Elif Shafak – Leseprobe, 10.10.16
von Patrick Sielemann

Der Romananfang


An einem ganz normalen Frühlingstag in Istanbul, einem langen, bleiernen Nachmittag, traf sie wie ein Faustschlag die Erkenntnis, dass sie fähig war zu töten. Dass unter Stress selbst die ruhigsten, fügsamsten Frauen die Kontrolle verlieren konnten, hatte sie immer schon geahnt, und da sie sich weder für ruhig noch für fügsam hielt, schätzte sie ihr eigenes Gewaltpotenzial weit größer ein. »Potenzial« war allerdings ein heikler Begriff. Die Türkei verfüge über ein großes Potenzial, hatte es einmal geheißen – und was war daraus geworden? Deshalb hatte sich Peri mit dem Gedanken beruhigt, auch ihr dunkles Potenzial würde sich am Ende nicht durchsetzen. Und das Schicksal, diese gut erhaltene Tafel, in die alle vergangenen und künftigen Ereignisse eingemeißelt waren, hatte es ihr bisher zum Glück fast völlig erspart, Böses zu tun. Sie hatte ein anständiges Leben geführt und anderen zumindest willentlich kein Leid zugefügt, wenn man von dem gelegentlichen Klatsch und den damit einhergehenden Lästereien absah. Und das war zu vernachlässigen, weil das schließlich alle taten und die Hölle bis zum Rand gefüllt gewesen wäre, hätte es als Sünde gegolten. Wenn es überhaupt einen gab, dem sie Kummer bereitet hatte, dann Gott, doch der war zwar schnell ungehalten und notorisch launenhaft, aber niemals gekränkt. Kränken und Gekränktsein, das galt nur für Menschen.

In den Augen ihrer Freunde und Verwandten war Nazperi Nalbantoğlu – Peri, wie sie von allen genannt wurde – ein guter Mensch. Sie spendete für wohltätige Zwecke, engagierte sich für die Alzheimerforschung und sammelte Geld für notleidende Familien. Sie ging in Altenheime und ließ sich von den Bewohnern in Backgammonturnieren besiegen, hatte immer ein paar Leckerbissen für die vielen Istanbuler Straßenkatzen in der Handtasche und ließ hin und wieder eine auf eigene Kosten kastrieren. Sie hielt ein wachsames Auge auf die schulischen Leistungen ihrer drei Kinder, gab elegante Abendessen für den Chef und die Mitarbeiter ihres Mannes, fastete am ersten und am letzten Tag des Ramadan, meist aber nicht in der Zeit dazwischen. Zum Fest des Fastenbrechens, Eid, opferte sie ein mit Henna gefärbtes Schaf. Sie warf keinen Abfall auf den Gehweg, drängelte sich an der Supermarktschlange nicht vor, erhob nicht einmal gegen unhöfliche Menschen die Stimme. Sie war eine gute Ehefrau, gute Mutter, gute Hausfrau, gute Bürgerin und gute moderne Muslima.

Wie ein geschickter Schneider hatte die Zeit die beiden Stoffe, die Peris Leben umhüllten, scheinbar nahtlos zusammengenäht: das, was die anderen von ihr dachten, und das, was sie von sich hielt. Diese beiden Stoff e bildeten ein so perfektes Ganzes, dass sie nicht mehr sagen konnte, wie viele Stunden eines jeden Tages von den Erwartungen an sie bestimmt waren und wie viele von dem, was sie wirklich wollte. Manchmal hätte sie am liebsten einen Eimer genommen und die Straßen und Plätze, die Regierung, das Parlament, die Bürokratie mit Seifenlauge ausgeschwemmt und bei der Gelegenheit auch gleich ein paar Leuten den Mund durchgespült. Da war so viel Schmutz zu beseitigen, so viel Zerbrochenes zu kitten, so viel Falsches zu verbessern. Wenn sie morgens aus dem Haus ging, seufzte sie leise auf, als ließe sich der ganze Müll des Vortags mit diesem einen Atemstoß beseitigen. Doch obwohl sie einerseits die Welt konsequent infrage stellte und Ungerechtigkeit nie schweigend hinnahm, hatte sie andererseits schon vor Jahren beschlossen, zufrieden zu sein mit dem, was sie hatte. Umso größer war ihr Erstaunen, als sie mit fünfunddreißig Jahren an einem leidlich annehmbaren Tag unvermittelt in den Abgrund ihrer Seele blickte.

