Simone Meier – Leseprobe, 15.12.16
Simone Meier

Am Frühstückstisch, Kapitel 21


Lilly schob den Honig quer über den Tisch zu Sue und fragte möglichst unauffällig: »Hast du jetzt eigentlich einen Freier?«

Sue beugte sich wortlos über ihr Croissant.

»Ob du einen Freier hast, einen Freier namens Max!«

Sue zerzupfte das Croissant mit silbernen Fingernägeln.

»Okay, du hast also einen Freier. Spinnst du jetzt total?«

»Freier, Quatsch, frag doch anders: Hey, Sue, woher hast du denn plötzlich das viele schöne Geld? Ist ja Wahnsinn! Mensch, musst du schlau sein!«

»Mensch, musst du blöd sein «, sagte Lilly und nahm die vor sich hin röhrende Espressokanne vom Herd.

»Wer hat einen Freier?«, fragte Alex.

»Ich«, sagte Sue mit einem Mund voller Croissant.

»Aha«, sagte Alex, »hm.«

»Hm was«, mampfte Sue, »spit it out! Ja, ich lass mich von einem Typen vögeln. Ja, er ist alt. Nein, ich steh nicht auf ihn, null, aber auf sein Geld. Ja, ich kann Prostituierte verstehen. Konnte ich schon immer. Nein, ich hab keine Angst, dass ich deswegen abstumpfe oder so. Gut jetzt?«

»Ist das nicht eklig? So für dich als Lesbe?«, fragte Alex.

»Nee, wieso? Ist reine Physik«, sagte Sue.

»Er ist ein Mann!«, protestierte Lilly. »Ich meine, ein Mann ist doch ungefähr das Gegenteil von einer Frau!«

»Ah komm, jetzt werd nicht sentimental, beide stecken dir was rein, beim einen ist Gummi drum, bei der andern nicht.«

»Aber eine Frau … « Lilly versuchte es nochmals.

»Ich will frühstücken! Ich hab keinen Bock auf das Gender-Geschwafel einer bisexuellen Tussi, die sich nicht entscheiden kann! Und sag jetzt nicht: Sue, wenn du dich für einen Mann prostituierst, unterstützt du den patriarchalen Herrschaftsdiskurs ! Patriarchat my ass ! Ich nehm das Patriarchat

aus, dass es knallt!«

»Seh ich nicht so: Du lässt dich aufs Konventionellste vom Patriarchat knallen und sorgst damit erfolgreich für seine Kontinuität«, sagte Alex, »wie wärs mit richtiger Arbeit?«

»Ich nenn es Arbeit! seid froh, dass ich endlich mal meine Miete regelmäßig zahle!«

»Musst nicht gleich so biestig werden, Baby«, sagte Lilly, legte von hinten ihre Arme um Sue und küsste sie auf ihre hektisch gerötete Wange. Es gab nichts Weicheres als Sues Wange.

»Was ist eigentlich dein Stundenlohn im Bistro?«, fragte Sue.

»22 plus Trinkgeld«, sagte Lilly und versuchte, stolz zu klingen.

»Pffff, meiner ist 300. Plus Geschenke, verkaufe ich alle auf eBay. Und jetzt fick dich selbst«, zischte Sue, sprang auf und verschwand.

»Nicht gut. Gar nicht gut«, meinte Alex.

»Kennst du diesen Max?«, fragte Lilly.

»Mmmmhh.«

»Und wie ist der so?«

»Schätzungsweise Mittvierziger, gut situiert, versucht immer, so auf Humphrey Bogart zu machen, tendenziell scheu, sicher sauber, nimmt sehr wahrscheinlich keine Drogen, verbreitet keine Geschlechtskrankheiten und so. «

»Wow, voll der Langweiler. Und du bist noch nie auf die Idee gekommen, ihm die Hölle heißzumachen?«

»Was soll ich denn sagen? Na du Wichser, verpiss dich sofort aus unserer Wohnung?«

» Zum Beispiel?«

»Mein Problem«, erklärte Lilly, »ist, dass Jonas diesen Max mag. So richtig. Er vergleicht ihn schon mit Vater.«

»Nicht gut«, sagte Alex.

»Ich mein, wir können nicht wirklich sagen: Alter, wenn du mit Sue fertig bist, setz dich doch mal mit uns in die Küche und wir reden über alles. Und by the way, mein Bruder hat ein paar echte Probleme, und wir glauben, dass du ihm helfen kannst. So was wär ja ganz praktisch.«

