2019 wird geküsst – Kaffee und Schokolade, 11.01.19
Simone Meier

Kaffee und Schokolade

 

Wenn ich nicht Bücher schreibe, bin ich Journalistin. Also an vier Tagen der Woche. Für einen Roman brauche ich schätzungsweise 1.000 Stunden und ebenso viele Tassen Kaffee. Er ist der unverzichtbare Treibstoff. Ich gieße oben Kaffee in mich hinein und weiter unten kommt Text raus. Nun sind 1.000 Tassen Kaffee schnell getrunken, aber 1.000 Stunden Schreiben sind verflucht viel. Besonders, wenn man wie ich ungeduldig ist, und nicht viel länger als ein Jahr an so einem Roman arbeiten möchte.

 

Oft fragen mich deshalb junge Journalistinnen und Journalisten: »Ich möchte auch gern neben dem Job ein Buch schreiben. Was ist dein Trick?« Ich sage: »Du brauchst eine irre, schmerzhafte Selbstdisziplin. Du musst auf Ferien und Wochenenden verzichten. Deine Freunde werden dich hassen und verlassen, denn wenn du nicht schreibst, bist du müde, abwesend, nervös, ungeduldig, launenhaft und überhaupt von einer einzigen Breitband-Unerträglichkeit. Du wirst fett, weil sich immer wieder ein fieses Stück Schokolade in deinen Mund schleicht. Dein Herzinfarktrisiko steigt täglich. Du wirst ... Willst du überhaupt noch was hören?« – »Lieber nicht«, sagen die jungen Menschen dann und gehen demotiviert davon.

 

Und ich denke, tja, Pech, denn hättet ihr noch gewartet, hätte ich euch die gleiche Geschichte noch einmal ganz anders erzählt: Nämlich, dass sich jedes Buch anfühlt wie Liebe. Dass nichts so glücklich macht, wie das Eigenleben, das Figuren plötzlich entwickeln, wenn man ihnen genügend Möglichkeiten mit auf den Weg gibt. Dass die unendliche Anschmiegsamkeit und Formbarkeit der Sprache ein Wunder ist und ein fertiges Buch ein Rausch. Aber das dürfen die jungen Menschen gerne selbst entdecken.