Den ganzen Nachmittag hatte Em auf der Eisenpritsche gelegen. Sie hatte sich eine Flickendecke über die Beine gezogen, lag einfach nur da und dachte nach. Es war kalt geworden, sogar in Alabama.
George und die anderen Männer aus der Umgebung suchten draußen nach der verrückten alten Sadie Hopkins. Sie war aus dem Gefängnis entflohen. Die arme alte Sadie, die jetzt durch die Sümpfe und Felder rannte, dachte Em. Sie war mal so ein hübsches Mädchen gewesen – hat sich wohl einfach mit den falschen Leuten eingelassen. Vollkommen verrückt geworden.
Em sah aus dem Hüttenfenster; der Himmel war dunkel und schiefergrau, und die Felder sahen aus wie zu Furchen gefroren. Sie zog die Decke höher. Es war wirklich einsam hier auf dem Lande, die nächste Farm war vier Meilen weit weg, auf der einen Seite lagen Felder, auf der anderen Sümpfe und Wald. Sie fragte sich, ob sie vielleicht zur Einsamkeit geboren war, so wie andere Menschen blind oder taub auf die Welt kamen.
Sie sah sich in dem kleinen Raum um, und die vier Wände schienen auf sie zuzukommen. Stumm saß sie da und lauschte dem Ticktack, Ticktack des billigen Weckers.
Plötzlich kroch ihr ein schreckliches Gefühl den Rücken hoch, ein Gefühl der Angst und des Entsetzens. Ihre Haare sträubten sich. Wie ein blendend aufblitzendes Licht wusste sie, dass sie beobachtet wurde, dass jemand ganz in ihrer Nähe stand und sie mit kalten, berechnenden, wahnsinnigen Augen musterte.
Einen Augenblick lang lag sie so still, dass sie ihr Herz pochen hörte, und der Wecker klang wie ein Vorschlaghammer, der auf einen hohlen Baumstumpf trifft. Em wusste, dass sie sich das nicht nur einbildete; sie wusste, dass es eine Ursache für diese Furcht gab; sie wusste es instinktiv, mit einem so klaren und ausgeprägten Instinkt, dass er ihren ganzen Körper durchdrang.
Langsam stand sie auf und sah sich im Raum um. Sie sah nichts; trotzdem hatte sie das Gefühl, dass jemand sie anstarrte, jede ihrer Bewegungen verfolgte.
Sie griff nach dem erstbesten Gegenstand, der ihr in die Hände fiel, einem Scheit Feuerholz. Dann rief sie mit energischer Stimme: »Wer ist da? Was wollen Sie?«
Kalte Stille begegnete ihren Fragen. Obwohl es so kalt war, überlief es sie heiß, und sie spürte ihre Wangen brennen.
»Ich weiß, dass da jemand ist«, kreischte sie hysterisch. »Was wollen Sie? Warum zeigen Sie sich nicht? Kommen Sie raus, Sie Rumschleicher –«
Hinter sich hörte sie eine erschöpfte und verängstigte Stimme.
»Ich bins nur, Em – Sadie, weißt du, Sadie Hopkins.«
Em fuhr herum. Die Frau vor ihr war halb nackt, und verfilzte Haarsträhnen hingen ihr ins Gesicht, mit Kratzern und Blutergüssen. Ihre Beine zeigten Blutspuren.
»Em«, flehte sie, »bitte hilf mir. Ich bin müde und hungrig. Versteck mich irgendwo. Sie dürfen mich nicht kriegen, bitte lass das nicht zu. Die lynchen mich; die glauben, ich bin verrückt. Ich bin nicht verrückt, Em, das weißt du. Bitte, Em.« Sie weinte.
Em war schockiert und wusste in ihrer Benommenheit nicht, was sie sagen sollte. Sie stolperte und setzte sich auf den Bettrand. »Was hast du hier zu suchen, Sadie? Wie bist du überhaupt reingekommen?«
»Durch die Hintertür«, sagte die Verrückte. »Ich muss mich irgendwo verstecken. Sie sind durch die Sümpfe auf dem Weg hierher und müssen ihn bald finden. Oh, Em, das hab ich nicht gewollt; ich wollte das nicht. Der Herr weiß, dass ich das nicht gewollt habe.«
Em sah sie verständnislos an. »Wovon redest du denn da?«, fragte sie.
»Von dem Henderson-Jungen«, schluchzte Sadie. »Der hat mich im Wald eingeholt. Er hat mich festgehalten, sich an mich geklammert und nach den anderen gerufen. Ich wusste nicht, was ich machen sollte; ich hatte solche Angst. Ich hab ihm ein Bein gestellt, er ist auf den Rücken gefallen, ich bin auf ihn drauf gesprungen und hab ihm mit einem großen Stein auf den Kopf geschlagen. Ich konnte damit irgendwie gar nicht wieder aufhören. Ich wollte ihn nur bewusstlos schlagen, aber dann hab ich gesehen – OH GOTT!«
Sadie lehnte sich an die Tür und musste erst glucksen und dann richtig lachen. Wildes, hysterisches Gelächter erfüllte den ganzen Raum. Die Dämmerung war hereingebrochen, und die hellen Flammen in der Feuerstelle aus Kalkstein warfen wild flackernde Schatten auf die Wände. Sie tanzten in den schwarzen Augen der Wahnsinnigen; sie schienen ihre Hysterie zu noch wilderer Raserei aufzupeitschen.
Em saß entsetzt und verwirrt auf dem Bett, und fassungsloses Grauen stand ihr ins Gesicht geschrieben. Sie war wie hypnotisiert von Sadie und ihrem dunklen, bösartigen Lachen.
»Aber ich kann doch bei dir bleiben, nicht wahr, Em?«, kreischte die Frau. Dann sah sie Em in die Augen. Ihr Lachen verstummte. »Bitte, Em«, flehte sie. »Sie dürfen mich nicht fangen. Ich will nicht sterben; ich will leben. Sie haben mir das angetan; sie haben mich zu dem gemacht, was ich heute bin.«
Sie sah ins Feuer. Sie wusste, dass sie fort musste. Vorher fragte sie aber noch: »Em, welchen Teil vom Sumpf suchen sie heute nicht ab?«
Em setzte sich bedächtig auf, hysterische Tränen brannten ihr in den Augen. »Hawkins’ Abschnitt suchen sie erst morgen ab.« Als sie die Lüge ausgesprochen hatte, wurde ihr mulmig, und sie hatte das Gefühl, sie fiele tausend Jahre lang.
»Lebwohl, Em.«
»Lebwohl, Sadie.«
Sadie verließ die Hütte durch die Vordertür, und Em sah ihr nach, bis sie den Sumpfrand erreicht hatte und in seinen dunklen, dschungelartigen Tiefen verschwand.


