Sebastian Guhr »Die langen Arme« – Bozena Anna Badura vom Blog »Das Debüt« , 03.10.19
Bozena Anna Badura

Interview

 

Lieber Sebastian, dein Roman Die langen Arme erscheint in diesem Herbst bei Kein & Aber. Aufgeregt?

Nein, eigentlich nicht. Im Gegenteil, jetzt da das Lektorat beendet ist, werde ich langsam ruhiger.

In diesem Jahr wird der dreißigste Jahrestag des Falls der Berliner Mauer gefeiert. In deinem Roman findet die »Wende« ebenfalls statt. War es dein Ziel, einen Wenderoman zu schreiben?

Nicht direkt. Die Handlung hat zunächst eher diffus in der Mitte der 80er-Jahre in der DDR gespielt, einfach weil ich diese Gegend und Zeit aus meiner eigenen Kindheit kenne. Die »Wende« ist dann sehr bald als dramatische Möglichkeit erschienen, und ich war schnell angefixt und wollte diese tiefgreifende Veränderung einer Gesellschaft zeigen. Da ich mich selbst nur ungenau an die Zeit erinnere, musste ich meine Eltern befragen, wie sich das damals angefühlt hat. Letztlich denke ich aber, dass es ein Roman übers Erwachsenwerden ist und die Romanhandlung auch in anderen Ländern zu anderen Zeiten spielen könnte. Wenn unangepasste Menschen versuchen, sich zu entfalten, kommt es zu Konflikten und – im literarischen Sinn – zu Spannung.

Im Hintergrund der Geschichte geht es auch um Psychotherapie und Psychiatrie in der DDR. Was hat dich an diesem Thema besonders interessiert?

Mich interessieren die Verhältnisse, unter denen Menschen verrückt werden. Manchmal ist es eine Gesellschaft, manchmal eine Familie, die ein Mitglied verrückt macht. Wenn die DDR-Gesellschaft sich als hochgradig vernünftig empfand und ihre Delinquenten einsperrte, entbehrt das nicht einer gewissen Ironie. Da wurde eine Normalität konstruiert, die uns heute gar nicht normal erscheint. Schizophrenie ist natürlich eine komplexe Krankheit, aber im Roman versuche ich sie mit der schizophrenen Situation der Menschen in der DDR zu verbinden. Außerdem haben Verrückte einen schrägen Blick auf die Verhältnisse, dadurch sehen sie mehr oder, besser gesagt, anders. Das kann man literarisch gut benutzen, um Dinge zu entlarven.

Zurzeit werden die Themen Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz in Ostdeutschland breit diskutiert. In deinem Roman leiden die Hauptfiguren auch nach der Wende und bis in die Gegenwart darunter. Warum?

Meine Hauptfiguren machen die Erfahrung, dass sie, egal in welchem politischen System, immer Außenseiter sind. Was sie früher nicht sagen durften, ist nach der Wende erlaubt, aber gleichzeitig gibt es neue Tabus. Die westliche Warenwelt kommt ihnen absurd und unernst vor, sie haben das Gefühl, dass es im Kapitalismus hauptsächlich darauf ankommt, den anderen übers Ohr zu hauen. Mich wundert es nicht, dass viele Ostdeutsche auch heute noch anders ticken als Westdeutsche, denn sie wurden anders sozialisiert. Ich rege mich selbst oft über die Kleingeistigkeit und Ängstlichkeit mancher Ostdeutscher auf. Die wiederum finden ihre Angst legitim, weil sie erfahren haben, wie schnell eine als stabil empfundene Gesellschaft kollabieren kann. Keine Ahnung. Für die Menschen im westlichen Spätkapitalismus ist eine weltzugewandte Offenheit charakteristisch, dafür wird schon in der Kindheit das Fundament gelegt. In einem kleinen Land wie der DDR, in dem es keine 68er-Bewegung und nur rudimentär so etwas wie eine bürgerlich-liberale Kultur gab, war das vermutlich eher schwierig. Dafür haben Menschen mit DDR-Vergangenheit wenigstens eine Biografie, über die es sich zu reden und zu schreiben lohnt. Wie langweilig, nicht wenigstens eine richtige Revolution im Leben mitgemacht zu haben.

Warum sind die beiden Hauptfiguren Antje und Yvette weiblich? Wie war es für dich, mit der Stimme einer weiblichen Figur zu sprechen?

Ich mache mir keine großen Gedanken darüber. Das heißt, ich versuche nicht dezidiert »weiblich« zu schreiben, da kämen bloß Klischees bei raus. Ich bin sowieso kein Fan von starren Identitäten und ich möchte in keine Schublade gesteckt werden. Manchen Frauen bin ich ähnlicher als manchen Männern. Das Geschlecht ist bloß eine Kategorie von vielen. Beim Schreiben lasse ich meine Hauptfiguren einfach Sachen machen, die ich selbst gern machen würde. Die langen Arme wurde während des Schreibprozesses dann auch zu einem Statement für die Fortschrittlichkeit und die Libertinage der DDR-Frauen. Das hat sich so ergeben, und als ich es erkannte, hat es mir gefallen. Allgemein ist es schön, Mädchen im Roman Dinge tun zu lassen, die traditionell eher Jungen zugeschrieben werden, zum Beispiel handwerkliche Tätigkeiten. Antje und Yvette werden dadurch kraftvoll und eigen, ein bisschen wie Pipi Langstrumpf.