Schuld war der Verkehr, sagte sie sich später. Das Rumpeln und Dröhnen und Scheppern – wie das Gebrüll von tausend Kriegern. Die ganze Stadt war eine einzige gigantische Baustelle. Istanbul war unkontrolliert gewachsen und wuchs weiter wie ein überfressener Goldfisch, der unaufhörlich nach Nahrung suchte. Im Rückblick auf jenen verhängnisvollen Nachmittag sollte Peri zu der Überzeugung gelangen, dass es ohne den heillosen Verkehrskollaps niemals zu der Kette von Ereignissen gekommen wäre, die letzten Endes so viele tief in ihr vergrabene Erinnerungen geweckt hatten.

Auf einer zweispurigen Straße, die von einem umgekippten Laster blockiert war, krochen sie zwischen den anderen Fahrzeugen voran. Peri trommelte mit ihren Fingern aufs Lenkrad und wechselte alle paar Minuten den Radiosender, während ihre Tochter, Kopfhörer in den Ohren, gelangweilt auf dem Beifahrersitz saß. Wie ein in falsche Hände gelangter Zauberstab verwandelte der Verkehr die Minuten in Stunden, Menschen in Ungeheuer und jeden Hauch von Vernunft in reinen Wahnsinn. Istanbul störte das nicht. An Zeit, Ungeheuern und Wahnsinn herrschte in der Stadt kein Mangel. Eine Stunde mehr oder weniger, ein Ungeheuer mehr, ein Wahnsinniger weniger – ab einem bestimmten Punkt spielte es keine Rolle mehr. Wie eine berauschende Droge strömte der Irrwitz durch die Straßen dieser Stadt, und Millionen Bewohner verpassten sich tagtäglich eine Dosis, ohne zu bemerken, wie sehr sie dadurch aus dem Gleichgewicht gerieten. Menschen, die sich weigerten, ihr Brot mit anderen zu teilen, teilten bereitwillig ihren Wahnsinn – und fanden es völlig normal. Denn das war das Problem, wenn der Verstand gemeinschaftlich verloren ging: Sobald genug Leute derselben Sinnestäuschung unterlagen, so wurde diese zur Realität. Sobald genug Leute über dasselbe Elend lachten, wurde ein lustiger kleiner Witz daraus.

»Hör endlich auf, an deiner Nagelhaut zu zupfen!«, rief Peri plötzlich. »Wie oft soll ich es dir noch sagen?«

Deniz zog die Kopfhörer betont langsam aus den Ohren, legte sich die Kabel um den Hals, sagte: »Das ist meine Nagelhaut«, und trank einen winzigen Schluck aus dem Pappbecher, der zwischen ihnen stand. Bevor sie sich auf den Weg gemacht hatten, hatten sie sich zwei Getränke geholt bei Star Börek, einer türkischen Kaffeekette, die von Starbucks wegen der Ähnlichkeiten bei Logo, Angebot und Namen wiederholt verklagt worden, aufgrund diverser Gesetzeslücken jedoch nach wie vor in Betrieb war: einen Skinny Latte für Peri und einen Double Chocolaty Chip Creme Frappuccino für ihre Tochter. Peri hatte ihren Becher bereits leer getrunken, aber Deniz brauchte ewig, nippte behutsam daran wie ein verletztes Vögelchen. Draußen verschmolz die Sonne mit dem Horizont und tauchte mit den letzten Strahlen die Dächer heruntergekommener Häuser, die Kuppeln der Moscheen und die Fenster der Wolkenkratzer in dasselbe triste Rostrot.

»Und das hier ist mein Auto«, murmelte Peri. »Auf dem ganzen Boden liegen deine Hautfetzen herum!«

Sie bereute es, kaum hatte sie es ausgesprochen. Mein Auto! Wie schrecklich, so etwas zum eigenen Kind zu sagen – oder überhaupt zu irgendwem. Sie war doch hoffentlich nicht zu einem der habgierigen Idioten geworden, deren Selbstvertrauen und Position im Leben von materiellen Dingen abhingen? Deniz wirkte ziemlich unbeeindruckt. Nach einem kurzen Zucken mit den knochigen Schultern nahm sie sich entschlossen den nächsten Finger vor.

