Michel Faber – Leseprobe, 14.05.18
Michael Faber

Der erste Kontakt

Lesen Sie hier exklusiv einen Ausschnitt aus dem sechsten Kapitel: Die erste Begegnung mit den Einheimischen von Oasis steht kurz bevor.

 

Ein Rendezvous zwischen einem verheirateten Mann und einer fremden Frau, beide weit weg von zu Hause, in den dunklen Stunden vor dem Morgengrauen. An den Gedanken, dass daran irgendetwas anstößig oder annähernd kompliziert sein könnte, verschwendete Peter keine Energie. Er und Grainger hatten zu arbeiten, und Gott schaute zu.

            Außerdem war Graingers Reaktion ihm gegenüber, als er auf ihr Klopfen die Tür öffnete, schwerlich ermutigend. Sie stutzte sichtlich – eine klassische Spätzündung nach Comic-Manier. Ihr Kopf fuhr so heftig nach hinten, dass er dachte, sie würde rückwärts in den Gang taumeln. Der Auslöser war natürlich das große Tintenkreuz auf seiner Brust. Es mit ihren Augen zu sehen, machte ihn plötzlich verlegen.

            „Ich habe Ihren Rat beherzigt“, witzelte er und zupfte an den Ärmeln der Dischdascha. „Von wegen der Jeansjacke.“

            Sie schaute ihn fassungslos an.

            „Sie hätten in einen T-Shirt-Laden gehen können“, sagte sie schließlich, „damit das … äh … professionell gemacht wird.“ Ihre Sachen waren dieselben wie bei ihrem ersten Zusammentreffen: immer noch der weiße Kittel, die Baumwollhose, das Kopftuch. Keineswegs konventionell westliche Kleidung, doch an ihr sah sie irgendwie natürlicher und weniger affektiert aus als sein eigener Aufzug.

            „Das Kreuz war … ein Zufall“, erklärte er. „Ein paar Tintenstifte sind geplatzt.“

            „Ach so …“, sagte sie. „Na ja, es hat was … Selbstgemachtes. Amateurhaft - im guten Sinn.“

            Dieses herablassend-diplomatische Zugeständnis brachte ihn zum Schmunzeln. „Sie finden, ich sehe tuntig aus.“

            „Wie bitte?“

            „Wie ein Poseur.“

            Sie blickte den Gang hinunter, Richtung Ausgang. „Das kann ich nicht beurteilen. Sind Sie soweit?“

            Seite an Seite verließen sie das Gebäude und traten hinaus in die Dunkelheit. Die warme Luft umfing sie mit duftigem Wohlwollen, und schon ließ Peters Unbehagen wegen seiner Kleidung nach, denn für das Klima war sie ideal. Seine alten Sachen, das sah er jetzt ein, hatte er umsonst mit nach Oasis gebracht. Er musste sich neu erfinden, und heute Morgen war ein guter Zeitpunkt, damit anzufangen.

            Graingers Wagen stand direkt neben dem Gebäude, beleuchtet von einer aus der Betonwand ragenden Lampe. Es war ein großes, martialisches Gefährt, offensichtlich mit einem viel leistungsstärkeren Motor als der bescheidene Kleinwagen von Peter und Bea.

[…]

Die Landschaft war, soweit Peter es im Dunkeln mitbekam, erstaunlich kahl für das Klima. Der Boden war schokoladenbraun und so kompakt, dass der Wagen darüber hinwegrollte, ohne die Federung zu beanspruchen. Stellenweise war das Gelände von weißen Pilzen gesprenkelt oder von einem grünlichen, moosartigen Schleier überzogen. Keine Bäume, keine Sträucher, nicht mal Gras. Eine dunkle, feuchte Tundra.

