Olivia Sudjic – Hintergrund, 15.05.17
Patrick Sielemann

Die Sympathie-Tour durch Manhattan

 

Während sich Teile des gefeierten Debüts in London und Japan abspielen, ist Hauptschauplatz New York. Olivia Sudjic selbst hat einige Zeit dort gelebt, um den Roman zu schreiben – was sich in den wunderbaren Beschreibungen der Szenerie widerspiegelt. Unsere Kollegen von Houghton Mifflin Harcourt, wo das Buch auf Englisch erscheint, sind nicht nur ein paar der Schauplätze abgewandert, sie haben auch diese Google Map erstellt, die den einen oder anderen Geheimtipp für Ihren nächsten Besuch in New York enthält.

 

 

Meine Mutter erhielt das große Zeichen, als sie neben der Alice-im-Wunderland-Statue im Central Park stand. Sie kam mit einer jungen Frau ins Gespräch, die rasch zu ihrer Freundin, Vertrauten und trotz Marks und meiner Interventionsversuche dann auch Leihmutter wurde.

 

Dwight holte mich am Columbus Circle ab und führte mich in den Central Park. Ich musste gleichzeitig mit ihm Schritt halten, aufpassen, dass ich nicht seinen Arm streifte, und ihm zuhören, was, gemessen an meiner gewohnten Trance, ziemlich unangenehm war. Meine Umgebung wurde zur Ablenkung. Zu einer bedrohlichen Peripherie. Sie führte dazu, dass ich mitten im Satz ein Wort vergaß oder mich verhaspelte. Dwight fragte mich, ob ich wüsste, wie ein bestimmter Baum heiße, sonst habe er eine App dafür, und ich legte eine Hand an die Rinde, da ich es tatsächlich wusste, die wuchsen in der Nähe von unserem Haus in England, aber obwohl ich ihn berührte, kam ich nicht auf den Namen.

 

Mizuko war im Hungarian Pastry Shop, nur wenige Meter vom Pflegeheim entfernt. Ich war einmal mit Robin und den Zwillingen dort gewesen – sie nannten es das ungarische Café – und erkannte die rote Farbe an der Wand und die knusprigen Schichten des Kuchens, der dort angeboten wird. Außerdem hatte sie den Ort auf ihrer Google Map markiert, es bestand also kein Zweifel.

 

Nachdem sie etwas auf ihrem Smartphone überprüft hatte, schlug Mizuko eine andere Bar vor. Außerdem musste sie auf einmal dringend aufs Klo, weshalb wir einen Zwischenstopp an einem Café namens Nussbaum & Wu einlegten. Ich wartete draußen und weiß noch, wie ich mich plötzlich fragte, ob ich noch bleiben sollte, jetzt, wo unser Nebeneinander zerbrochen war.

 

Der einzige Ort, an dem ich etwas spürte, war der Sakura Park. Der kleine Park befand sich nahe meinem alten Zuhause direkt neben der Musikschule auf der Claremont Avenue. Er war grün und von Linden überdacht. Aus irgendeinem Grund war es dort still, und ich hörte keinen der großen roten Sightseeingbusse mehr vorbeibrausen. Als ich mich aufs Gras nahe der Pagode legte, überkam mich eine flüchtige Erinnerung, wie winzig ich einmal gewesen war. Wie mich Grashalme fasziniert hatten, die so breit waren wie meine Fingernägel. Die Schaukeln mit ihren klirrenden Ketten lösten ebenfalls etwas in mir aus, auch wenn ich nicht sagen könnte, was genau. Ob es Erinnerung war oder Hellseherei. Während ich durch den Park ging, fielen mir weitere Dinge auf, die dieselbe Saite in mir anschlugen. Eine Tōrō, eine schwere, steinerne Laterne, am nördlichen Ende des Parks, die anlässlich der Verschwisterung von New York und Tokio installiert worden war.

 

Auf dem Weg Richtung Columbia bemerkte ich ein Restaurant namens Miss Mamie’s Spoonbread Too, das »hausgemachte Südstaatenküche in rustikalem Ambiente mit rotem Schachbrettboden« bot. Das würde auch eine gute Kachel für meinen Instagram-Account abgeben.