Mireille Zindel – No. 1, 17.02.16
von Mireille Zindel

Diplomatie

Mitten im Lektorat noch guter Dinge!


Ich dachte, an meinem Text sei nicht mehr viel zu tun. Aber ich hatte nicht mit der besten Lektorin der Welt gerechnet, mit ihrem scharfen Auge und ihren unzähligen, guten Hinweisen. Schreiben ist das eine. Redigieren das andere. Offenbar war ich für den eigenen Text blind geworden.
Also ging für mich nach dem Lektorat die Arbeit von vorne los. 
Lektorat bedeutet, dass alle Faktoren eines Textes kontrolliert werden: Inhalt, Stil, Grammatik, Rechtschreibung, Zeichensetzung. Ich weiß nicht, ob das auf jeden Lektor/jede Lektorin zutrifft, aber meine Lektorin ist auch eine halbe Korrektorin. 
Das führt zwangsläufig zu zahlreichen Anmerkungen im Text, Fragen, Verbesserungsvorschlägen, Formulierungsalternativen, persönlichen Eindrücken und farblichen Hervorhebungen. Wenn man als Autor sein Manuskript voller Markups zum ersten Mal vor sich hat, kann man schon etwas durcheinander geraten. Ist das eine rhetorische Frage? Oder etwa doch eine Kritik? Das Meiste ist nur als Anregung gedacht (obwohl es bestimmt einen guten Grund für die Anregung gibt), und es ist an mir, über jeden einzelnen Punkt zu urteilen, ob ich ihn umsetzen will. Manchmal ist das nicht nur ein sprachlicher Balanceakt, sondern auch ein diplomatischer. Denn hie und da erkenne ich sehr wohl, dass der Vorschlag der besten Lektorin der Welt flüssiger und lesbarer daherkommt als meine Version, aber weil es nicht nach mir klingt, entschließe ich mich nach langem hin und her doch für die eigene Stimme. 
 

Autor*innen:

Mireille Zindel