            Durch das Seitenfenster erblickte er einen einzelnen Regenwirbel am sonst leeren Himmel, eine glitzernde Wassertropfenschleife von der Größe eines Riesenrads, die über das Land zog. Sie bewegte sich von ihnen weg, sodass Grainger einen Umweg hätte fahren müssen, um sie zu durchqueren. Er überlegte, sie darum zu bitten, als wären sie Kinder, die sich einen Spaß mit dem Rasensprenger machen. Aber sie war ganz aufs Fahren konzentriert, auf die vor ihnen liegende nichtexistente Straße, das Steuer fest in beiden Händen. Der schimmernde Regenwirbel verblasste, als die Scheinwerfer an ihm vorbeistachen, und verlor sich in der Dunkelheit hinter ihnen.

            „Gut“, sagte Peter. „Dann erzählen Sie mir doch mal, was Sie wissen.“

            „Worüber?“ Ihre Lockerheit war wie weggewischt.

            „Über die Leute, die wir besuchen.“

            „Das sind keine Leute.“

            „Tja …“ Er holte tief Luft. „Ein Vorschlag, Grainger. Können wir uns darauf einigen, das Wort ‚Leute‘ in der erweiterten Bedeutung von ‚Bewohner‘ zu verwenden. Vielleicht war es ursprünglich ohnehin so gemeint. Wir könnten zwar auf ‚Kreatur‘ ausweichen, aber das wäre auch schwierig, oder? Ich persönlich fände ‚Kreatur‘ gut, wenn wir es auf seine lateinische Wurzel zurückbeziehen könnten: creatura, ‚erschaffenes Wesen‘. Denn erschaffen sind wir alle, nicht? Aber im Laufe der Jahrhunderte hat es Federn gelassen, das Wort. Derart, dass ‚Kreatur‘ für die meisten Leute nur noch ‚Untier‘ bedeutet oder zumindest etwas Animalisches. Wobei mir einfällt: Wäre es nicht schön, alle atmenden Wesen als ‚animalisch‘ zu bezeichnen? Schließlich bedeutet das griechische Wort anima ‚Atem‘ oder ‚Seele‘, und damit ist das Wesentliche doch so ziemlich erfasst, oder?“

            Es wurde still im Wagen. Grainger starrte unverändert in den Lichtkegel vor ihr. Nach etwa dreißig Sekunden, einer unter den Umständen recht langen Zeit, sagte sie: „Na, ein Laienprediger aus Hicksville sind Sie ja nicht gerade.“

            „Das habe ich auch nie behauptet.“

            Sie warf ihm einen Seitenblick zu, sah, dass er lächelte, und lächelte mit. […]

            „Sie haben meine Frage nicht beantwortet“, sagte er. „Die Frage nach den Leuten, zu denen wir fahren. Was wissen Sie über die?“

            „Sie sind … äh …“ Mehrere Sekunden rang sie um die richtigen Worte. „Sie haben gern ihre Ruhe.“

            „Das hätte ich mir denken können. Kein einziges Foto in den USIC-Broschüren. Ich hätte zumindest ein Bild erwartet, auf dem irgendein strahlender Offizieller einem Einheimischen die Hände schüttelt.“

            Sie lachte leise. „Das wäre schwer hinzukriegen.“

            „Keine Hände?“

            „Klar haben sie Hände. Sie stehen nur nicht so auf Körperkontakt.“

            „Also bitte, dann beschreiben Sie sie.“

            „Das ist schwierig“, seufzte sie. „Beschreiben kann ich nicht gut. Wir sehen sie doch auch bald.“

            „Versuchen Sie’s.“ Er blinzelte nervös mit den Wimpern. „Ich wäre Ihnen dankbar.“

            „Tja … Sie tragen lange Kapuzengewänder. Wie Mönche oder so.“

            „Menschenähnlich gebaut also?“

            „Ich nehme es an. Schwer zu sagen.“

            „Aber sie haben zwei Arme, zwei Beine, einen Rumpf …“

            „Klar.“

            Er schüttelte den Kopf. „Mich überrascht das. Immer habe ich mir gesagt, ich darf nicht davon ausgehen, dass die menschliche Gestalt eine Art weltenübergreifender Standard ist. Ich hab versucht, mir … große, spinnenartige Wesen vorzustellen oder Stielaugen oder riesige unbehaarte Opossums …“

