Michel Faber – Hintergrund, 14.05.18
Patrick Sielemann

Liebe auf den zweiten Blick

Liebe Leserin, lieber Leser,

»Ein Pfarrer reist in der nahen Zukunft auf einen fernen Planeten, um dort die Außerirdischen zu missionieren.« Als wir im Lektorat von Kein & Aber mit diesem Satz den Roman „The Book of Strange New Things“ von Michel Faber gepitcht bekamen, schien die Sache sofort klar. Die Formel Kein Science-Fiction + Keine Dystopien + Keine Romane, die nach religiöser Erbauungsliteratur klingen ist schnell errechnet und führt zu dem Ergebnis einer raschen Absage. Diese Einschätzung teilten wir offenbar mit einigen anderen deutschen Verlagen: Während das Buch bereits in über zwanzig Sprachen übersetzt wurde, wollte sich kein deutschsprachiger Verlag dafür finden.

Es passiert leider nicht selten, dass einem als Lektor bei der Suche nach dem nächsten Bestseller der Blick von Äußerlichkeiten verstellt wird. Bevor man mit dem Lesen eines Manuskripts beginnt, sortiert man vor: Dieses möchte ich mir gleich anschauen, jenes eilt nicht, ein drittes hat sich bereits ein anderer Verlag geschnappt, bevor man überhaupt die Datei öffnen konnte. Zu hoch ist das Tempo, mit dem neue Bücher auf die internationalen Märkte drängen. Viele gute Bücher werden nicht verlegt, weil der erste Eindruck der falsche ist.

Dass man sich ein Manuskript ein zweites Mal zur Hand nimmt, kommt so gut wie nie vor. Doch manchmal begegnen einem abgesagte Bücher immer und immer wieder, auf eine Weise, die man magisch nennen kann oder penetrant. Begeisterte internationale Pressestimmen. Ein britischer Verleger, dessen Stimme sich überschlägt, wenn er auch noch ein Jahr später auf der Messe davon spricht. Ein Scout, den das Buch nicht loslässt. Ein niederländischer Lektor, der einem Wörter wie „Meisterwerk“ und „einzigartig“ an den Kopf wirft. Enthusiastische Urteile von Autoren, die man selbst verehrt: David Mitchell, Yann Martel, Clemens J. Setz. Es ist keine besondere editorische Leistung, unter diesen Umständen ein zweites Mal zu einem Manuskript zu greifen.

Und es wirklich zu lesen. Nicht nur den Pitch, nicht nur die ersten dreißig Seiten, sondern weiter.

Michel Faber ist in der Branche kein Unbekannter. Der gebürtige Niederländer, der seine Bücher auf Englisch verfasst, schreibt selten, aber sehr erfolgreich. Es ist sechzehn Jahre her seit seinem tausendseitigen Weltbestseller „Das karmesinrote Blütenblatt“ über den sozialen Aufstieg einer Prostituierten im viktorianischen England. Aus seiner Feder stammt auch der Roman „Die Weltenwanderin“ über eine männerfressende junge Frau im schottischen Hochland, verfilmt mit Scarlett Johansson. In einer Branche, in der die Schriftsteller zunehmend dazu ermutigt werden, mehr von dem zu produzieren, was als verkäuflich gilt, hat sich Michel Faber die Tugend der Unberechenbarkeit angeeignet – und sich die Verkäuflichkeit dennoch bewahrt.

„Das Buch der seltsamen neuen Dinge“ ist weder Science-Fiction noch Dystopie noch religiöse Literatur. Der junge Pfarrer auf dem fernen Planeten kämpft eben nicht mit feindseligen Aliens, muss sich eben nicht in atemberaubenden Landschaften zurechtfinden. Die Landschaft auf Oasis ist öde und matschig, und die Außerirdischen sind schon fast zu gottesfürchtig. Genau wie der Leser hat der Pfarrer es sich anders vorgestellt. „Ein Schriftsteller muss zwei Fähigkeiten haben: neue Dinge vertraut und vertraute Dinge neu erscheinen zu lassen.“ Samuel Johnsons Postulat wird von Michel Faber auf geniale Weise umgesetzt: Der fremde Planet erscheint heimelig, während die altbekannte Erde zu einem Zerrbild verkommt. Denn die Action vollzieht sich nicht am anderen Ende des Universums – wo sich Hauptfigur und Leser befinden –, sondern auf dem Heimatplaneten: Die Frau des Pfarrers durchlebt auf der Erde eine Katastrophe nach der anderen, doch das erfährt man nur aus ihren Briefen. Die typischen Elemente von Science-Fiction, Dystopien und religiöser Literatur werden bewusst unterlaufen, und im Kern hält sich eine berührende Liebesgeschichte: Was verbindet zwei Menschen, selbst wenn sie unendlich weit voneinander entfernt sind?

Seitdem wir diesen besonderen Roman akquiriert haben, kommt es immer wieder zu diesen kleinen Begegnungen mit Leuten, die ebenso begeistert sind davon: Ein unbekannter Übersetzer, der das nicht gerade dünne Buch einfach so für sich übersetzt hat. Der holländische Lektor, der einem auf der nächsten Frankfurter Buchmesse in einem Anflug von Geistesverwandtschaft in die Arme fällt. Die Vertreter, die angesichts des Pitchs ins Schwitzen kommen, aber deren Augen glänzen. Ein Autor wie Clemens J. Setz, der es nicht bei einem Statement bewenden lässt und das Buch zudem den „bewegendsten Abschiedsroman“ nennt, den er je gelesen habe.

Dieses Buch bewegt die Menschen. Es beschäftigt sie, berührt sie. Obwohl es die Geschichte einer unendlich weiten Distanz ist, verbindet es sie miteinander. Das Buch verdient den zweiten Blick. Denn das Zusammenspiel aus der literarischen Qualität dieses Werks und aus der Wirkung, die dessen Lektüre hat, macht es zu etwas Besonderem.