Saskia Luka »Tag für Tag« – Neue Wörter, 20.08.19
Saskia Luka

Lost in Translation

Der schmale goldene Streifen Morgensonne, der über dem Meer liegt, ist silbern geworden, die Berge des Festlands sind fast in den Wolken verschwunden, das Wetter spielt verrückt. So schlecht war es noch nie, sagen die Leute hier, aber wir alle tun uns schwer mit dem Erinnern. Die Blumen und Gräser in den Wiesen stehen hüfthoch vor dem meist dramatischen Himmel mit ungewöhnlichen Regenwolken, vor dem wilden Meer wächst unbekümmert und wie immer der Klatschmohn. In den Autos entdecke ich Rasenmäher, Motorenlärm zieht durch die Nachmittage, und es riecht nach Heu. Ob die Oliven was werden, nach so viel Regen? Besorgte Gesichter. So schlecht war der Frühling noch nie, höre ich immer wieder. Das ist kein Frühling, das ist Winter. Kopfschütteln. Die Olivenbäume blühen dennoch – nun braucht es Wind. Er wird kommen.

Ich beobachte die Berge des Festlands, die mein Horizont sind, hinter denen die Sonne aufgeht, wenn ein neuer Tag beginnt und die die schönsten Farben des Tages tragen, wenn er zu Ende geht, und frage mich, wie ich am Besten diese komplizierte Sprache lerne. Meine Lehrerin sagt, jetzt vergiss doch einfach die Grammatik. Sie macht eine Handbewegung, die Schwamm drüber bedeutet, aber ich denke, ich muss erst alles verstehen. Sie ist sicher, dass ich diesen Zustand des Durcheinanders überwinden werde, und trotz allem ist es schließlich Sommer geworden, die Regentage sind längst vergessen, eine Möwe trägt ihr Frühstück über das Meer, Schwalben stürzen sich hinab, und wir sind doch noch neu hier, denke ich, Sommer hin, Sommer her.

»Als wir noch neu waren«, damit meint unser sechsjähriger Sohn eine Zeit, die weit hinter den Bergen liegt, etwa im Dorf seiner kroatischen Großeltern, weit vor dem Winter, als er sich neue Wörter ausdachte, um all das hier zu beschreiben und als er die neue Sprache noch nicht kannte. Wie hat er sie so schnell gelernt?

Er ist durch sie hindurchgegangen, er hat sie erlebt. More, brdo, galeb, kamen, park, das war die ganze Welt: Meer, Berg, Möwe, Stein, Park – und im Park spielte er, und mit jedem Schritt kam ein neues Wort, und die neue Welt dehnte sich aus, und es kamen Farben hinzu und Gefühle. Auf dem Fußballplatz gab es den ersten Streit und staubige Tränen und Wörter für Wut und Verzweiflung und Vermissen, dann kam die Liebe: der erste Freund. Alles dehnte sich noch viel mehr aus. Plural kam und alle Zeiten.

Als wir noch neu waren, hat er alle im Dorf nach ihren Namen gefragt, denn er war dabei, allem einen Namen zu geben.

Du sollst die Männer – ich verkneife mir das Wort Säufer – nicht nach Geld fragen, sage ich zu ihm, aber er will sich Süßigkeiten kaufen und fragt warum?

Du kennst sie nicht, sage ich. Er stampft mit dem Fuß auf. Ich kenne sie, sagt er wütend, denn ich weiß ihre Namen. Er kauft sich schreckliches Zuckerzeug. Er strahlt. Reines Gift. Die Männer kennen auch seinen Namen. Auch alle Leute im Supermarkt.

Die Sonne brennt jetzt heiß, sobald sie in den frühen Stunden des Morgens aufgegangen ist. In den Nächten, wenn es endlich abkühlt, zähle ich die toten Mücken an der Wand und die Mückenstiche auf der Haut. Ich kann nicht schlafen. An den Nachmittagen falle ich in Mittagsschlaf, einmal zieht mich das rhythmische Geräusch des Ventilators weit weg, ich träume, ohne wirklich zu schlafen, mein Körper scheint sich aufzulösen, und ich vergesse die Kinder. Als ich aufwache, bleibt ein intensives Gefühl, es begleitet mich den Weg durch die Olivenfelder hinab bis zum Meer, wo ich eine Bekannte treffe, die mir schon viel über die Insel erzählt hat, über Winde und Wörter, und als ich ihr von meinem Mittagsflug erzähle, gibt sie auch ihm einen Namen: pižolot.

Ich kann einfach nicht glauben, dass ihr für alles ein Wort habt, sage ich.

Wir schwimmen ins Meer hinaus. Müdigkeit schwindet und Sprachverzweiflung. Dalmatiner haben für alle wichtigen Dinge des Lebens ein Wort.

Und die Wörter erzählen viel über das Leben hier.

Mein Sohn verhandelt mit seinen Freunden, dann rasen alle mit den Fahrrädern los. Ich werde sie nicht einholen, aber früher oder später werden sie zurückdüsen, unterwegs zu einem weiteren Spiel. Am Hafen trinke ich Kaffee. Pomalo. Morgen ist auch noch ein Tag. Der alte Fischer klettert in sein Boot. Vor ein paar Wochen hat sein Sohn es aus Angst um den Vater aus dem Wasser geholt. Der Fischer hat es mit ruhigen Pinselstrichen ausgebessert und wieder ins Meer gelassen. Er fährt hinaus. Er hat Sehnsucht nach dem Meer, sicher gibt es auch dafür ein Wort.