Elif Shafak – Hintergrund, 10.10.16
Patrick Sielemann

Religiöse und politische Selbstverortung


Der neue Roman von Elif Shafak erzählt eine berührende und explosive Geschichte über Identität, Glauben und Politik

Die Lage in der Türkei spitzt sich weiter zu. Intellektuelle, Aktivisten, Staatsbedienstete werden nach dem Putschversuch im Juli angeklagt und verhaftet, seit dieser Woche werden mit der Absetzung von achtundzwanzig Bürgermeistern erstmalig die Ergebnisse demokratischer Wahlen negiert.
Die türkische Autorin Elif Shafak lebt in London und begleitet von dort aus das Geschehen in ihrer Heimat. Als eine der meistgelesenen Autorinnen ihres Landes hat ihre Stimme Gewicht, Elif Shafak setzt sich mit ihren Büchern, politischen Essays und in Interviews (jüngst im Gespräch mit Hasnain Kazim bei Spiegel Online) für Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung von Minderheiten und für die Wiederherstellung der Rechtsstaatlichkeit ein.
Ihre Literatur lebt von feinen Schattierungen; Pauschalurteile und Ressentiments lösen sich in der differenzierten Betrachtung auf. Wie halte ich es mit der Religion?, fragt Peri im neuen Roman der Bestsellerautorin. Schon immer zerrten an der jungen Türkin gegensätzliche Kräfte: Die Mutter ist strenggläubig, ihr Vater ein trotziger Pragmatiker, als Studentin in Oxford freundet sie sich sowohl mit der weltoffenen Shirin als auch mit der Kopftuch tragenden Mona an. In der ungewöhnlichen Freundschaft der drei Frauen lässt Elif Shafak moderne und traditionelle Wertesysteme aufeinandertreffen und fordert ihre Protagonistinnen zur religiösen und politischen Selbstverortung auf.