Saskia Luka »Tag für Tag« – Frischer Wind, 20.08.19
Saskia Luka

Warten

Seit ich von Berlin nach Sutivan umgezogen bin, habe ich auf den Wind gewartet. Auf den mächtigsten Wind hier, die Bura, von der ich bisher nur gehört und gelesen hatte.

Unser erster Sommer verging, und ich merkte, dass der letzte Tourist abgereist war. Eines Morgens stand ich vor dem verschlossenen Café, die Leute rieben sich die Augen: Ihr seid noch da? Ihr wollt auch im Winter bleiben? Natürlich. Wir fühlten uns längst wie echte »Stivaner« und bekamen die Fährfahrt nach Split zum halben Preis. Immer öfter wurden wir nun vor der Bura gewarnt. Im Internet las ich, dass sie schon ganze Reisebusse ins Meer geweht hatte, und ich überlegte, ob unsere Kinder, dünn wie Striche in der dalmatinischen Landschaft, fortgeweht werden könnten.

Zuerst kam der Jugo (Südwind), der genug Kraft hatte, ein ganzes Dorf in tiefe Fjaka zu stürzen. Er brachte so warme Luft, dass alle in Müdigkeit und Trägheit versanken, außerdem Wolkenberge, die sich vor der Küste ausbreiteten, sodass Sonne und Festland für einige Tage nicht zu sehen waren. Er wehte erst die Nerven blank und wirbelte dann alles durcheinander. Er brachte Regen, aber nur wenige Tropfen, dann kurze Schauer, und wir schwitzten in unseren Regenjacken. Dann plötzlich öffneten sich alle Wolken auf einmal, und der Jugo lachte. Am Nachmittag ließ er kurz die Sonne durch und malte gleich zwei Regenbogen, bevor er seine Geschwindigkeit immer mehr erhöhte. In der Nacht schoss er ums Haus und feuerte Blitze ins Getöse. Die Bura aber ließ auf sich warten.

Als sie schließlich kam, schickte sie erst nur kleinere Winde über das Meer. Sie brachten kühle, frische Bergluft und machten alles so lupenrein, dass die Berge des Festlands plötzlich viel näher zu sein schienen, fast schon zum Greifen nah. Dann färbte sich das Wasser unheilvoll, und aus der glitzernden Adria wurden brausende Wellen. In der schwarzen Nacht des Neumonds funkelten die Lichter an der Küste beruhigend, trotzdem gruselten wir uns sehr und gingen früh schlafen. Die Bura blieb diesmal nur für diese eine Nacht.

Es kamen viele Wetterwechsel, Stürme und auch leichte Brisen mit unterschiedlicher Temperatur, für die die Menschen hier viele Namen haben, und in sonniger Windstille bemerkte ich, dass ich auch darauf gewartet hatte, hier auf der Insel ein zweites Buch »zu finden«. Als ich es nicht fand, begann ich in den alten Scheunen und Ställen im Dorf meiner Schwiegerfamilie zu suchen. Ich fand viele Dinge. Eine Trage aus Holz, mit der früher große Lasten wie Steine transportiert worden waren, den Pflug, den das Pferd gezogen hatte, alte Butterfässer, Schafsglocken, Zinnwannen, die im Winter als Schlitten dienten, alte Eimer und Leitern, denen viele Sprossen fehlten, Reisigkörbe. Mein Schwiegervater stand rauchend auf dem Weg und schüttelte den Kopf, als wir alte Türen und Fensterläden davontrugen. Was wollt ihr nur mit all dem Müll?

Schließlich fand ich den Schlüssel für Lucas Haus. Er ist wirklich sehr groß und erstaunlich schwer, mein Mann hatte mir von ihm erzählt und ich hatte ihn in meinem Buch Tag für Tag beschrieben, als Lucas Haus Lucias Haus geworden war, und Lucas Tür Lucias Tür, und der schwere Schlüssel passte wie angegossen.