Ruckartig fuhr der Wagen ein Stück weiter, kam aber gleich darauf mit quietschenden Reifen erneut zum Stehen. Es war ein Range Rover, lackiert in einer Farbe, die sich Monte Carlo Blue nannte. Die Händlerbroschüre hatte zahlreiche weitere Farbtöne verzeichnet: Davos White, Oriental Dragon Red, Saudi Desert Pink, Ghana Police Gloss Blue, Indonesian Army Matt Green. Peri spitzte den Mund und fragte sich kopfschüttelnd, wer solche Namen aussuchte und ob den Fahrern klar war, dass man mit ihren schnittigen, protzigen Nobelkarossen Polizeiuniformen, das Militär oder Sandstürme assoziierte.

In Istanbul wimmelte es von Luxuswagen jeder erdenklichen Farbe. Viele davon wirkten so deplatziert wie hochgezüchtete, für ein bequemes Leben bestimmte Rassehunde, die sich in die Wildnis verirrt hatten: Sportcabrios, deren Fahrer nirgends beschleunigen konnten und vor Frustration ständig den Motor aufheulen ließen, Geländewagen, für die selbst mit den geschicktesten Rangiermanövern jede Parklücke zu klein schien – falls man überhaupt einmal eine fand –, und teure Limousinen, konzipiert für freie Straßen, wie sie nur in fernen Ländern oder in Werbespots existierten.

»Bei uns ist er am schlimmsten, habe ich gelesen«, sagte Peri.

»Wer?«

»Der Verkehr. Wir sind die Nummer eins. Schlimmer als in Kairo, das muss man sich mal vorstellen. Sogar schlimmer als in Delhi!«

Ohne jemals in Kairo oder Delhi gewesen zu sein, hielt Peri wie so viele Einheimische Istanbul für zivilisierter als jene entlegenen, überfüllten Städte mit ihren rauen Sitten, obwohl »entlegen« relativ war und die beiden Adjektive »überfüllt« und »rau« häufig auf Istanbul zutrafen. Doch die Stadt grenzte immerhin an Europa, und diese Nähe musste für etwas gut sein. Europa war so nah, dass die Türkei bereits einen Fuß in die Tür gestellt und sich mit aller Kraft hineinzuzwängen versucht hatte, nur um zu erkennen, dass der Spalt viel zu schmal war, sosehr man sich auch drehte und wand. Dass Europa gleichzeitig die Tür wieder zudrückte, machte die Sache nicht leichter.

»Cool!«, sagte Deniz.

»Cool?«, wiederholte Peri fassungslos.

»Ja. Dann sind wir wenigstens in irgendwas die Nummer eins.«

Genau das war das Problem mit ihrer Tochter. In letzter Zeit nahm Deniz zu jeder von Peri geäußerten Meinung automatisch die Gegenposition ein und reagierte mit einer an Hass grenzenden Feindseligkeit, egal, wie logisch ihre Mutter argumentierte. Peri wusste, dass sich die zwölfeinhalbjährige Deniz in ihrem schwierigen Alter vom Einfluss der Eltern, insbesondere von dem der Mutter, lösen musste, und sie verstand es auch. Dass dabei aber so viel Wut zum Einsatz kam, wollte ihr nicht einleuchten. In ihrer Tochter brodelte ständig ein Zorn, den sie selbst in keiner Phase ihres Lebens gekannt hatte, nicht einmal während der Pubertät. Die hatte sie in einem Zustand ahnungsloser Verwirrtheit, ja Naivität hinter sich gebracht und war trotz einer nicht halb so fürsorglichen und verständnisvollen Mutter ein völlig anderer Teenager als Deniz gewesen. Und als schlösse sich ein Kreis, wurde Peri, je mehr sie unter den unvorhersehbaren Ausbrüchen ihrer Tochter litt, umso wütender auf sich selbst, weil sie in der Vergangenheit nicht genug gegen die eigene Mutter rebelliert hatte.

