Yascha Mounk – Interview, 09.11.15
Patrick Sielemann

»Die Vorstellung davon, was ein echter Deutscher ist, muss sich ändern«

Yascha Mounk über Philosemitismus, Sehnsucht nach Normalität sowie Chancen und Herausforderungen im Umgang mit Flüchtlingen

Yascha Mounk im Gespräch mit Lektor Patrick Sielemann auf der Frankfurter Buchmesse, Oktober 2015

 

Yascha Mounk, in Ihrem Buch Echt, Du bist Jude schildern Sie Ihre Erfahrungen als deutscher Jude. Es baut auf der These auf, dass man als Jude in Deutschland nicht normal behandelt wird. Wann war für Sie der Moment, als Sie gemerkt haben, dass Sie aufgrund Ihres Jüdischseins von Ihrer deutschen Umwelt anders behandelt werden?
 

Am ersten Tag der fünften Klasse. Unser Lehrer ging die Klassenliste durch und fragte jeden Schüler, ob er katholisch oder evangelisch sei. Als ich sagte, dass ich Jude bin, hat die Klasse schallend gelacht. Ein Junge aus der letzten Reihe rief: „Hör auf, zu lügen. Wir wissen doch, dass es die Juden nicht mehr gibt.“ Ich bin nach diesem Tag von meinen Klassenkameraden nicht schlecht behandelt worden – aber anders. Langsam merkte ich, dass Jude und Deutscher zu sein immer noch nicht ganz zusammenpasst.
 

Diese Reaktion kann als kindlich-naive Reaktion beschrieben werden, die wohl auf Unwissenheit beruht. Sind oder waren die Reaktionen auf Dein Jüdischsein immer dieser Art?


Nein, viel öfter habe ich einen zuvorkommenden Philosemitismus erlebt. Viele Leute schämten sich ob der deutschen Vergangenheit. In den seltenen Momenten, in denen sie einen echten Juden trafen, wollten sie beweisen, wie sehr sie uns lieben. Manche behandelten mich deshalb so, als wäre ich todkrank oder geistesgestört.
 

Der Philosemitismus klingt im Vergleich zum Antisemitismus zunächst als das kleinere Übel. Warum tun Sie sich damit so schwer?
 

Feindseligkeit oder Unwissen konnte ich mit einem trotzigen Stolz begegnen. Ich habe mir gesagt: „Wenn mich einer nicht mag, weil ich Jude bin, dann ist das sein Problem.“ Der Philosemitismus ist da schon schwieriger. In einem Moment verstehe ich mich mit jemandem gut, und alles ist unverkrampft. Dann erwähne ich, dass ich Jude bin und manchmal – sicherlich nicht immer, aber eben auch nicht besonders selten – baut sich zwischen uns plötzlich eine unsichtbare Wand auf. Mein Gesprächspartner wird nervös, druckst herum. Das will ich weder ihm noch mir selbst antun. Deshalb habe ich, als ich aufgewachsen bin, immer seltener erwähnt, dass ich Jude bin – mich dabei aber immer stärker jüdisch gefühlt.
 

Neben Antisemitismus und Philosemitismus ist der Ruf nach einem Schlussstrich eine dritte häufige Reaktion auf das Jüdischsein in Deutschland: „Der Krieg ist seit siebzig Jahren vorbei und hat nichts mit mir zu tun. Wir sollten daher unverkrampft sein und beispielsweise auch wieder Witze über Juden machen dürfen.“ Was entgegnen Sie darauf?
 

Die Schlussstrichbewegung entspringt einer tiefen Sehnsucht nach Normalität. Und diese Sehnsucht teile ich ja. Auch mir wäre nichts lieber, als dass wir lernten, endlich ganz normal miteinander umzugehen. Aber ich bin skeptisch, dass diese Normalität per Ansage oktroyiert werden kann. Wenn mir einer im persönlichen Umgang beweisen will, dass er mich nicht anders behandelt, nur weil ich Jude bin, dann behandelt er mich in meiner Erfahrung zumeist noch viel seltsamer als es die Philosemiten tun.
 

