Max Porter: Wo ist Lanny? – Hintergrund, 08.03.19
Max Porter

Der Autor über die Entstehung von »Lanny«

 

Der Roman Lanny entstand aus einem längeren Prosagedicht über die Freundschaft zwischen einem alten Mann und einem Kind, das ich vor zehn Jahren geschrieben habe. Dieses Gedicht hatte ein ganz anderes Ende als der Roman. Das ist wohl damit zu erklären, dass ich in der Zeit zwischen dem Verfassen des Gedichts und dem Verfassen des Romans selbst Kinder bekommen habe. Außerdem haben sich neue politische, ökologische und soziale Krisen entwickelt. Aber die wichtigen Themen des Gedichts finden sich auch im Roman wieder; es sind die Themen, die mich damals wie heute interessieren: die Bedeutung von Mythen, von Kreativität, von Gemeinschaften, Englands eigentümliche und oft wahnhafte Beziehung zur eigenen Vergangenheit, die Wirkung von Natur, von Klatsch und Tratsch, die Schönheit banaler Sprache, des häuslichen Lebens.

 

Mich interessiert, wie direkt ein Schriftsteller den Leser ansprechen und wie viel weggelassen werden kann. Ich wollte, dass Lanny funktioniert wie ein aufklappbares Diptychon, bei dem sich die Erfahrungen, Erkenntnisse oder Provokationen einer Seite auf der anderen widerspiegeln. Was passiert, wenn man Fragen nach Unschuld oder Verletzlichkeit beantworten soll, einem jedoch der Boden der Realität weggezogen wird? Wenn sich das Register der Urteilsbildung verschiebt? Und ich wollte etwas schreiben, was einem Bilderteppich gleicht, etwas, das die Vielstimmigkeit eines Orts wiedergibt – die Art und Weise, wie ein Ort denkt –, ohne das Individuelle zu untergraben. Im Angesicht dessen, was diesem Ort in dem Roman widerfährt, musste diese Vielstimmigkeit alltäglich und trivial sein.

 

Eigentlich aber ist es ein Roman über das Band, das die Eltern mit ihren Kindern verbindet. Es ist (schon wieder) im tiefsten Kern ein Roman über die Liebe.