»Wenn du erst so alt bist wie ich, hast du auch keine Geduld mehr mit dieser Stadt «, sagte sie leise.

»Wenn du erst so alt bist wie ich«, äffte Deniz sie hämisch nach. »Früher hast du nie so dahergeredet.«

»Weil eben alles immer schlimmer wird!«

»Nein, Mama, weil du dich alt machst. Weil du solche Sachen sagst. Und schau doch mal, wie du dich anziehst!«

»Was ist an dem Kleid auszusetzen?«

Deniz schwieg.

Peri sah an sich hinab. Sie trug ein lila Ensemble, bestehend aus einem Seidenkleid und einem perlenbestickten Chiffonjäckchen, erstanden in einer Boutique in einem ganz neuen Einkaufszentrum innerhalb eines größeren Einkaufszentrums – als hätte das eine das andere zur Welt gebracht. Kleid und Jacke hatten viel zu viel gekostet. Als sie den Preis monierte, schwieg der Verkäufer, verzog jedoch den Mundwinkel zu einem schmalen Lächeln. Was hast du hier zu suchen, wenn du dir dieses Geschäft nicht leisten kannst?, hatte ihr das Lächeln zu verstehen gegeben. Sie hatte sich über die Herablassung geärgert und spontan »Ich nehme es!« gesagt. Plötzlich spürte sie, wie eng das Kleid saß, erkannte, wie unmöglich die Farbe war. Unter den Leuchtstoff röhren der Boutique hatte das Lila frech und selbstbewusst gewirkt; im Tageslicht erschien es ihr aufdringlich und pompös. Müßige Gedanken. Nach Hause zu fahren und sich umzuziehen war völlig unmöglich. Schon jetzt stand fest, dass sie verspätet zu dem Abendessen in der Villa am Meer erscheinen würden, dessen Besitzer, ein Geschäftsmann, in den vergangenen Jahren ein immenses Vermögen gemacht hatte. Nicht ungewöhnlich für Istanbul. Die Stadt war voll mit ewig Armen, mit Neureichen und mit denen, die danach gierten, sich wie beim Stabhochsprung mit einem einzigen schnellen Satz von der einen Kategorie in die andere zu katapultieren.

Sie konnte diese Dinnerpartys nicht leiden, die sich bis spät in die Nacht hinzogen und ihr manchmal am nächsten Tag eine Migräne bescherten. Sie blieb viel lieber daheim und bis in die frühen Morgenstunden in einen Roman vertieft, denn im Lesen fand sie ihre Verbindung zur Welt. Doch in Istanbul war das Alleinsein ein sehr seltenes Privileg. Immer musste irgendeine wichtige Veranstaltung besucht, irgendeine gesellschaftliche Verpflichtung wahrgenommen werden, als wollte die Kultur in ihrer kindlichen Angst vor der Einsamkeit sicherstellen, dass sich jeder zu jedem Zeitpunkt in der Gesellschaft aller anderen befand. Gelächter und Essen, Politik und Zigarren, Schuhe und Kleider, aber vor allem Designertaschen. Die Frauen führten ihre Taschen vor wie in fernen Schlachten errungene Trophäen. Wer wusste schon, welche echt waren, welche gefälscht! Da die Damen der Istanbuler Mittel- und Oberschicht beim Kauf von nachgemachter Ware nicht gesehen werden wollten, luden sie die Inhaber dubioser, im Großen Basar und den umliegenden Stadtteilen gelegener Läden zu sich nach Hause ein, anstatt sich dorthin zu begeben. Lieferwagen voller Taschen von Chanel, Louis Vuitton und Bottega Veneta sausten mit abgedunkelten Scheiben und schlammverschmierten Nummernschildern (bei ansonsten blitzblanker Karosserie) kreuz und quer durch die Reichenviertel und erhielten wie in einem Film noir auf versteckten Wegen Zugang zu den Privatgaragen. Bezahlt wurde in bar, es gab weder Quittungen noch unangenehme Fragen. Bei der nächsten Zusammenkunft musterten die Damen gegenseitig mit verstohlenen Blicken ihre Taschen, aber nicht nur, um die jeweilige Marke, sondern auch um etwaige Fälschungen und gegebenenfalls deren Qualität zu erkennen. Das Ganze machte viel Mühe. Optische Mühe.

