2019 wird geküsst – Mein Schreibtisch (ganz unspektakulär), 18.01.19
Simone Meier

Mein Schreibtisch (ganz unspektakulär)

 

Mein Schreibtisch ist uralt. Er stand bis Ende der 1980er-Jahre in einer Kneipe, in der das Bier einer ganz bestimmten Brauerei getrunken wurde, für die wiederum ein mittels Heirat aus Bayern importierter Onkel arbeitete. Als die Kneipe Konkurs ging, sorgte dieser Onkel dafür, dass der Tisch seinen Weg in den Keller meiner Eltern fand. Wo er stand, bis ich in meine erste WG zog und dringend einen Schreibtisch brauchte.

 

Mein Vater und ich schliffen und lackierten, es war keine besonders komplizierte Arbeit, das massive Nussbaumholz war nicht allzu heikel und wir machten sowas auch nicht zum ersten Mal. In meiner Erinnerung stand der Platz vor unserem Haus in jedem Sommer voller Schränke, kaputter Tische, Kommoden oder Stühle, die abgelaugt, abgeschliffen und mit neuen Schichten von Grundierungen, Beize oder Seidenglanzlack überzogen werden mussten.

 

Seit bald dreißig Jahren sitze und schreibe ich also an dem Tisch, die diversen Laptops, die er schon aushalten musste, haben eine Spur winziger Kratzer im Lack hinterlassen, seine Gusseisenfüße haben sich dafür an den verschiedenen Parkettböden gerächt. Wenn das Licht der Lampe auf ihn fällt, ist er golden, und nur Weniges fühlt sich so angenehm an, wie seine seidenglanzlackierte Fläche.

 

Ich wüsste gern, wie viele Menschen vor mir daran Platz genommen haben und was ihnen aufgetragen wurde. Millionen von Tellern mit Kartoffeln und Fleisch wahrscheinlich, Bierkrüge, Cola-Flaschen. Zum Dessert gab es gewiss unzählige Cremeschnitten, Coupes Dänemark und Banana Splits. Ab und zu streifte jemand den Dreck seiner Schuhe am Gusseisen ab. Verliebte küssten und Betrunkene prügelten sich. Jetzt ist der Tisch allein mit mir. Und auch wenn ich unentwegt Geschichten schreibe, dürfte er sich doch in seiner ganzen Existenz noch nie so sehr gelangweilt haben.