Verlagsnotiz vom 16.02.16
Patrick Sielemann

Viele Bücher und coole Schuhe – eine Woche in New York

Unser Lektor hat eine Woche lang Agenten, Verleger und Autoren in New York getroffen. Hier gewährt er einen Blick in sein Notizbuch.


Unser Autor Yascha Mounk erzählt bei Steamed Eggs im Buvette von seinem neuen Buchprojekt über das Ende der Demokratie. Donald Trump und die AfD tauchen in dem Gespräch immer wieder auf wie die Maulwürfe bei Whack-a-Mole.

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In der Halbzeitshow des Super Bowl singen Coldplay "Viva la vida". Einer dieser seltenen Momente, bei denen man das Gefühl hat, Europa hat den USA einen Trend voraus.

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Seit 17 Jahren nimmt Michael an der Rezeption von Writers House Anrufe von Leuten entgegen, die ihren Roman einreichen möchten. Ich bewundere seinen gleichzeitig geduldigen und distanzierten Ton. Er bekomme 600 dieser Anrufe am Tag. "This one was with American Idols. But you never know. I remember these two guys call many years ago", und er zeigt auf Bilder von Michael Lewis und Stephen Hawking an der Wand hinter ihm.

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Bei ICM sorgt man sich über das schlechte Karma des Trump Towers, der direkt gegenüber steht.

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Sicherheit geht vor bei Simon & Schuster. Im Empfangsraum blickt man auf einen bunt beschilderten Notausgang, der keine Fragen offen lässt.
 


Beim Lunch mit Janklow & Nesbit hört die Spülung meines Pissoirs nicht mehr auf und überflutet den Boden. Zum Glück pinkelt neben mir der Sicherheitschef des Restaurants, der die Sache – im übertragenen Sinn – in die Hand nimmt.

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Unsere Autorin Alexandra Kleeman reist für ein Dinner in Chinatown extra aus Staten Island an. Ihre Lektüre für das Schiff: eine ältere Novelle der norwegischen Autorin Dorthe Nors, deren neuer Roman die frischeste Kein & Aber-Akquisition ist.
 

Goodie Bag für die Autorin. Inhalt: die aktuelle Vorschau und feinste Sprüngli-Schokolade


Die Agentin Barbara Zitwer schreibt auch selbst Romane. Ihre Hauptfiguren diskutiert sie mit ihrem Therapeuten.

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Mein 11-Uhr-Termin am Dienstag ist angeblich die Ur-Enkelin von Theodore Roosevelt. Ihr Büro ist gemütlicher als ein Wohnzimmer, und man darf die Schuhe ausziehen, wenn man möchte. Ich behalte sie aber an.

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Das imposanteste Büro hat Gary Fisketjon, Programmchef bei Knopf. Zahlreiche Bilder und Artikel an der Wand belegen sein Wirken. Auf dem Regal finden sich zwischen den Büchern Tierskelette und verstaubte Trouvaillen, auf dem Schreibtisch liegt ein alter Revolver.
 


Im Café Loup gesteht mir unsere neue Autorin Hannah Tinti, dass Michael, der Rezeptionist bei Writers House, geschwindelt haben muss. Sie selbst hat dort vor 20 Jahren kurz gearbeitet, Stephen Hawking war damals bereits Autor der Agentur. Hannahs neuer Roman wird nächstes Jahr erscheinen. 

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HarperCollins haben erst vor zwei Jahren ihre modernen Büros direkt neben dem One World Trade Center bezogen. Der Fahrstuhl in den 22. Stock braucht keine 15 Sekunden. Die zahlreichen gläsernen Besprechungsräume sind belegt, auf überdimensionalen Bildschirmen werden Telefonkonferenzen abgehalten, sodass wir in das hauseigene Café ausweichen. HarperCollins haben kürzlich die Truth Facts eingekauft und erwarten einigen Rummel.
 

Rechts das One World Trade Center, links HarperCollins


Auf dem "The Future of Fiction-Tisch“ im Strand sind mit Karen Russell, Dinaw Mengestu und Alexandra Kleeman gleich drei Kein & Aber-Autoren vertreten

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Ganze 10 Minuten musste ich im Delicatessen auf meinen Avocado-Sandwich mit poached eggs warten, und obwohl ich noch mindestens 20 Minuten von einem Stirnrunzeln entfernt bin, geht das Ginger Soda als Entschuldigung aufs Haus.
 


-10°C, auf der Fifth Avenue weht ein eiskalter Wind. Einige New Yorker laufen rückwärts, damit der Kaffee in ihren Pappbechern nicht auskühlt.

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Bei WME gehen angeblich die Stars ein und aus, ich sehe aber keinen. In diesen Räumlichkeiten neben dem Madison Square werden sie sich allerdings wohlfühlen. In einem großen Nebenraum stehen vor dem Hintergrund der New Yorker Skyline nur ein Piano und einige Lounge-Möbel.

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Um vor der Abreise noch schnell coole Schuhe zu kaufen, empfiehlt mir Szilvia Molnar von Sterling Lord das Frye in der Spring Street. Nicht jeder Tipp von Agenten wird beherzigt, und ich kaufe mir eine reduzierte Jogginghose im Laden nebenan. Schließlich muss man für die vielen Manuskripte gewappnet sein, die bereits im Posteingang warten.