Frauen schauten. Betrachteten, taxierten, prüften, forschten offen und verdeckt nach den Schwachstellen der anderen Frauen. Eine überfällige Maniküre, ein paar Pfunde mehr, ein schlaffer Bauch, Botox-Lippen, Krampfadern, Cellulite, die auch nach dem Fettabsaugen nicht verschwunden war, ein dringend nachzufärbender Haaransatz, ein Pickel oder Fältchen, verborgen unter Puderschichten … Nichts entging dem alles durchdringenden Blick. Viele Frauen erschienen völlig unbeschwert auf Partys, in deren Verlauf sie zu Opfern und Täterinnen gleichermaßen wurden. Je mehr Peri über den bevorstehenden Abend nachdachte, umso mehr graute ihr davor.

»Ich muss mir mal die Beine vertreten«, sagte Deniz und sprang aus dem Wagen.

Sofort zündete sich Peri eine Zigarette an. Sie hatte zwar das Rauchen mehr als zehn Jahre zuvor aufgegeben, war aber in letzter Zeit wieder schwach geworden. Sie trug stets eine Schachtel bei sich und gönnte sich ab und zu eine Zigarette, die sie jedoch nie zu Ende rauchte. Ein paar Züge genügten ihr. Wenn sie den Rest wegwarf, hatte sie immer ein schlechtes Gewissen, ja empfand beinahe Ekel, und steckte sich, um den Geruch zu kaschieren, sofort einen Pfefferminzkaugummi in den Mund, obwohl sie den Geschmack nicht mochte. Wären Geschmackssorten politische Herrschaftsformen gewesen, hätte Pfefferminz die Rolle des Faschismus übernommen – totalitär, steril, streng.

»Ich krieg keine Luft mehr, Mama«, sagte Deniz, die schon wieder im Wagen saß. »Du weißt doch, dass man davon stirbt!«

Kinder in Deniz’ Alter behandelten Raucher wie frei herumlaufende Vampire. In der Schule hatte sie während ihres Referats über die schädlichen Auswirkungen des Nikotinkonsums ein Plakat präsentiert, auf dem mit Neonstift gemalte Pfeile aus einer geöffneten vollen Zigarettenschachtel direkt auf ein frisch ausgehobenes Grab deuteten.

»Schon gut, schon gut«, erwiderte Peri mit einer wegwerfenden Handbewegung.

»Wenn ich Präsidentin wäre, würde ich dafür sorgen, dass Eltern, die vor ihren Kindern rauchen, ins Gefängnis kommen, ganz im Ernst!«

»Dann bin ich nur froh, dass du dich nicht für das Amt bewirbst«, sagte Peri und ließ das Fenster herunter.

Der Rauch, den sie hinausblies, waberte durch die Luft und drang unversehens durch das geöffnete Fenster in den Wagen neben ihnen. Räumliche Nähe – die wurde man nie los in dieser Stadt. Alles war mit allem benachbart. Fußgänger schlängelten sich als ein einziger großer Organismus durch die Straßen, Reisende saßen dicht gedrängt auf Fähren oder standen Schulter an Schulter in Bussen und U-Bahnen, schwerelos wie die Samen von Pusteblumen stießen die Körper aneinander, verfingen sich und lebten miteinander.

Die zwei Männer im Nachbarauto grinsten zu ihr hinüber. Peri wurde blass, denn wenn eine Frau einem fremden Mann Rauch ins Gesicht blies, kam das laut dem ungeschriebenen Führer durch das Patriarchat für Fortgeschrittene einem offenen sexuellen Angebot gleich. Auch wenn man es zwischendurch immer wieder vergaß, war die Stadt ein stürmisches Meer voller Männer, die man besser behutsam und einfallsreich umschiffte wie Eisberge, denen man auch nicht ansah, wie gefährlich sie einem werden konnten.

