Ayelet Gundar-Goshen – Hintergrund, 14.05.18
Ayelet Gundar-Goshen

Lügen sind nicht immer schlecht

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

ich freue mich, Ihnen meinen neuen Roman Lügnerin vorstellen zu dürfen. Es ist ein Roman über die lebensverändernde Kraft von Geschichten – auch Lügen sind in gewisser Weise Geschichten.

 

Nuphar ist ein gewöhnliches Mädchen, das in einer Eisdiele in der Stadt arbeitet. Dutzende von Kunden kommen jeden Tag in den Laden, aber niemand schaut Nuphar länger an als notwendig: Sie ist nicht eines jener Mädchen, auf denen das Auge ruhen bleibt. Nuphars Welt ändert sich jedoch schlagartig, als der Ex-Star Avischai Milner die Eisdiele betritt: In einem Moment der Verbitterung beleidigt und demütigt Avischai das Mädchen hinter dem Tresen, woraufhin Nuphar weinend aus dem Gebäude rennt. Draußen kommt es zu einem Missverständnis: Er greift nach ihrem Arm, um sein Wechselgeld zurückzufordern, und Nuphar schreit mit der Kraft eines frustrierten siebzehnjährigen Mädchens um Hilfe. Ihre Schreie alarmieren die Stadtbewohner, und zu ihrer Überraschung ist jeder davon überzeugt, dass der Mann sie sexuell belästigt hat.

Zum ersten Mal in ihrem Leben befindet sich Nuphar im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, und sie widerspricht nicht. Der Zuspruch der Stadtbewohner macht sie zu einer Art Aschenputtel: Die Eisverkäuferin, die zur Medienprinzessin wird. Doch Nuphar vergisst zu schnell, dass nicht Magie diese Cinderella-Geschichte bewirkt hat, sondern eine Lüge.

 

Lügnerin ist ein Roman darüber, wie eine kleine Lüge eine große Wirkung haben kann. In einer postfaktischen Welt kann ein Schrei eines Mädchens die ganze Stadt zum Tweeten und Heulen bringen. Als Mutter habe ich mich auch gefragt, wie ich selbst reagiert hätte, hätte ich meine Tochter bei einer solchen Lüge erwischt. Der erste Impuls wäre wohl, sie zur Polizei zu bringen, um der Lüge ein Ende zu machen. Aber ist es wirklich so einfach, seine Tochter zu einem Geständnis zu zwingen, angesichts der möglichen öffentlichen Reaktion, der sie sich dann stellen muss? Lügnerin ist somit eine Geschichte über eine Mutter und über die Entscheidungen, die die Eltern treffen müssen.

 

In diesem Roman wollte ich die wichtige Rolle von Lügen in unserem Alltag erforschen. Denn Lügen sind nicht immer schlecht: Manchmal entsteht aus einer Lüge ein ganzer Staat. Nuphars Großvater ist ein Nationalheld dank einer Lüge, die niemand wissen will. Die Holocaust-Überlebende, die an einer Exkursion in die Todeslager teilnimmt, ist eigentlich eine marokkanische Jüdin, die für eine Gratis-Reise nach Europa eine falsche Identität vortäuscht.

Lavie, ein Junge, der über der Eisdiele wohnt, kennt die Wahrheit. Er beschließt, Nuphars Geheimnis zu bewahren und sie zu erpressen. Die heikle Beziehung zwischen dem Jungen und dem Mädchen basiert auf einer zerbrechlichen Lüge. Lavies größte Angst ist, dass Nuphar sich zu einem Geständnis entschließt – was das Ende ihrer wachsenden Liebe bedeuten würde. Zu Nuphar sagt er: „Wenn die Wahrheit gut genug gewesen wäre, hättest du nicht lügen müssen, richtig? Leute, die genug zu essen haben, brauchen nicht zu stehlen. Nur wer hungrig ist, klaut, aber wer würde ihm das schon vorwerfen?“

 

Der Roman spielt in der heutigen Zeit – er ist eine provokative und sinnliche Reise durch das lebendige, verschwitzte Tel Aviv. Aber die Sprache, die ich für den Erzähler wähle, ist fast mythologisch, sogar biblisch. Dadurch wollte ich die Universalität der Geschichte betonen, da die Lügen einen wesentlichen Teil des menschlichen Denkens darstellen. „Was ist's, das man getan hat? Eben das man hernach tun wird; und geschieht nichts Neues unter der Sonne.“

 

Meine besten Wünsche aus Tel Aviv,

Ayelet Gundar-Goshen