Teil II

Em ließ sich aufs Bett fallen und musste weinen. Sie weinte, bis sie in einen fiebrigen Schlaf fiel. Geweckt wurde sie von Männerstimmen. Sie warf einen Blick in den dunklen Hof und sah George, Hank Simmons und Bony Yarber auf die Hütte zukommen. Schnell sprang sie auf und fuhr sich mit einem feuchten Lappen über das Gesicht. Sie machte Licht in der Küche, setzte sich und las, als die Männer hereinkamen.
»Hallo, Schatz«, sagte George und küsste sie auf die Wange. »Mensch, bist du heiß. Ist alles in Ordnung?«
Sie nickte.
»Hallo, Em«, sagten die beiden anderen Männer.
Sie erwiderte den Gruß nicht, sondern las weiter. Die Männer tranken Wasser aus dem Schöpflöffel.
»Junge, das tut vielleicht gut«, sagte George, »aber wie wärs mit etwas, das ein bisschen mehr knallt, hm, Jungs?« Er stieß Bony in die Rippen.
Plötzlich legte Em ihre Zeitschrift weg und musterte sie verhalten.
»Habt ihr«, ihre Stimme zitterte, »habt ihr Sadie gefunden?«
»Ja«, antwortete George, »wir haben sie in einem Strudel drüben im Morast von Hawkins’ Sumpf gefunden. Sie ist ertrunken, hat sich umgebracht, würd ich mal annehmen. Aber reden wir da nicht mehr drüber; es war erbärmlich. Es war –«
Weiter kam er nicht. Em sprang vom Tisch auf, stieß die Lampe um und stürzte ins Schlafzimmer.
»Na, was zum Geier ist der denn bloß über die Leber gelaufen?«, sagte George.


 

Autor*innen:

Truman Capote