Als Frau, egal, ob zu Fuß unterwegs oder im Auto, war man gut beraten, den Blick auf nichts Bestimmtes zu richten. Es galt als sittsam, wenn man den Kopf möglichst gesenkt hielt, was nicht leicht war, da die Tücken des Stadtlebens, ganz zu schweigen von unerwünschter männlicher Aufmerksamkeit und sexueller Belästigung, stete Wachsamkeit erforderten. Wie man sich gleichzeitig mit gesenktem Kopf und nach allen Richtungen umsehend bewegen sollte, war Peri ein Rätsel. Sie warf die Zigarette hinaus, schloss das Fenster und hoffte, die beiden Fremden würden bald das Interesse an ihr verlieren. Die Ampel sprang von Rot auf Grün, doch sie tat es vergebens. Nichts bewegte sich.

In diesem Moment bemerkte sie den Penner, der sich auf der Fahrbahnmitte näherte. Groß und schlaksig, mit einem kantigen Gesicht, spindeldürr, die Stirn zu tief gefurcht für sein Alter, das Kinn mit einem Ausschlag bedeckt, die Hände übersät mit nässenden Ekzemen. Einer von den Millionen syrischen Flüchtlingen, die vor dem einzigen Leben geflohen waren, das sie kannten – das war ihr erster Gedanke. Doch er konnte auch ein Einheimischer sein, Türke, Kurde oder Zigeuner oder von allem ein bisschen. Wer in diesem Land der endlosen Menschenwanderungen und des steten Wandels konnte schon behaupten, nur einem bestimmten Volk anzugehören, ohne sich damit selbst zu belügen? Andererseits gab es in Istanbul Trug und Täuschung zuhauf.

Die Füße des Mannes waren schlammverkrustet, und den zerlumpten Mantel mit dem hochgeschlagenen Kragen hatte der Schmutz fast schwarz gefärbt. Mittlerweile hatte er Peris lippenstiftverschmierte Zigarette entdeckt und rauchte sie fertig, als wäre es das Normalste der Welt.

Als Peri den Blick von seinem Mund zu seinen Augen wandern ließ, stellte sie erstaunt fest, dass er sie die ganze Zeit belustigt angesehen hatte. Er strahlte etwas Arrogantes, fast Provokantes aus, als wäre er kein Penner, sondern ein Schauspieler in der Rolle eines Penners, der, von seiner eigenen Darbietung überzeugt, auf Beifall wartete.

Da sie sich jetzt von drei Männern abwenden musste, drehte sie sich zur Seite, wobei sie Deniz’ Frappuccino umstieß, dessen schaumiger Inhalt auf Peris Schoß landete.

»Oh nein!« Entsetzt betrachtete sie den dunklen Fleck, der sich auf ihrem teuren Kleid ausbreitete.

Ihre Tochter fand sichtlich Gefallen an dem Desaster. Sie stieß einen Pfiff aus. »Jetzt kannst du sagen, das Kleid wäre von einem total schrägen neuen Designer.«

Peri ignorierte die Bemerkung und verfluchte sich selbst. Sie griff nach der Handtasche in ihrem Fußraum, eine lavendelblaue Birkin Bag aus Straußenleder, bis ins kleinste Detail perfekt imitiert, abgesehen von dem falsch gesetzten Akzent in »Hermes« – türkische Fälscher konnten alles nachahmen, nur nicht die korrekte Rechtschreibung –, und holte ein Päckchen Papiertaschentücher heraus, obwohl sie wusste, dass sie den Fleck damit nur verreiben würde. Und weil sie abgelenkt war, beging sie einen Fehler, der in Istanbul keinem versierten Autofahrer unterlief: Sie warf die Tasche auf die Rückbank eines Wagens, dessen Türen nicht verriegelt waren.

Aus den Augenwinkeln nahm sie eine Bewegung wahr. Ein Mädchen, keine zwölf Jahre alt, kam um Münzen bettelnd näher. Mit schlotternden Kleidern, die offene Hand ausgestreckt vor sich haltend, ging das magere Kind mit starrem Oberkörper dahin wie durch Wasser. Vor jedem Auto blieb es etwa zehn Sekunden stehen und schlenderte dann weiter zum nächsten. Vielleicht, dachte Peri, hatte es herausgefunden, dass man Mitleid nur innerhalb dieser kurzen Zeitspanne erregen konnte. Mitleid kam niemals verzögert – es war sofort da oder fehlte ganz. Als das Mädchen den Range Rover erreicht hatte, blickten Peri und Deniz automatisch in die entgegengesetzte Richtung und taten so, als hätten sie es nicht gesehen. Doch die Bettler von Istanbul waren es gewohnt, für andere unsichtbar zu sein – und darauf vorbereitet. Genau an der Stelle, auf die Mutter und Tochter ihren Blick gerichtet hatten, stand ein weiteres, etwa gleichaltriges Mädchen und streckte ebenfalls die Hand aus.

