Truman Capote – Interview , 09.10.14
von Jan Küveler, erschienen in der »Welt«

»Du spürst, wo dieser Schriftsteller herkommt«

Kein & Aber-Verleger Peter Haag und seine Frau Anuschka Roshani haben in New York unveröffentlichte Jugenderzählungen des amerikanischen Schriftstellers aufgestöbert, die im November 2015 in Buchform erscheinen (Wo die Welt anfängt). Ein Gespräch über den Sensationsfund.

Eines der Capote-Manuskripte in der Public Library in New York

Die Welt: Unglaublich: Zwei Zürcher fahren nach New York, durchforsten den Capote-Nachlass in der Public Library und finden Dutzende unveröffentlichte Geschichten. Wieso ist das keinem amerikanischen Literaturwissenschaftler, Capotes Erben oder dem Verlag eingefallen?

Anuschka Roshani: Wir können darüber auch nur spekulieren. Vielleicht fasst ihn die Literaturwissenschaft nicht an, weil er zu populär war.

Peter Haag: Ich habe mir diese Erklärung zusammengebastelt: Capote ist ein Sohn der Stadt. In New York ist Capote eine Hausnummer, die jeder kennt. Irgendwie ist er noch gar nicht weg, und deswegen kommt keiner darauf, in die Archive zu gehen.

Die Welt: Und der Verlag, die Erben? Die müssen doch ein Rieseninteresse daran haben?

Peter Haag: Der Capote Literary Trust ist in Los Angeles und am Werk natürlich interessiert. Aber der verwaltet das Werk eher. Das Dichterwitwensyndrom, jedes Blatt umzudrehen, gibt es da nicht.

Anuschka Roshani: Und Jack Dunphy, Capotes Lebensgefährte, ist ja kurz nach ihm gestorben. Kinder gibt es aus naheliegenden Gründen keine.

Peter Haag: Und Random House, der amerikanische Verlag, ist ein großer Konzern. Durch die vielen Bestseller, die sie machen, ist ihnen der Autor vielleicht etwas aus dem Blick geraten.

Die Welt: Was haben Sie sich von Ihrer Recherche versprochen?

Peter Haag: Der Plan war eigentlich ein anderer. Wir waren auf der Suche nach den verschollenen Kapiteln von Erhörte Gebete, dem letzten Roman, der ja nur im Fragment erhalten ist.

Die Welt: Capote hat ja behauptet, die fehlenden Kapitel in irgendeinem Bahnhofsdepot versteckt zu haben.

Anuschka Roshani: Wir sind sicher, die werden irgendwann auftauchen. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass sie vernichtet worden sind. Und Freunde haben ja von Lesungen berichtet. Capote kann das doch unmöglich improvisiert haben. Ob wir eines Tages der Geburtshelfer sein werden, weiß ich nicht – es wäre aber schön. Und der frühe, ebenfalls lange verschollene Roman Sommerdiebe ist ja auch irgendwann aufgetaucht. Das hat unserer Hoffnung immer neue Nahrung gegeben. Insgesamt sind wir viermal nach New York gereist und haben die 34 Pappkartons mit dem Nachlass untersucht. Der ehemalige Lektor, nachher der Nachlassverwalter, und der Biograf Gerald Clarke haben nach Capotes Tod die Wohnung geräumt und die Kisten gepackt. Die haben das natürlich auch durchgeguckt. Aber mein Verdacht ist, dass die irgendwann überfordert waren. Sie haben sicher auch vor allem nach Erhörte Gebete geschaut, haben es nicht gefunden und den Rest dann mehr oder weniger ungeordnet hineingeworfen. In den letzten dreißig Jahren ist dann wohl nicht mehr viel passiert. Das sind einzelne Notizzettelchen, mit seiner winzigen Fliegendreckschrift übersät. Ein Sammelsurium, von der Public Library nur grob geordnet.

Die Welt: Wie viele Geschichten haben Sie denn gefunden?

Anuschka Roshani: Knapp 20. Und Gedichte. Alles aus der Highschool-Zeit. Einige sind damals in der Schulzeitung erschienen, viele sind datiert. Er hat sie alle zwischen 1935 und 1943 geschrieben.

Peter Haag: 1935, das muss man sich mal vorstellen – da war er elf.

Die Welt: Wie gut sind die Geschichten denn? Können sie mit denen des reifen Capote mithalten?

Anuschka Roshani: Wir waren beide total positiv überrascht. Er hat ja immer behauptet, mit sechs wusste er, dass er Schriftsteller werden will, mit acht hat er sich eine Schreibmaschine gekauft, und mit zwölf hat er sich jeden Tag drei Stunden zurückgezogen.
Die Welt: Vier Geschichten sind ja jetzt im Zeit-Magazin vorabgedruckt. Da spürt man schon viel, was ihn später ausmachen wird. Die Zierquitten zum Beispiel, die Miss Belle Rankin in der gleichnamigen Geschichte um nichts in der Welt verkaufen will, sind so ein typisches Capote-Symbol, schillernd zwischen Wortsinn und Metapher.

Peter Haag: Du spürst hier, wo dieser Schriftsteller herkommt.

Die Welt: Hatten Sie Bedenken, die Geschichten zu veröffentlichen? Immerhin hat Capote darauf verzichtet.

Peter Haag: Nein. Capote war sicher kein Archivar seiner selbst. Ich glaube, er war so produktiv, war immer so hinter dem großen Werk her, dass er sich nie selbst ediert hat. Für Erhörte Gebete hat er sich ja so aufgepumpt – so ein großes Buch, den Proust der Neuzeit, konnte man ja gar nicht schreiben. So wie ich ihn einschätze und sein Werk kenne, kann ich mir nicht vorstellen, dass er damit ein Problem gehabt hätte. Es ist ein extremer Gewinn, weil wir ihn ganz verstehen können. Wir verfolgen die Entstehung eines Schriftstellers. Ich sehe, dass Literatur eben sehr viel mit Stil zu tun hat, mit der Vervollkommnung von Handwerk.

Public Library New York