Ingmar Vriesema – Textauszug, 28.01.16
Ingmar Vriesema

Pippa Middleton – die Schwester von Kate

Die Middleton-Schwestern während der Hochzeit von Prinz William und Kate, 2011


Es klingt nach einer ziemlich undankbaren Aufgabe: Die eigene Schwester heiratet einen Prinzen, und man selbst darf die Schleppe halten. Aber Pippa Middleton – Pip unter Freunden – erkannte ihre Chance, vor den Augen der ganzen Welt zu glänzen. Und sie nutzte sie. Als einzige Teilnehmende der königlichen Vermählung am 29. April 2011 hatte sie die Freiheit, sich den öden Kleidervorschriften zu entziehen. Denn die Braut ist klassisch schön, der Bräutigam erscheint in vollem Ornat, und alle Gäste tragen Anzug oder Hütchen.
Aber was trägt eigentlich die Brautjungfer?
Pippa, an besagtem Tag eindeutig in der Blüte ihres Lebens, trug ein eng anliegendes weißes Kleid, das ihre Figur optimal betonte, und eine weiße Blume im glänzenden braunen Haar. Und so geschah es, dass bei dieser Märchenhochzeit die begehrteste Frau nicht vor der Schleppe lief, sondern dahinter.
Twitter gab angesichts der vielen Tweets über die fabelhafte, sexy Pippa fast den Geist auf. Sogar Teenieidol Justin Bieber twitterte über ihre Schönheit. Auf Facebook wurde eine Fanseite ins Leben gerufen: die »Pippa Middleton Ass Appreciation Society«, die eine Woche nach der Hochzeit über zweihunderttausend Fans zählte. Und die britische Klatschpresse nannte Pippa von nun an »Her Royal Hotness«.
Das alles war kein Zufall. Schon lange vor dem 29. April 2011 war Kates kleine Schwester in Großbritannien als »Perfect Pippa« bekannt, weil sie alles daransetzte, gut auszusehen. Die richtige Frisur, der richtige Teint, die richtige Kleidung. Und bereits 2008 war Pippa gemäß Tatler, der Zeitschrift für die britische Upper Class, die »begehrteste Junggesellin «.
Es war alles eine indirekte Folge der Beziehung zwischen Prinz William und Kate, ihrer zwei Jahre älteren Schwester. Diese Beziehung war für Pippa ein Geschenk des Himmels. Sie brachte ihr Bekanntheit und ein riesiges Netzwerk, und das Netzwerken war für Pippa – wie auch einst für Kate – lebenswichtig. Der Networking-Drang der Schwestern hat mit ihrem bescheidenen Hintergrund zu tun: Enkeltöchter eines Minenarbeiters, Töchter einer Ex-Stewardess. Ihre Eltern wurden plötzlich reich, als sich ihr Postversand für Partyartikel als Riesenerfolg herausstellte. Die Aristokratie war endlich in greifbarer Nähe. Mit den neuen Millionen im Rücken machten sich Kate und Pippa, angetrieben durch ihre Mutter, an einen steilen sozialen Aufstieg.
Die Rivalität war kaum zu vermeiden. Zwei schöne Schwestern, zwei Jahre Altersunterschied, ein Weg nach oben. »Beim Schultennis bildeten sie immer ein Doppel«, erzählte Emma Sayle, eine Schulkameradin aus dem Internat, 2010 der Daily Mail. »Immer lag die Frage in der Luft: Wer ist die Dünnste, wer die Schönste?« Kate Middleton spielte als Zwölfjährige Hockey, Tennis, Volleyball und schwamm, aber Pippa blieb die Dünnere von beiden. Mit vierzehn wechselte Kate ans Marlborough College, ein anderes Prestigeinternat. Kate war dort gemäß ihrer Klassenkameradin Gemma Williamson »schüchtern und unauffällig«. Als die extro- vertierte Pippa ein paar Jahre später auf die gleiche Schule kam, war sie sofort beliebt. »Kate fühlte sich von ihr in den Schatten gestellt.«
Aber Kate war die ältere Schwester, und das wurde zu ihrer Rettung. Sie durfte als Erste an die Universität, entschied sich für Kunstgeschichte im schottischen St. Andrews. Ebenso wie Prinz William, von dem sie in Marlborough noch ein Poster in ihrem Zimmer hängen hatte. Kate ließ ihre Beute nicht entwischen.
Auch ihre Schwester Pippa machte sich als Studentin an den Adel heran. Sie wohnte mit Söhnen von Herzögen zusammen und verkehrte mit anderen reichen Leuten. 2007 ging die Beziehung zwischen Pippa und einem Bankierssohn in die Brüche, und auch Kate und William trennten sich damals für kurze Zeit. Die beiden plötzlich alleinstehenden Schwestern praktizierten in London pausenloses Socializing. Vom einen elitären Nachtklub ging es direkt zum nächsten Polowettkampf. Die Zeitschrift Tatler gab den Schwestern einen Spitznamen, der auf eine Kletterpflanze verwies: »Wisteria Sisters: sehr dekorativ, wahnsinnig duftend und ausgestattet mit einem bösartigen Klettertalent.«
So gesehen gingen die Schwestern am 29. April 2011 einen einzigartigen Kompromiss ein. Kate wurde die Frau des Prinzen, Pippa der Flirt der ganzen Welt.