Bastian Asdonk – Interview, 22.08.16
von Bastian Asdonk

„Man ist selbst das Problem“

 

Da Bastian Asdonk sich im Rahmen seiner Gesprächsreihe „Sucht & Ordnung“ nicht selbst interviewen kann, hat dies im Mai 2016 sehr gerne der Verlag für ihn übernommen. Hier spricht der Autor über seinen Debütroman Mitten im Land und über den neuen Rechtsruck in Deutschland.

 

In Ihrem Roman entscheidet sich ein Mann, sein hektisches Stadtleben hinter sich zu lassen, um ein einfaches Leben auf dem Land zu führen. Was hat Sie grundsätzlich an diesem Thema gereizt?

 

Das Landleben ist seit einigen Jahren wieder ein Ideal geworden, dem man in Zeitschriften, Filmen und Produkten immer wieder begegnet. Viele Städter wünschen sich offenbar ein einfacheres Leben, das näher an der Natur stattfindet. Dieser Wunsch wird aber nur in wenigen Fällen Wirklichkeit. Die meisten Menschen begnügen sich damit, in holzvertäfelte Coffeeshops zu gehen oder Lebensmittel zu kaufen, die irgendwie selbst gemacht wirken. Die Grundidee zu dem Buch war, dass sich hinter diesem ästhetischen Phänomen ein psychologisches Problem verbirgt: ein Unwille zur Moderne, die viele Menschen als Überforderung empfinden. Als Konsequenz flüchten sie sich in Nostalgie. Dieser Eskapismus findet sich ja auch in vielen politischen Bewegungen der letzten Jahre wieder.

 

Auch in Ihrem Roman schlagen Sie den Bogen von der romantizistischen Sehnsucht, im Einklang mit der Natur zu leben, zu dem derzeitigen Rechtsruck in der Gesellschaft. Die Hauptfigur ist anfangs sehr glücklich an seinem neuen Wohnort, merkt dann aber allmählich, dass das benachbarte Dorf eine aktive rechte Szene beheimatet. Wie geht der Mann in Ihrem Roman mit dieser Beobachtung um?

 

Eigentlich gar nicht, er hat ja mit seinem Garten zu tun. Die Betrachtungsweise des Erzählers ist nie politisch. Ihm fehlt das Bewusstsein für größere gesellschaftliche oder historische Zusammenhänge. Das Romantisieren, also das permanente Überhöhen seiner eigenen Lebensweise zu einem Ideal, spielt dabei eine entscheidende Rolle. Er glaubt, dass er vielen anderen Menschen moralisch überlegen ist, weil er sich selbst versorgt, die Natur nicht ausbeutet und damit zu einer besseren Welt beiträgt. Er ist der verhärmte, aber moralisch sehr selbstbewusste Mensch an der Alnatura-Kasse, der sich über die SUVs überall aufregt, aber dreimal im Jahr nach Bali fliegt, weil ihm die Zeit im Yoga-Ressort so gut tut.

 

Dieser Roman ist Ihr Debüt – wie schwierig fanden Sie es, sich in einen solchen Charakter einzufühlen?

 

Ich bin eigentlich genau dieser Mensch, vielleicht mit etwas mehr Widerstandsfähigkeit gegen politische Verführungen. Das ist nicht biografisch gemeint, alles an diesem Buch ist reine Fiktion. Aber wenn ich seine Sehnsucht nicht verstehen könnte, wäre er ein zu einfaches Ziel. Es geht ja nicht darum, sich über andere Menschen zu erheben oder lustig zu machen, sondern die eigenen Widersprüche aufzudecken. Man ist eben selbst das Problem.

 

Warum ist gerade heute die mangelnde Widerstandsfähigkeit gegen politische Verführungen so weit verbreitet? Sind das alles Menschen, die sich wie Ihre Hauptfigur innerlich der Moderne verweigern?

 

Ohne zu thesenhaft klingen zu wollen: Wir leben in einer Umbruchphase, ähnlich wie zum Ende des 19. Jahrhunderts. Die Globalisierung ist endgültig in allen Aspekten des Lebens angekommen, ohne das wir emotional oder politisch in der Lage wären, damit umzugehen. Dazu kommt die Ermüdung des Kapitalismus, dessen Versprechen sich für viele Menschen in der westlichen Welt nicht mehr erfüllt. Und zu allem Überfluss auch noch die Digitalisierung, die gleichzeitig Fluch und Segen ist. Zusammen überfordern diese Entwicklungen unsere Fähigkeiten, die ja im Wesentlichen immer noch aus Jagen und Sammeln bestehen. Wir fühlen uns erschöpft und nicht mehr als Herr der Lage. Dass einige Menschen in dieser Situation empfänglich für einfache Botschaften sind, ist verständlich. So etwas wie Nation und Heimat versprechen Identität und Kontrollierbarkeit. Aber anders als uns die Apokalyptiker der FAZ und Peter Sloterdijk glauben machen wollen, bieten diese Entwicklungen natürlich auch ein riesiges Potenzial.

 

Worin erkennen Sie dieses Potenzial?

 

Vor allem natürlich in der persönlichen Freiheit und in einer größeren Gerechtigkeit in der Gesellschaft. Wenn wir die Fortschritte der letzten Jahrzehnte in die Zukunft projizieren, sind wir vielleicht gar nicht so weit von einer fairen Gesellschaft entfernt. Denken Sie nur an die Gleichberechtigung von Mann und Frau, Minderheitenrechte und eine große Einigkeit über die ökologische Frage. Das Problem ist nur, dass sich Fortschritt nicht automatisch vollzieht, sondern eine Debatte braucht. Und man könnte sagen, dass mit dem wirtschaftsliberalen Zeitgeist der Neunziger zum ersten Mal eine Art Kehrtwende, zumindest in der Gerechtigkeitsdebatte vollzogen wurde. Die westliche Welt lebt heute in einem fast paradiesischen Zustand. Der Wohlstand ist riesig, wir genießen in politischer, sexueller und ökonomischer Hinsicht größere Freiheiten als jede Generation vor uns. Das Paradoxe ist ja, dass wir trotzdem große Verlustängste haben. Vielleicht genau weil wir so viel zu verlieren haben.

 

Genau diese Verlustängste treiben auch die Figuren in Ihrem Roman um. Ohne zu viel zu verraten, trifft die Hauptfigur am Ende eine Entscheidung, in der er das Gemeinwohl bzw. eine gesellschaftliche Ethik dem eigenen Wohl unterordnet. Wenn die Hauptfigur, wie Sie sagen, einem Prototypen entspricht – unweigerlich kommen auch sofort PEGIDA und AfD in den Sinn –, wo müsste man ansetzen, um ihn von der Begrenztheit seines Weltbilds zu überzeugen?

 

Ich glaube, es geht um eine politische Diskussion, die man weder künstlerisch noch moralisch lösen kann. Deshalb machen die sicher wohlgemeinten Appelle an die Anständigkeit auch keinen Sinn. Das führt nur zu verhärteten Fronten, in denen sich zwei große Lager – das im weiteren Sinne liberale und das konservative – gegenüberstehen, wie wir das seit Obama in Amerika und nun auch in Österreich sehen. Die politische Aufgabe ist, die Bürger für eine moderne, offene und globale Gesellschaft zu begeistern. Und diese Aufgabe liegt bei uns allen.

 

Lieber Bastian Asdonk, wir danken Ihnen für das Gespräch.