»Trotzdem beschissen«, sagte Alex, »was ist denn eigentlich mit dir?«

Lilly holte Schaufel und Besen und tat, als habe sie die Frage überhört. Sie kroch unter den Tisch und kehrte Sues Croissant-Verwüstung zusammen. Nur nichts liegen lassen, die Kakerlaken würde sich daran satt fressen und fette Eierpakete fabrizieren. Zu ihrer Beruhigung hatte sie gerade gelesen, dass man Kakerlaken ruhig mit Schuhen zertreten dürfe, weil nämlich die Eier, die aus einem zertretenen Kakerlaken-Weibchen quollen, im Profil eines Schuhs nicht überlebten. Gute Frage: Was war mit ihr? Zog sie etwas so Aufwendiges und Eigennütziges wie die Liebe momentan überhaupt in Betracht? Ausschließen ließ sich die Liebe nie, aber sie kostete Kraft. Lieber keine Liebe, dachte Lilly. Lieber

später. Ob die blonde Anna eigentlich in diesen F. verliebt war? Oder F. in Anna? Die beiden schienen einander gut zu kennen. Ob er wohl immer so unausstehlich war wie neulich im Bistro? Lilly vermutete Restkoks. Anna hatte anders ausgesehen als sonst. Eine Weite hatte um ihr Lächeln gelegen. Lilly vermutete Liebe, doch nicht unbedingt zu F. Als sie sich mit ihrer Schaufel voll buttriger Brosamen wieder aufrichtete, stand Alex immer noch da. Sie strich sich die Haare aus dem Gesicht. »Sorry, hast du was gesagt?«

»Nichts«, sagte Alex, »lassen wir’s einfach.«

Lilly überlegte kurz, ob sie ihn umarmen sollte, angebracht wäre wohl irgendwas zwischen Schwester und Versprechen, etwas, das ihn hinhalten würde, ohne zu verletzen. Die Türklingel erlöste sie. Ihre Mutter hatte endlich das Paket geschickt, das Paket voller Jonas, das es eigentlich schon lang nicht mehr geben dürfte, weil Jonas meinte, alles verbrannt zu haben. Die Bilder, die Tagebücher. Leider hatte Vater alles rechtzeitig kopiert, weil er sich sicher war, dass Jonas eines Tages in eine Irrenanstalt eingeliefert würde und die Kopien den Ärzten bei seiner Behandlung helfen könnten. Leider war also alles noch da. Und Lilly hatte ihre Eltern darum gebeten, weil sie recherchieren wollte und in dieser Sache keinem traute, schon gar nicht Jonas.

Ihre Mutter hatte das Paket zugeklebt und verschnürt, Lillys Anschrift stand in perfekten Lettern auf dem Adressaufkleber, es war die schönste Handschrift in Lillys Welt, eine winzige und seltene Vollkommenheit in ihrer Familie. Eine direkte Linie zu den Bildern von Jonas. Auf die Rückseite

des Pakets hatte die Mutter geschrieben: Bei uns alles gut und bei euch ? Jonas, die Tiere vermissen dich! Lilly sah sie vor sich, wie sie zögerte, ob sie noch ein Wir auch dazuschreiben sollte, wie sie sich dagegen entschied. Sie strich mit dem Finger über die Schrift, wusste, dass sich im Paket

selbst kein Brief von der Mutter finden würde, sie hatte keine Zeit für noch mehr Worte, sie war froh, dass sich ihre Kinder an einem Ort umeinander kümmerten, der großzügiger war als das Dorf. Lilly schnitt die Schnur mit einem Messer durch, schlitzte das Klebeband auf, zerknüllte das braune Papier, hob den Deckel und war froh, dass die Bilder, die ihr entgegenflatterten, geruchsneutrale Kopien waren.

Zuerst kam das Übliche: Selbstporträts eines Pubertierenden. Immer nur das Gesicht, mal mit Tränen, mal mit Schnitten. Sie musste an die weinenden Harlekine denken, die bei ihrer Tante herumhingen. Kitsch, reiner Kitsch, kein Grund zur Sorge. Dann: Kühe, Kälber, die kleinen Hasen, alle gesund und unversehrt, geradezu fröhlich. Dann: Ein Blatt, das aussah wie die Skizze zu einer Bildergeschichte und nur aus grafischen Elementen bestand. Es waren immer die gleichen sechs, in immer neuen Anordnungen. Drei Kreise, von denen kurze Strahlen ausgingen. Etwas, das wie eins der Mandelschiffchen aussah, die Lilly im Bistro verkaufte. Dazu zwei unterschiedlich große, oben abgerundete Zylinder. Die sechs schienen auf heitere Art miteinander beschäftigt zu sein, gelegentlich hatten sie auch winzige Gesichter, grinsten oder fletschten die Zähne, allerdings, dachte sie, zeichneten sich das Mandelschiffchen und die kurzstrahligen Sonnen durch eine etwas passive Willkommenskultur aus. Es waren drei Menschen, reduziert auf ihre drei sonnigen Arschlöcher und den Rest. Zwei Männer, eine Frau. Jonas und das Paar als Sex-Emojis. Lilly hoffte inständig, dass es sich dabei bloß um das Tagebuch einer sexuellen Fantasie und nicht um mehr handelte. Und dass ihre

Eltern noch nicht allzu genau über die sechs Figürchen nachgedacht hatten.