Martin Amis – Hintergrund, 01.10.15
von Patrick Sielemann, Jasmin Strauß, Anja Kretschmann

Lesereise, nur spannend!

Erhalten Sie Einblick hinter die Kulissen von Martin Amis’ Tour durch Deutschland, die Schweiz und Österreich: 10 Tage, 6 Lesungen, 3 Länder, 642 Zuschauer, 11 Interviews, 2 Fotoshootings und 144 Zigaretten (ca.).

 

MONTAG, 14. September 2015 – Berlin

***

Es ist 7 Uhr morgens, Martin Amis landet am Flughafen Tegel in Berlin. Voller nervöser Erwartung steht der Lektor im Ankunftsbereich, in der Hand ein Schild mit der Aufschrift „Kein & Aber“. Trotz konzentriertem Blick auf die Schiebetür schafft es der Autor, plötzlich wie aus dem Nichts vor ihm zu stehen. Ein blauer Parka. Ein riesengroßer Koffer. Ein durchdringender Blick. Und eine sehr herzliche Begrüßung. Und während sich der Lektor in der Schlange für ein Taxi anstellt, genießt der Autor bei einer Zigarette die ersten Sonnenstrahlen des Tages.

***

„Will I see any refugees?“, lautet eine der ersten Fragen im Taxi. Ja, hm, also in Mitte und Prenzlauer Berg, wo sich das Hotel befindet und die Lesung stattfindet, wohl kaum. Der Autor ist sichtlich enttäuscht, er interessiert sich sehr für das Thema und ist deswegen vor allem gespannt auf München und Salzburg.

***

Die Pressetermine übersteht der sichtlich müde Autor nur mit zahlreichen Zigaretten (Filter-, selbst gedrehte und E-Zigaretten im Wechsel). Seine Antworten sind trotzdem gestochen scharf, wie z. B. im Interview mit der NZZ anschließend geht es noch zum Dreh mit der Kulturzeit. Den Feierabend hat er sich redlich verdient.

 

 

DIENSTAG, 15. September 2015 – Berlin

***

Tagsüber hat der Lektor einige Termine bei Literaturagenten – der Autor befindet sich schließlich in den guten Händen der Pressechefin. „Wow, Martin Amis, das ist ja super“, lautet das allgemeine Feedback der klugen Agenten. Der Lektor nickt stolz. Doch dann, in leicht variierender Form: „Aber verlässt er nicht manchmal einfach die Bühne, wenn ihm was nicht passt / Aber schimpft er nicht manchmal laut auf das schlechte Englisch der Moderatoren / Aber Ihr habt einen Skandal schon einkalkuliert?“ Der Lektor schluckt. „Ja klar haben wir das“, lügt er und unterdrückt die aufkommende Nervosität. Jetzt mal ehrlich: Ist uns nicht ein Charakterkopf auf der Bühne viel lieber als ein geschliffener Langweiler?

***

Die Lesung dann ein Meisterwerk der Eloquenz. Ein fantastischer Jörg Thadeusz moderiert einen spannenden Abend, der weit entfernt von einem Eklat scheint – zumindest bis zur letzten Frage aus dem Publikum, die harsche Kritik an den Seitenhieben des Autors auf die Rolle der Franzosen im Zweiten Weltkrieg übt. Die einsilbige Reaktion von Martin Amis: „Yeah, I’ll see you outside.“ Das Publikum lacht, nur ist nach wie vor nicht gewiss, wie ernst der 65-Jährige es womöglich meinte.

 

 

Ein spätes Abendessen im Paparazzi in Berlin. Martin Amis freut sich besonders über die riesige Dessertplatte.

***

MITTWOCH, 16. September 2015 – Hamburg

***

Der Lektor ist unterdessen zurück im Zürcher Büro, da kommt die Mail aus Hamburg: Ob er ein paar englische Bücher über den Holocaust auftreiben könne, die der Autor dann zwei Tage später in Zürich übernehmen kann. Er habe zu wenig Lesestoff eingepackt. Der Lektor wird nervös. Zählt Martin Amis nicht in seinem Nachwort zu Interessengebiet zehn Seiten lang eindrücklich auf, was er alles zu dem Thema gelesen hat?

***

DONNERSTAG 17. September 2015 – Frankfurt

***

Frankfurt Hauptbahnhof. „Arrival 3 p.m.: Anja will pick you up at the train station“, so sieht es der Ablauf vor – nur der Deutschen Bahn gelingt es, diesen Plan zu durchkreuzen. Mit 45 Minuten Verspätung erreicht der ICE aus Hamburg sein Ziel und mit ihm ein sehr herzlicher Martin Amis – dessen Fokus nach der ausgedehnten Zugfahrt nun vor allem auf dem Beschaffen einer Schachtel Zigaretten liegt.

***

Beim Erreichen des Mousonturms, dem heutigen Veranstaltungsort, wird der Autor bereits von einer kleinen Schar Fans umringt. Die ersten Bücher werden signiert, bevor die Lesung – diesmal moderiert von Jürgen Kaube – beginnt.

