Max Porter: Wo ist Lanny? – Interview, 08.03.19
Patrick Sielemann

»Ich sauge das Blut aus deinen Adern«

Lieber Max Porter, Lanny ist Ihr zweiter Roman. Ihr Debüt Trauer ist das Ding mit Federn war ein weltweiter Erfolg. Wie schwierig war es, sich hinzusetzen und wieder mit einer leeren Seite anzufangen?

Ich war sehr erleichtert, als ich gemerkt habe, dass dieser Roman einfach aus mir hinausfließt. Ich liebte es, mich jeden Freitag (ab Anfang 2017 habe ich mir den Freitag zum Schreiben freigehalten) mit einer Tasse Tee und Kopfhörern hinzusetzen und das Dokument zu öffnen. Ich dachte nicht an Rezensionen, Verkäufe, meinen Ruf oder den „Fluch des zweiten Romans“. Ich habe mich einfach in das Schreiben verliebt, in die Herausforderungen, die mir der Plot bescherte, in den Aufbau dieser Figuren, in die Welt des Romans. Eines Morgens rief ich meiner Frau zu: „ICH LIEBE DAS, ICH WILL NICHTS ANDERES MACHEN.“ Ich habe die ganze Woche über an das Buch gedacht, habe es in meinem Kopf und in meinen Notizbüchern wachsen lassen, und dann, als der Freitag kam, war das Schreiben eine reine Freude.

 

Ihr neuer Roman ist vieles: eine Geschichte über Eltern, über Freundschaft, über Kindheit, über das Leben in einem Dorf. Es hat Elemente eines Märchens, eines Thrillers, eines Coming-of-Age-Romans. Wussten Sie schon von Vornherein, welche Richtung die Geschichte nehmen würde?

Ich wusste, dass es vor allem ein Buch über Freundschaft sein würde. Über diese seltsame Beziehung zwischen einem alten Mann und einem Jungen, und über die verschiedenen Perspektiven, aus denen diese Freundschaft betrachtet werden kann. Ich wusste nicht, wie das Buch enden würde. Ich musste es mir erschreiben und mir das Buch anhören, um das Ende herauszufinden – ob es schmerzhaft werden muss oder tragisch oder hoffnungsvoll oder magisch. Ich habe auch erst beim Schreiben gemerkt, dass es eine Art philosophische Abrechnung mit England sein würde: ein Buch über die problematischen Beziehungen, die wir zueinander und zu dem Land haben. Als ich nach Fertigstellung gemerkt habe, dass es im Kern vielleicht ein Buch über Mütter und ihre Kinder ist, war ich überrascht.

 

In dem Roman taucht eine Stimme auf, die in der Literatur einzigartig zu sein scheint: die Stimme von Altvater Schuppenwurz. Sie ist archaisch und angsteinflößend und doch merkwürdig vertraut. Was hat Sie zu dieser Stimme veranlasst?

Ich brauchte eine Figur, mit der ich Spaß haben konnte, sprachlichen Spaß. Ich wollte ein herrliches, seltsames, verstörendes, fröhliches Sprachwesen. Altvater Schuppenwurz ist eine post-mythische Figur. Er ist inspiriert vom „Grünen Mann“, aber auch von anderen mythischen und folkloristischen Figuren. Er selbst ist sich aber gleichzeitig auch bewusst, wie diese Figuren in der Historie für Propaganda, Entertainment oder Kommerz ausgenutzt wurden. Er ist allwissend. Er ist wie ein Baum, der das menschliche Treiben schon seit sehr langer Zeit beobachtet – er weiß, wie wir miteinander umgehen und wie wir schon immer waren. Er liebt die Alltagssprache (wie ich), Slang, Klatsch und Tratsch, Fluchen, Flirten, den täglichen Mix der menschlichen Kommunikation.

 

Eine logische Folge aus dieser Figur ist das Setting des Romans: der Wald. Was bedeutet Natur für Sie?

Ehrlich gesagt bin ich ein bisschen heidnisch. Ich bete Bäume an. Ich respektiere und bewundere sie mehr als jeden Menschen oder jede menschliche Vorstellung von einem Gott. Ich denke, es ist fast lächerlich, dass wir uns selbst und unsere politischen oder religiösen Obsessionen so ernst nehmen, wenn diese lebensspendenden Wunder unter uns wachsen, uns überleben, uns erhalten. Außerdem wollte ich, dass Lanny intuitiv spürt und weiß, dass uns der Wald wichtige Dinge lehrt. Geduld, Verfall, den Kreislauf des Lebens. Schönheit und Wachstum. Ich wollte nicht explizit über die Umwelt-Apokalypse schreiben, aber ich hoffe, dass das Buch in einem tiefen Respekt vor der natürlichen Welt verankert ist – und in dem Gefühl, dass in dem ganz großen Gefüge die menschliche Existenz nichts anderes ist als ein Augenzwinkern.

 

Das triviale Gerede und Geschwätz der Dorfbewohner tragen wesentlich zur bedrückenden Atmosphäre bei. Was werden Ihre Nachbarn über das Buch sagen?

(Lacht) Ich lebe ja zum Glück nicht wirklich in einem Dorf, und man könnte Bath wohl kaum mit Lannys Dorf verwechseln. Aber ja, ich lebe in einer kleinen Gemeinde am Rande der Stadt, und die Leute könnten sich in dem Buch wiederfinden. Zu meiner Verteidigung kann ich sagen: „Ich habe es geschrieben, bevor ich hierhergezogen bin“, oder: „Es ist alles erfunden, reine Fiktion!" Oder ich könnte mutig sein und sagen: „Ja, jede Begegnung, die ich je habe, bereichert meine Arbeit, denn es ist die Aufgabe des Schriftstellers, das Blut aus deinen Adern zu saugen, um daraus Kunst zu machen!“

 

Vielen Dank für dieses Gespräch.