Ingmar Vriesema – Hintergrund, 28.01.16
Kein & Aber

Eine schlechte Parodie auf eine bekannte Marke

Der Autor kommentiert sein soeben erschienenes Buch Geschwister berühmter Menschen

Ottla Kafka mit ihrem Bruder Franz in Prag, ca. 1914

Christopher Ciccone und Madonna während der Girlie Show World Tour, 1993


»Adolf Hitler hatte eine Schwester?« – »Echt, Madonna hat einen Bruder? Und Salvador Dalí hatte auch einen?«
Dies waren die häufigsten Reaktionen, wenn ich von diesem Buch erzählte. Es sind bemerkenswerte Reaktionen, denn so überraschend ist es nicht, dass jemand einen Bruder oder eine Schwester hat. Auf der Welt gibt es bestimmt hundertachtzig Länder, in denen Mütter im Durchschnitt gut anderthalb Kinder bekommen. Auf der Erde wimmelt es nur so von Brüdern und Schwestern.
Woher also kommt das Staunen über die Tatsache, dass auch weltberühmte Menschen Geschwister haben? Offenbar bringen wir weltberühmte Menschen eher mit ihrem Ruhm in Verbindung als mit ihren Blutsverwandten. Adolf Hitler, Salvador Dalí und Madonna sind vor allem bekannte Marken. Erst in viel späterer Instanz sehen wir sie als Menschen, die wie Sie und ich einen Bruder oder eine Schwester haben können.
Warum eigentlich? Was macht Weltberühmtheiten anders?
Ich spreche absichtlich von Weltruhm: Menschen, deren Bekanntheit über die Grenzen des Normalen hinausgewachsen ist. Wolfgang Amadeus Mozart, Winston Churchill, Albert Einstein, Madonna. Ihre Bekanntheit ist so groß, dass das Medieninteresse an diesen Menschen sich selbst rechtfertigt: Man interessiert sich für sie, weil man sich nun mal für sie interessiert.
»Ikonen«, so nennt man diese Menschen auch. Das Wort verwies ursprünglich auf die Abbildung von Jesus Christus und anderen christlichen Heiligen. Gibt man bei Google »eine Ikone« ein, erscheinen auf dem Bildschirm Fotos von Kermit dem Frosch und Miss Piggy, von einer Barbiepuppe und von Marilyn Monroe.
Berühmtheiten, das ist schon oft gesagt worden, sind unsere säkularen Götter. Der niederländische Soziologe Abram de Swaan beschrieb dies treffend in seinem Essay Warum Ruhm? (1969): »In dem Maße, wie die Götter immer weniger und immer strenger wurden, die Könige an Macht verloren und die Heiligen an Anhängern, verschwanden die vertrauten Figuren von der Erde. Doch noch immer ist die Welt weit, um sie zu überblicken, und ohne Stützen für das Vorstellungsvermögen. Also gibt es neue Figuren, um das Weltbild zu füllen.«
Diese neuen Figuren, die Superstars mit Heiligenstatus, befriedigen ein Bedürfnis nach Halt. Dieses Bedürfnis ist so groß, dass es überhaupt nichts ausmacht, wie die Berühmtheit ihren göttlichen Status erreicht hat. Selbstverständlich wäre Albert Einstein nie weltberühmt geworden, wäre er kein außerordentlicher Naturwissenschaftler gewesen, und Maria Callas verdankt ihre Bekanntheit zuallererst ihrem Gesangstalent. Man kann aber auch »ikonisch « werden aus dem einfachen Grund, dass das Publikum einen gern als Ikone sieht. Lady Gaga ist vor allem deshalb eine Ikone, weil sie außerordentlich talentiert darin ist, Lady Gaga zu sein. Oder man denke an Paris Hilton. Auch für ihren Ruhm gibt es nicht wirklich objektive oder rationale Erklärungen. Sie ist einfach berühmt. Basta.
Noch etwas ist bemerkenswert: Das Bedürfnis nach göttlichem Halt ist größer als das Bedürfnis, diese Superstars auch wirklich zu kennen. Was weiß denn ein durchschnittlicher Mensch schon von diesen Ikonen?
Albert Einstein? Explodiertes Haar, Schnurrbart und E = mc2. Winston Churchill? Kriegsheld, tischt aus dem Zigarrenrauch heraus prächtige Zitate auf. Mick Jagger? Rolling Stones, Angie und ein großer Mund. Wie berühmt diese Ikonen auch sein mögen, die Mehrheit des Weltpublikums gibt sich mit einer Karikatur zufrieden.
Durch den Mechanismus des Weltruhms stehen die Geschwister doppelt und dreifach im Schatten. Das Publikum hat ein Bedürfnis nach göttlichen Stars, nicht nach Sterblichen mit Fleisch, Knochen und Blutsverwandten. Nicht ohne Grund lesen sich die Namen dieser Geschwister zuallererst wie eine schlechte Parodie auf eine bekannte Marke: Maja Einstein, Chris Jagger, Jack Churchill, Juanita Castro, Paula Hitler.
Daher dieses Buch. Denn Tatsache ist, dass es diese Geschwister tatsächlich gibt oder gab. Mehr noch, sie haben zur Bildung der Persönlichkeiten »unserer« Ikonen beigetragen. Die Identität eines Individuums ist nun einmal nicht unabhängig von jener seines Bruders oder seiner Schwester. Von klein auf haben Geschwister einander am Hals. Der eigene Bruder oder die eigene Schwester ist meist die erste Person, gegen die ein Mensch sich zur Wehr setzt.
Dieses Buch, das sich aus vierunddreißig Porträts von unbekannten Brüdern oder Schwestern von weltberühmten Menschen zusammensetzt, handelt daher ebenso von den Berühmtheiten selbst. Hinter einer ikonischen Marke verstecken sich zwei Menschen.