In Ihrem Buch betten Sie diese verschiedenen Reaktionen in die deutsche Nachkriegsgeschichte ein und legen dar, dass es zu gewissen Zeiten gewisse Trends gab. Fazit ist: Der Umgang der Deutschen mit Juden war nie und ist auch immer noch nicht normal, er ist in den meisten Fällen erst einmal verkrampft. Was muss sich in der Gesellschaft verändern, damit sich auch die Beziehung zwischen Deutschen und Juden normalisieren kann?
 

Die deutsche Vorstellung davon, was ein echter Deutscher ist, muss sich ändern. Als ich aufwuchs, waren in meinen Schulklassen – insbesondere auf dem Gymnasium – fast nur „Biodeutsche“. Als Jude war ich sofort ein Exot. Zumeist bin ich dabei gut behandelt worden. Aber so wirklich dazugehört habe ich nicht. Zum Glück verändert sich das momentan. Heute gehört in vielen Städten eine Vielfalt ethnischer und auch religiöser Wurzeln zum Alltag. Für viele Menschen ist es mittlerweile normal, dass ein Deutscher schwarz oder muslimisch sein kann. Und diese Menschen behandeln deutsche Juden nicht mehr als eine aus historischen Gründen hofierte Sonderkategorie, sondern sehen sie als eine Kategorie von Deutschen unter vielen anderen.
 

Diese Diskussion hat große thematische Schnittmengen mit der momentan sehr aktuellen Frage nach Integration von Migranten. Gibt es etwas, was Deutschland generell im Umgang mit Migranten, ob es nun Flüchtlinge sind oder nicht, verbessern kann, ausgehend von Ihren eigenen Erfahrungen?
 

Ja. Wir werden auf praktischer Ebene viel verändern müssen. Aufgrund von unnötigen bürokratischen Hürden, ist es für Migranten und Flüchtlinge immer noch wahnsinnig schwer, ihre Qualifikationen anerkannt zu kriegen und hier in Deutschland ihren Beruf auszuüben. Wenn wir Neuankömmlinge erfolgreich integrieren wollen, ist es unglaublich wichtig, dass sie hier auch ihr Talent und ihr Können anwenden können. Noch wichtiger aber ist die Verwandlung der deutschen Identität. In den USA wird jeder Einwanderer als Amerikaner gesehen. Es ist also kein Wunder, dass in den USA geborene Kinder von Migranten sich auch als Amerikaner fühlen. Davon können wir viel lernen.
 

Sie leben seit vielen Jahren im Ausland, zurzeit arbeiten Sie als Politik-Dozent in Harvard. Das Buch haben Sie ursprünglich auf Englisch geschrieben, für die deutsche Ausgabe haben Sie es aber nochmals wesentlich überarbeitet. Auffällig ist vor allem ein anderer, bzw. ein zusätzlicher Schlussteil, in dem Sie eine versöhnliche Rückkehr nach Laupheim schildern. Was hat sich in Ihren Augen in den letzten Jahren verändert, und wo besteht noch Handlungsbedarf?
 

Als ich aufwuchs, waren Juden der Rorschachtest für die deutsche Identität. Wann auch immer die Feuilletons sich fragten, was es bedeutet, ein Deutscher zu sein, arbeiteten sie sich an der deutschen Vergangenheit – und damit indirekt auch an den Juden – ab. Mittlerweile gibt es andere Themen, die für die deutsche Identitätsfindung wichtiger sind, von Griechenland bis hin zur Flüchtlingskrise. Das macht mir Hoffnung, dass sich der Umgang zwischen Juden und Nichtjuden ein wenig entkrampft. Gleichzeitig gibt es aber auch heute noch sehr viele Deutsche, die sich unter einem „echten“ Deutschen jemanden vorstellen, der aus diesem Land stammt. Die Frage nach der Zukunft von Juden in Deutschland ist deshalb überraschend ähnlich wie die Frage nach der Zukunft von Migranten: Schaffen wir es, unsere Vorstellung davon, wer ein echter Deutscher ist, von Grund auf zu verändern?


Yascha Mounk, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Yascha Mounk im Gespräch mit Jochanan Shelliem, Oktober 2015