            „Riesige unbehaarte Opossums?“ Sie strahlte. „Wunderbar. Klingt nach Science-Fiction.“

            „Aber warum sollten sie bei allen Möglichkeiten, die man sich vorstellen kann, ausgerechnet von menschlicher Gestalt sein? Erwartet man nicht gerade von Science-Fiction was anderes?“

            „Ja, kann sein … Vielleicht auch von der Religion. Hat Gott nicht den Menschen nach seinem Bild erschaffen?“

            „Mann wie Frau. Das hebräische Wort ist ha-adam, was meiner Ansicht nach beide Geschlechter umfasst.“

            „Freut mich zu hören“, sagte sie trocken.

            Wieder fuhren sie ein paar Minuten schweigend. Am Horizont meinte Peter den Hauch eines Lichtscheins zu sehen.

Einen feinen Lichtdunst, der das dunkle Aquamarin und Schwarz des Übergangs zwischen Himmel und Erde in Grün und Braun verwandelte. Schaute man lange genug hin, fragte man sich, ob es bloß eine optische Täuschung war, ein Trugbild, das frustrierte Herbeisehnen des Endes der Nacht.

            Und das da in dem zaghaften Lichtschein …? Ja, da war noch etwas am Horizont. Irgendetwas Erhöhtes. Berge? Felsen? Gebäude? Ein Ort? Eine Stadt?

[…]

Plötzlich wurde Peter das ganze Ausmaß der Herausforderung bewusst. Bislang war es allein um ihn und sein Durchhaltevermögen gegangen: die Reise zu überstehen, sich vom Raumsprung zu erholen, sich an die seltsame neue Luft und den Schock der Trennung zu gewöhnen. Doch es hing so viel mehr daran. Ob es ihm gut oder schlecht ging, änderte nichts an der enormen Größenordnung des Unbekannten. Er näherte sich monumentalen Schranken der Fremdheit, die existierten, ganz gleich, wie ausgeruht oder unausgeruht er war, wie verschlafen oder wach, wie schnell oder schwer von Begriff.

            Psalm 139 kam ihm in den Sinn, wie so oft, wenn er Zuspruch brauchte. Heute jedoch war ihm die Mahnung an Gottes Allwissenheit kein Trost, sie verstärkte nur sein Unbehagen. Wie kostbar sind mir deine Gedanken, Gott! Wie gewaltig ist ihre Summe! Wollte ich sie zählen, sie sind zahlreicher als der Sand. Jedes einzelne von den Wagenrädern hochgeschleuderte Dreckpartikel war gleichsam eine Wahrheit, die er lernen musste, eine Unmenge an Wahrheiten, die zu erfassen er weder die Zeit noch die Fähigkeit besaß. Er war nicht Gott, und was hier zu tun war, konnte vielleicht nur Gott vollbringen.

            Grainger schaltete erneut die Scheibenwischer ein. Eine Zeit lang war das Glas verschmiert, dann wurde die Sicht klar, und die Einheimischensiedlung erschien wie neu, jetzt von der aufgehenden Sonne beschienen. Die Sonne änderte alles.

            Ja, die Mission war beängstigend, und er war nicht in der besten Verfassung. Aber er war hier, und ihm stand die Begegnung mit einer ganz neuen Art von Leuten bevor, eine Begegnung, zu der Gott ihn ausersehen hatte. Was immer auch das Schicksal für ihn bereithielt, es würde mit Sicherheit kostbar und staunenswert sein. Sein ganzes Leben – das begriff er, als jetzt die Fassaden der unbekannten Stadt vor ihm aufragten, Horte unvorstellbarer Wunder –, sein ganzes Leben gipfelte in diesem Moment.

 

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