Im Roman gibt es viele, teils aberwitzige technische Apparate. Funktionieren sie wirklich?

Ich kann keinen Nagel gerade in die Wand schlagen. So viel zu meiner »Männlichkeit«. Die Apparate sind Erfindungen, reine Phantasie.

Stellenweise fand ich Die langen Arme sehr witzig. Wie entwickelt man einen lustigen Text? Gibt es deiner Ansicht nach gewisse Voraussetzungen, die ein Text erfüllen muss, um beim Rezipienten das Lachen oder zumindest ein Schmunzeln hervorzurufen? 

Ich bin niemand, der sich Witze bewusst ausdenkt. Meistens entsteht im Erzählen ein ironischer Tonfall aufgrund des Abstands, den ich nach zigmaligem Überarbeiten zu meinen Figuren gewinne. Leser zum Lachen bringen zu können, ist ein mächtiges Werkzeug und eine Kunst, die ich bei Autoren wie Wolf Haas oder Max Goldt sehr bewundere.

Die Jury des Blogbuster-Preises hat an deinem Roman u.a. seine Leichtigkeit gelobt. Ist die Leichtigkeit etwas, das du bewusst einsetzt?

Das Leichte ist eigentlich das Schwierigste, jedenfalls für mich. Ich habe immer Angst, dass meine Sätze zu kompliziert werden. Die erste Version versuche ich daher auch immer ganz sorglos und super flach zu schreiben. Kompliziert wird es dann später von ganz allein. Zunächst nicht an »Stil« zu denken und mich, anstatt auf den Bau der Sätze, auf Ideen und Erfindungen zu konzentrieren, war sehr befreiend, und ich konnte dadurch auch inhaltlich viel Neues schaffen. Mein idealer Roman sollte leicht zu lesen sein und trotzdem komplexe Themen verhandeln.

Der Blogbuster-Preis ist ein von einem Literaturblogger initiierter Literaturpreis. Liest du überhaupt Literaturblogs? Was könnten Aufgaben bzw. Chancen solcher Blogs im Vergleich zum klassischen Feuilleton sein?

Mein erster Literaturblog war glaube ich Glanz & Elend, gibts den eigentlich noch? Am liebsten mag ich es, wenn Literaturblogs einen kritischen Blick auf den etablierten Betrieb werfen. Ich lese immer gern die Kritik zum Literarischen Quartett auf literaturcafe.de, so ein Blick von außen relativiert die eingefahrenen Seltsamkeiten. Von mir aus könnten Literaturblogs noch viel frecher mit dem Feuilleton umgehen und eine Art Gegenöffentlichkeit schaffen, sie haben ja nichts zu verlieren. Ich kann aber noch nicht erkennen, dass durch die Blogs eine eigene Art von Literatur gefördert wird oder ein neuer Stil entstanden ist. Da werden oft die gleichen Bücher durchgenudelt wie in den Feuilletons, was irgendwie schade ist.

Welchen Mehrwert schaffen Literaturblogs und solche Formate wie der Blogbuster-Preis für die Autorinnen und Autoren der Gegenwart? Auf welche Bedürfnisse des Buchmarktes sind sie deiner Meinung nach die Antwort?

Blogs sind beweglicher als Zeitungen, außerdem sind längere Interviews möglich. Das Blog-Publikum ist von vornherein spezieller, da können auch mal nerdigere Themen angesprochen werden. Was den Buchmarkt betrifft, müsstest du die Frage wohl eher einem Verleger stellen. Ich bin für die Kunst zuständig.

Wie würdest du dich in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur verorten?

Ich möchte keine Texte schreiben, sondern Geschichten erzählen. Geschichten wirken manipulativ, deswegen waren sie gerade in Deutschland lange verpönt, was der erzählenden Kunst hierzulande nicht gutgetan hat. Da wurden Halbtalente wie Rainald Goetz oder Josef Winkler kanonisiert. Die viel interessanteren Sachen passieren meiner Meinung nach im Genrebereich, im Krimi, in der Boulevardkomödie oder im Horrorfilm, wo es mehr auf Können und weniger auf Pose ankommt. Ich mag allgemein Autoren, die in langen Bögen erzählen, ohne zu verkrampfen, die sich nicht ständig vor ihre Figuren stellen, die etwas erfinden können.

Es gibt viele Gründe dafür, deinen Roman zu lesen. Nicht zuletzt, weil Figuren wie Antje und Yvette in der Literatur selten vertreten sind. Wem würdest du deinen Roman aber besonders ans Herz legen? 

Allen, die es etwas ausgefallener mögen.

Lieber Sebastian, ich danke Dir herzlichst für das Gespräch!