Nordseeküste, in dem ich jetzt lebe, fertig. Das ist so weit weg von Kopenhagen, dass es schon fast Schottland ist. Aber: Sonja und ich sind nicht dieselbe Person. Sie ist ein fiktiver Charakter.

Der Man Booker International Prize wird in dieser Form erst zum zweiten Mal verliehen, gilt aber bereits als einer der renommiertesten Literaturpreise. Inwiefern wirkt sich solch eine Nominierung auf den Alltag aus?

Zunächst einmal bin ich einfach wahnsinnig glücklich, dankbar und geehrt, für diesen Preis nominiert zu sein. Auf der Shortlist zu stehen, fühlt sich unwirklich an. Meine erste Reaktion war übermäßige Freude. Das hatte ich nicht erwartet. Ich denke, die Auswirkungen auf den Alltag zeigen sich in den kommenden Monaten. Wahrscheinlich werde ich ziemlich beschäftigt sein.

 

Drei Fragen an Frank Zuber

Sie sind ein Kenner der skandinavischen Literatur. Wo genau verorten Sie den Roman von Dorthe Nors?

Er lässt sich schwer in eine Schublade stecken. Das Buch hebt sich vom autobiografischen Trend ab, der derzeit den Norden dominiert, und befasst sich eher mit dem Thema der Identitätssuche zwischen urbaner/globaler und ländlicher/traditioneller Welt. Darüber hat Dorthe Nors viel zu sagen, ohne dass sie theoretisch wird – vielleicht ein Grund für den großen Erfolg des Buchs in Dänemark. Tendenziell schaffen es dänische Autorinnen und Autoren am besten, Unterhaltung und Tiefe zu kombinieren, dort deutet sich eine Renaissance der story und der Erzählfreude im Roman an. Dorthe Nors hat von allem etwas, sogar der beliebte nordische Krimi kommt auf ironische Weise vor, da die Protagonistin Sonja schwedische Krimis übersetzt, womit sie übrigens einige Probleme hat.

Die Übersetzung von  Rechts blinken, links abbiegen hat auch Sie vor einige Probleme gestellt. Ihre Arbeit wurde begleitet von Aussagen wie „Gerade kämpfe ich mit einem besonders rätselhaften Absatz“ oder „Kapitel 17 war mal wieder speziell (und schön!)“. Was war der Grund?

Die Ich-Erzählerin Sonja hat eine spezielle Wahrnehmung, die Dorthe Nors einfühlsam und mit wunderschönen Bildern zu Papier bringt. So entstand ein äußerst individueller Erzählstil voller Bewusstseinsströme und kleiner Fluchten, die jedoch stets mit Sonjas direkter, sinnlicher Wahrnehmung verknüpft sind. Reflexion und Selbstreflexion werden auf diese Weise in Bilder umgeleitet, die auf den ersten Blick rätselhaft sein können, aber zusammen ein schlüssiges Bild und eine nachvollziehbare Geschichte ergeben. Die Erzählerin benutzt sowohl jütländischen Dialekt und lokale Ausdrücke als auch etliche Idiosynkrasien, was eine Herausforderung war. Zum Glück war Dorthe Nors immer sehr hilfsbereit! Ein schönes Beispiel ist das „äußerste Land“, im Original „det yderste stykke“, also das „äußerste Stück“, wohin sich Sonja in ihrer Kindheit zurückzieht, wenn es Probleme gibt oder sie allein sein möchte. Bei Gewitter „schlägt der Himmel um sich“, die Heide bewegt sich, etc. Mir gefällt es sehr, dass in dem schmalen Buch kein Wort zu viel steht, worauf man natürlich auch als Übersetzer achten muss.

Wieso hat dieses „schmale Buch“ in Ihren Augen den Preis verdient?

Diese Antwort fällt mir am leichtesten: Wegen seiner Einmaligkeit. Weil Dorthe Nors es schafft, aus einer unaufgeregten Geschichte ein warmes, unterhaltsames und aussagekräftiges Buch zu machen.