Hazel Brugger – Leseprobe, 08.12.16
Hazel Brugger

Drei Nüsse für Hazelbrödel

Zwischen Durchge-wham!-theit, Betlehem-Roulette und Instantberuhigung durch Lindorkugel - Hazel Brugger erzählt in ihrem Buch Ich bin so hübsch unter anderem von ihrem Weihnachtsalltag

Die fünfte Jahreszeit dauert sechs Wochen und läuft auf die Klimax Weihnachten hinaus. Dieser nach Zimt und Anis duftende Festtagsfaschismus, die herzerwärmende Struktur von berechneter Harmonie und Nächstenliebe ist es, welche auch den unchristlichsten Bürger von allen Seiten her zu penetrieren versucht.

Jeder Ladenbesitzer tut so, als läge ihm etwas an der Musik, die er abspielt und die im besten Fall irgendwo zwischen Enya und Schwangerschafts-Gymnastik-Harfenklängen hin- und herpendelt. Wenn man Pech hat, wird man auch auf der Straße von Lautsprechern mitten in die Fresse ge-wham!-t und mit glockenbimmelndem Herzschmerz dem Tod durch Seelendiabetes nahegebracht.

Hinzu kommt der gesellschaftliche Zwang, wie die Lachse zur Brutstätte zurückzukehren. Familienmitglieder zu beglücken, die man sich nie als Freunde aussuchen würde, und in steinzeitliche Muster zurückzufallen. Da ist zum Beispiel der Jäger, der Hausmann, der im Schweiße seines Angesichts den eingepackten Baum vom Familienwagen loslöst und in der Stube labradorgleich hechelnd seiner Frau vor die Schuhe wirft wie die tote, nasse Ente. Und sie, die Sammlerin, die ihm darauf einen Kuss gibt (ohne Zunge, das wäre unangebracht), den Baum in den Sockel steckt und das schützende Netz mit gekonntem Messerschlitzer-Move von der Beute ablöst. Und die Kinder, die bei der Herrichtung des Erbeuteten helfen, mit gestärktem Kragen Christbaumkugeln aufhängen und Süßigkeiten arrangieren dürfen. Knochige Erdnüsse, Mandarinen, so prall und saftig wie gut gereifte Ödeme, und Schokolade, die im Mund schmilzt, nicht in der Hand. (Es sei denn natürlich, man steckt sie sich mitsamt der Hand in den Mund.)

Die Vorweihnachtszeit ist, wie ich mir die letzten Monate einer Schwangerschaft ausmale: unendlich viel Vorbereitung für einen einzigen Termin. Und obwohl alle anderen es auch irgendwie hinkriegen, denkt man doch, dass es - wie mans auch macht - verkehrt sein muss, ob durchorganisiert und hübsch dekoriert oder anarchistisch à la Bethlehem-Roulette.

Sowohl zum Elternsein als auch zum Festeschmeißen braucht man keine Prüfung. Man kann lediglich hoffen, dass alles gut wird und am Schluss nicht zu viel Unordnung bleibt. Gleichzeitig ist klar, dass man eigentlich nur alles falsch machen kann - das Kind stürzt und fällt auf die Jesuspuppe im Krippenset, man eilt daher und pfercht zur Instantberuhigung eine Lindorkugel in den Kindermund. Bumm, zack, Totalschaden auf immer und ewig. Denn fortan assoziiert der Nachwuchs Schmerz und Jesusbaby mit Schokolade und muss beim Anblick von Kirchen sabbern und sich geißeln lassen. Sowohl Kind als auch Weihnachten sind auf immer ruiniert, die ganze Arbeit für nichts, halleluja, und all das nur, weil man zum Feiern keinen Eignungstest gemacht hat.

Und wenn Weihnachten dann weder vor noch in oder gar hinter der Tür steht, sondern das Haus endlich, endlich in vom Balkongeländer stürzender Manier verlassen hat, dann ist Zeit für die richtig wichtige Frage im Leben. Nämlich welches Fondue man an Silvester denn nun kochen soll.
 

© 2016 by Hazel Brugger