Auch dieser Abend findet mit einem großen Eisbecher einen süßen Ausklang.

 

 

FREITAG, 18. September 2015 – München

***

Übergabe in München: Martin Amis wird in der Bayern-Hauptstadt abgeholt. Hinter dem Bahnhof nahe der Zeltstadt, beim Warten auf ein Taxi, wird der Autor das erste Mal direkt mit Flüchtlingen konfrontiert. Er wirkt sehr nachdenklich.

Während er sich im Hotel etwas erholt, fährt die Presseverantwortliche in einen Buchladen ans andere Ende der Stadt, um zwei Beutel „Lesestoff“ auszusuchen: Sachbuchtitel über den ersten und zweiten Weltkrieg, Sophie Scholl, auch etwas über die NS-Zeit in München. Einiges kennt er schon, aber da die Auswahl groß war, ist tatsächlich etwas für ihn dabei.

Nach der Lesung, die von Knut Cordsen moderiert wurde, ging es noch in ein traditionelles bayerisches Gasthaus auf eine Maß und ein Henderl.

***

SAMSTAG, 20. September 2015 – Zürich

***

Der nächste Morgen beginnt mit einem Schock: Es ist der Eröffnungstag des Oktoberfestes und der Einzug der Bierbrauer teilt exakt den Weg vom Hotel zum Bahnhof. Nur mit viel Mühe gelingt es, sich durch den Strom aus Touristen in Lederhose und Dirndl zum Hauptbahnhof durchzuzwängen, wo der Zug auf uns wartet.

***

SONNTAG, 20. September 2015 – Zürich

***

„England: nasty food, nice people. France: nice food, nasty people. Italy: nice food, nice people. Germany: nasty food, nasty people”, zitiert Martin Amis mit einem Augenzwinkern seinen Vater. Zum Glück sind wir in der Schweiz, wo das Mittagessen „Zmittag“ heißt und wo es, zumindest wenn man in der altehrwürdigen Zürcher Kronenhalle sitzt, sowieso keine Komparative gibt. Bei Zürcher Geschnetzeltem und Rösti lauschen Verlegerehepaar und Lektor den spannenden Anekdoten des Autors, zum Beispiel seiner Begegnung mit Kein & Aber-Ikone Truman Capote im Jahr 1978.

***

Eine akzeptable Ausbeute: Immerhin eines der drei für den Autor besorgten Bücher kennt er noch nicht. Das Buch heißt „Anti-Semitism. The Oldest Hatred“ und ist eine Sammlung von Reden und Essays, die so interessant klingt, dass auch eine deutsche Ausgabe infrage käme.

***

MONTAG, 21. September 2015 – Zürich

***

Verleger und Lektor treffen den Autor mittags in seinem Hotel. Der spontane Plan: ein Besuch bei Fritz Senn, dem wohl größten lebenden James-Joyce-Experten, denn Martin Amis selbst ist ein großer Verehrer des großen irischen Schriftstellers, der für einige Zeit in Zürich lebte. Beide brillieren mit fundiertem Finnegans-Wake-Wissen, Verleger und Lektor können da nur staunen.

 

 

Nachmittags Verlagsrundgang, Bücher signieren (gibt es bald zu gewinnen – follow us on Twitter!), gemütliches Kaffeetrinken im Verlegerbüro, Zigarette auf der Dachterrasse, das eine oder andere Interview. Der Autor zeigt keine Ermüdungserscheinungen, die Zürcher Luft scheint ihm gut zu tun.

 

 

DIENSTAG, 22. September 2015 – Zürich

***

Der Tag der einzigen Lesung in der Schweiz, vorher noch ein Fotoshooting. Auf hohem Niveau moderiert Philipp Tingler die Veranstaltung im Kaufleuten, ein heftiger mitternächtlicher Regensturz beendet das gemütliche Zusammensitzen.

 

 

MITTWOCH, 23. September 2015 – Salzburg

***

Die letzte Station. Pressechefin und Autor sind mittlerweile ein eingespieltes Team, und nach der Oktoberfesterfahrung kann sie nichts mehr schocken, dachten sie zumindest. Vor dem Anblick des Fliegers, der die beiden nach Österreich bringen sollte. Das sei schon okay, sagt der Autor, in Indien sei er auch immer mit solchen Maschinen geflogen. Na dann.

***

Clemens J. Setz moderiert den letzten Abend brillant, zwei Schriftsteller-Originale unter sich. Wehleidig fühlt sich nur die Pressechefin, die innerlich schon langsam Abschied nimmt von Autor und einer turbulent-fröhlichen Woche. In Zürich sitzt derweil das gesamte Verlagsteam vor den Bildschirmen und hofft auf gute Verkaufszahlen: Möglichst viele Leser sollen wenigstens das neue Buch dieses Autors kennenlernen, wenn sie schon die Gelegenheit verpasst haben, ihn selbst live zu erleben.