Verlagsnotiz vom 17.02.17
Cristine Huck

Gebt der Geschichte ihre Heldinnen zurück!

Am 3. März 2017 erscheint die Weltgeschichte für junge Leserinnen. Kerstin Lücker und Ute Daenschel geben darin der Weltgeschichte ihre vergessenen Heldinnen zurück – pünktlich zum Weltfrauentag am 8. März. Warum nicht nur Mädchen, sondern auch Männer ihr Buch lesen sollten, verraten die Autorinnen im Interview.

 

Die erste Pharaonin im Alten Ägypten, die Frau, die das erste Computerprogramm schrieb – sie und andere haben Erstaunliches vollbracht, ihre Namen haben dennoch kaum Berühmtheit erlangt. Warum sind die Heldinnen der Weltgeschichte häufig unbekannt?
Dafür gibt es viele Gründe: Frauen waren über Jahrtausende ins Haus verbannt und hatten wenig Möglichkeiten, Geschichte zu schreiben. Sie waren schlechter ausgebildet, konnten oft nicht lesen und schreiben und haben deshalb weniger Quellen hinterlassen. Dabei wurde die Erinnerung an sie jedoch auch bewusst ausgelöscht. Oft mit recht drastischen Mitteln: Während der Reformationszeit entsetzten die Schriften von Marie Dentière die Genfer Stadtoberen so sehr, dass man ihre Bücher vernichtete. Doch das reichte nicht, anschließend wurde dafür gesorgt, dass für den Rest des 16. Jahrhunderts in Genf kein einziges Wort mehr von einer Frau die Zensur passierte und gedruckt wurde.

Das geschah nahezu überall, in allen Epochen und Weltregionen. Der Name der Pharaonin Hatschepsut zum Beispiel wurde aus den Tempeln herausgemeißelt, was pikanterweise eine Frau veranlasst haben soll. Und bei den Mongolen sollen Chronisten die Erinnerung an Dschingis Khans Töchter gelöscht haben, indem sie die Pergamente einfach an entsprechenden Stellen abschnitten.

Ihr Buch setzt mit dem Urknall ein und reicht bis in unsere Gegenwart. Gibt es eine Figur oder einen Zeitraum, der Ihnen besonders wichtig ist?
Es ist schwer, hier etwas zu nennen, weil es so viele tolle Geschichten gibt. Da sind die beiden arabischen Königinnen Asma und Arwa, die im 11. und 12. Jahrhundert mehr als 50 Jahre lang im Jemen herrschten, mit voller Unterstützung der Imame, die beim Freitagsgebet in der Moschee ihren Namen priesen. Als sei nichts dabei. Oder die Tatsache, dass die Kaiserkrönung von Karl dem Großen, auf den die Franzosen und Deutschen so stolz sind, unter dem Vorwand geschah, der Kaiserthron in Konstantinopel sei leer – weil Kaiserin Irene eine Frau war.

Wenn wir uns entscheiden müssten, würden wir vielleicht die Zeit des Humanismus und der Renaissance nennen. Damals begannen die Menschen, sich nicht mehr nur mit Gott, sondern mit sich selbst zu beschäftigen. Sie befreiten sich vom Allmachtsanspruch der Kirche, machten sich daran, die Natur zu erforschen, schufen eine ganz neue Form der Kunst und dachten über die Würde des Menschen nach. Noch ehe aber der Humanismus so richtig in Schwung kommt, schreibt Christine de Pizan: „Frauen können alles genauso gut wie Männer“ – und eröffnet so eine Diskussion, die bis heute nicht abgerissen ist. Sie steht damit am Anfang eines langen Befreiungsprozesses, in dessen Verlauf sich Leibeigene und Bauern, religiöse und ethnische Minderheiten, Sklaven, Arbeiter, Frauen und schließlich Homosexuelle ihre Rechte erkämpft haben. So gesehen ist der Beginn des Streits über die Frauen ein echtes Stück Weltgeschichte, und Christine de Pizan steht mit ihren Texten für den Anbruch einer neuen Zeit – genauso wie Pico della Mirandola, Leonardo da Vinci oder Albrecht Dürer.

Warum ist es wichtig, den Blick gerade auf Frauen in der Geschichte zu werfen?
Wir sind wahrlich nicht die ersten, denen auffällt, dass Frauen 50 Prozent der Menschheit ausmachen, und dass sie deshalb auch ihren Platz in der Geschichte haben müssen. Deshalb gibt es heute zum Glück schon viele Informationen über Frauen in der Geschichte. Uns hat eigentlich etwas anderes interessiert, nämlich die Frage, ob nicht auch das, was wir „Weltgeschichte“ nennen, mehr von Frauen handeln muss. Also jene Geschichte, die uns als historisches Allgemeinwissen schon in der Schule begegnet. Denn es ist ja so: Wer etwas über Frauen wissen will, muss sich immer noch gezielt dafür interessieren, er muss auf die Suche nach „Frauenliteratur“ gehen. Das bedeutet auch: Solange Frauen nicht ganz selbstverständlich zur Weltgeschichte gehören, fehlen gerade Mädchen die Rollenbilder.

Der Titel Ihres Buches wendet sich an junge Leserinnen. Können auch Männer Ihr Buch lesen?
Unbedingt! Der heimliche Untertitel lautet: ...und für Leser jeden Alters. Aber im Ernst: Wir erzählen ja Weltgeschichte, da geht es nicht darum, die Männer wegzulassen und nur von den Frauen zu erzählen. Das wären ja wieder nur 50 Prozent – deshalb haben wir das nicht gemacht.
Durch den Versuch, Frauen- und Weltgeschichte zu verbinden, haben sich manchmal andere Schwerpunkte ergeben, zum Beispiel auf die Religionen, deren Entstehung für das Verhältnis zwischen Frauen und Männern Folgen hatte. Oder die Abschaffung der Sklaverei, die in den USA dazu geführt hat, dass die Frauen endlich gesagt haben: Schluss jetzt, wir wollen endlich auch als Teil der „Menschheit“ anerkannt werden, wir wollen endlich die Bürgerrechte, die uns immer noch verwehrt werden.