Zu Peris großer Erleichterung schaltete die Ampel auf Grün. Dieses Mal schossen die Autos los wie Wasser aus einem Gartenschlauch. Gerade als auch Peri aufs Gaspedal treten wollte, hörte sie, wie die hintere Tür blitzschnell geöffnet und wieder geschlossen wurde, und sah im Rückspiegel ihre Tasche verschwinden.

»Diebe!«, rief sie. »Hilfe, die haben meine Tasche gestohlen! Das sind Diebe!«

Die Fahrer hinter ihr hupten ungeduldig; sie hatten nichts mitbekommen und wollten weiter. Dass niemand helfen würde, war klar. Peri zögerte nur kurz. Gekonnt riss sie das Lenkrad herum, scherte aus der Reihe aus, fuhr an den Randstein und schaltete die Warnblinker ein.

»Mama, was tust du?«

Für eine Antwort blieb keine Zeit. Peri hatte gesehen, in welche Richtung die Kinder gerannt waren, und musste ihnen sofort folgen. Eine innere Stimme, eine Art animalischer Instinkt, sagte ihr, dass sie nur die beiden Mädchen zu finden brauchte, um ihren rechtmäßigen Besitz zurückzubekommen.

»Fahr weiter, Mama! Es ist doch nur eine Tasche, noch dazu eine gefakte!«

»Da ist Geld drin und meine Kreditkarten! Und mein Handy!«

Ihre Tochter war dennoch nicht überzeugt, sie war geradezu peinlich berührt. Deniz hasste es, Aufmerksamkeit zu erregen. Sie wollte sein wie die anderen, ein grauer Tropfen im grauen Meer. Ihre Aufsässigkeit bekam nur die Mutter zu spüren.

»Du bleibst hier. Verriegle die Türen und warte auf mich«, sagte Peri. »Tu jetzt bitte ein einziges Mal, was ich dir sage!«

»Aber Mama …«

Ohne nachzudenken stürzte Peri aus dem Wagen, hatte aber ganz vergessen, dass sie High Heels trug. Sie zog die Schuhe aus, und ihre nackten Sohlen landeten hart auf dem Asphalt. Deniz starrte ihre Mutter mit erstauntem, gekränktem Blick aus weit aufgerissenen Augen an.

Peri lief los. In ihrem lila Kleid, das Gewicht ihres Alters tragend, mit hochroten Wangen, vor Dutzenden von Augenpaaren. Die Ehefrau, Hausfrau, Mutter von drei Kindern war sich der beschämenden Tatsache bewusst, dass ihre Brüste heftig wippten und sie nichts dagegen tun konnte. Doch während sie weiterlief, die Straße in Richtung Innenstadt überquerte, während die Fahrer lachten und die Möwen über ihr flatterten, spürte sie eine seltsame Freiheit in sich, als wäre sie in einen verbotenen Bereich eingedrungen, den sie nicht benennen konnte.

Hätte sie gezögert, wäre sie auch nur für die Dauer einer Sekunde langsamer geworden, es hätte sie das Entsetzen gepackt über das, was sie tat. Die Gefahr, in rostige Nägel, Bierflaschenscherben oder Rattenurin zu treten, hätte ihr Angst gemacht. Doch sie rannte weiter. Fast wie von selbst, als besäßen sie ein eigenes Gedächtnis, liefen ihre Beine immer schneller, erinnerten sich an die Zeit vor vielen Jahren in Oxford, als sie jeden Tag und bei jedem Wetter fünf, sechs Kilometer gejoggt war.

Peri hatte das Laufen geliebt, doch wie so viele Freuden in ihrem Leben gab es auch diese schon lange nicht mehr.