2019 wird geküsst – Die Sache mit der Natur, 01.02.19
Simone Meier

Die Sache mit der Natur

 

Mein Verlag sagte: »Simone, wir haben gute Beziehungen zu einem Hotel in den Bergen, magst du dich für den Schlussspurt deines Romans nicht für eine Woche zurückziehen? Wir denken, das wäre ganz gut, so konzentrationstechnisch gesehen.«

 

Ich hörte: Hotel. Ich hörte auch: Berge. Aber vor allem: Hotel. Ich liebe Hotels. Berge, wie auch den allergrößten Rest der Natur, mag ich auch, allerdings eher peripher. Weshalb ich mir die Kombination von Hotel und Berg in der für mich idealsten aller Varianten ausmalte: Als gediegenes altes Kurhotel, auf dessen Terrasse ich in eine Decke gehüllt mitten ins tollste Bergpanorama hineinschauen und mich ein bisschen überwältigen lassen könnte. Selbstverständlich stünde dieses Hotel auch in einem alten, mondän angehauchten Kurort, und nach getaner Arbeit würde ich mich in die stilistisch einwandfreie Hotelbar setzen, Rosé Champagner trinken und danach ein bisschen an den luxuriös dekorierten Schaufenstern des Ortes vorbeiflanieren. So stellte ich mir dies vor und sagte: »Großartige Idee, wow, ich freu mich!«

 

Mein Liebesleben schaute sich das Hotel genauer an und war entzückt: »Darf ich mitkommen? Das ist genau, was ich mir schon immer gewünscht habe! Total abgelegen, allerschönste Natur, grandioses Wandergebiet, sonst gar nichts. Wow, ich freu mich!« Ich kriegte es mit der Angst zu tun. Okay, sagte ich mir, ganz ruhig, du schaffst das! Panik machte sich in mir breit. Ich sah Wiesen, Kühe, noch mehr Wiesen und noch viel mehr Kühe vor mir. Weit und breit keinen Rosé Champagner und keine kuriosen Kurgäste, nur sehnige Bergsportler in Funktionsmode. Und ich wusste: Das wird nichts mit uns. Ich war noch nie ein Naturkind. Was mich an Heidi am meisten faszinierte, war die Zeit in Frankfurt. Das schöne Haus der Sesemanns. Die Stadt, ihre Mode und Architektur.

 

Ich beschloss daher, das beste Liebesleben und den besten Verlag der Welt brutal zu enttäuschen und das naturbetonte Angebot auszuschlagen, packte meinen Koffer, flog nach Berlin, installierte mich auf dem Sofa meines ältesten Freundes und konzentrierte mich ganz mühelos. Und wenn ich aus dem Fenster schaute, war da zwar keine erhabene Alpinkulisse, aber das wohlig vertraute und inspirierende Gewusel einer mitunter auch mondänen Metropole.