Yascha Mounk – Textauszug, 09.11.15
Yascha Mounk

Noch immer nicht normal

 

»Ist das eine jüdische Schule?«, fragte meine Mutter mich vor ein paar Monaten, als sie mich in New York besuchte. Bevor ich etwas sagen konnte, beantwortete sie ihre eigene Frage. »Kann nicht sein. Schau mal – es stehen ja keine Polizisten davor!«
Einen Moment lang war ich verwirrt. Dann erinnerte ich mich. Ach, ja. Natürlich. Als ich noch in Deutschland wohnte, ging auch ich davon aus, dass jede Synagoge, jeder jüdische Kindergarten, jede jüdische Schule und jedes jüdische Altersheim von ein paar Polizisten bewacht wird. Diese Bewachung ist ein Segen. Sie zeugt von dem ernsten Bemühen der deutschen Gesellschaft, Juden ein sicheres Leben in Deutschland zu ermöglichen. Als in den letzten Monaten – nach dem blutigen Attentat in Paris, nach den tödlichen Schüssen in Kopenhagen – die Angst auch in den jüdischen Gemeinden in Deutschland umging, hat Angela Merkel ein klares Bekenntnis abgelegt: »Wir werden […] alles dafür tun, dass die Sicherheit jüdischer Einrichtungen und Bürger jüdischer Herkunft in Deutschland gewährleistet wird.«
Ihr guter Wille – der gute Wille der meisten Deutschen – steht außer Frage. Zu den verschärften Sicherheitsvorkehrungen, die seitdem in Kraft getreten sind, gibt es wohl keine Alternative. Und doch hat diese Bewachung einen hohen Preis. Die Dienstpistolen, die uns beschützen, sind ein sichtbares Zeichen, dass unser Leben in Deutschland auch heute noch nicht normal ist.
Wie kann sich ein kleines Mädchen, das jeden Morgen daran erinnert wird, dass nur die freundlichen Männer in Uniform für seine Sicherheit sorgen können, als voller Teil unserer Gesellschaft fühlen? Wie kann ein Gläubiger, der auf dem Weg in die Synagoge einen Polizisten überzeugen muss, dass er ein echter Jude ist, Deutschland als seine selbstverständliche Heimat wahrnehmen? Und wie kann sich eine Oma, deren Altersheim Tag und Nacht bewacht wird, ihre tiefsten Ängste um die Zukunft ihrer Enkel – Ängste, die aus einer Zeit stammen, als sie selbst noch ein kleines Kind war – aus dem Kopf schlagen?

Das Gefühl der Bedrohung, das in den letzten Jahren bei deutschen Juden Einzug gehalten hat, begrenzt sich keineswegs auf die Bundesrepublik. Meine Freunde in Paris fragen sich plötzlich, ob ihre Zukunft in Frankreich liegt. Meine Verwandten in Kopenhagen machen sich Gedanken, ob sie wirklich so gut in die Gesellschaft integriert sind, wie sie einst dachten. Der jüdische Friedhof in Südschweden, auf dem Leon, mein Großvater, begraben liegt, wird regelmäßig geschändet. In Deutschland jedoch baut diese neue Verunsicherung auf eine ältere auf. Das Land hat viel aus seiner Vergangenheit gelernt. Obwohl es bis heute zur Genüge Antisemiten gibt, sind die wohlmeinenden, die betroffenen, ja sogar die schuldzerfressenen Philosemiten in der Überzahl. An gutem Willen mangelt es in Deutschland nicht. Aber an einem echten Gefühl des Dazugehörens.

Ich wurde 1982 als Bürger eines friedlichen, zukunftsorientierten Deutschlands geboren. Aufgewachsen bin ich an vielen verschiedenen Orten: in München, Freiburg, Kassel, Maulbronn, Laupheim und Karlsruhe. Deutsch ist die einzige Sprache, die ich akzentfrei spreche – und wird es wohl auch bleiben. 
Die jüdische Identität meiner Familie war derweil nicht besonders ausgeprägt. Dass sie Juden sind, hat das Leben meiner Großeltern – und selbst das meiner Eltern – auf tragische Weise geprägt. Aber sie sind weder religiös noch traditionsbewusst. Ich selbst habe nie eine Bar-Mizwa gefeiert, und mir ist auf einem Fußballfeld oder in der Bibliothek bedeutend wohler als in einer Synagoge.
Als ich aufwuchs, fühlte ich mich trotzdem mehr und mehr jüdisch – und weniger und weniger deutsch. Im Juli 1990, als ich gerade acht geworden war, traf Deutschland im WM-Finale auf Argentinien. Nach vierundachtzig langen Minuten brachte Roberto Sensini Rudi
 Völler zu Fall, der Schiedsrichter zeigte auf den Elfmeterpunkt,  und Andreas Brehme schoss das einzige Tor des Spiels. Deutschland war Weltmeister und ich vor Freude vollkommen aufgedreht. Wie wild schwenkte ich ein kleines schwarz-rot-goldenes Fähnchen und schrie »Deutschland, Deutschland, Deutschland!« in Richtung Fernseher. 2010 dagegen, als Deutschland im WM-Halbfinale auf Spanien traf, hatte ich gemischtere Gefühle.
Ja, die deutsche Mannschaft war jünger, spielfreudiger und sogar multiethnischer als je zuvor. Doch als es hart auf hart kam, ertappte ich mich dabei, dass ich den Spaniern die Daumen drückte. Und der wahre Grund, warum ich froh war, als Carles Puyol den Siegtreffer für Spanien erzielte, war nicht einmal, dass ich die spanische Mannschaft besonders gernhatte. Der wahre Grund war, dass ich es einfach nicht über mich brachte, dem deutschen Team die Daumen zu drücken. An irgendeinem Punkt in diesen zwei Jahrzehnten – irgendwann zwischen 1990 und 2010, zwischen acht und achtundzwanzig – hatte ich aufgehört, das deutsche Team anzufeuern, mich mit Deutschland zu identifizieren oder mich selbst als Deutschen zu sehen. Bis heute bin ich mir nicht ganz sicher, wie das passieren konnte.

Früher gab es einmal so etwas wie einen deutschen Juden. Dann kam der Holocaust. Seitdem überschneiden sich die beiden Kategorien kaum mehr – weder in der Vorstellung von Juden noch in der von Nichtjuden.
Vor ein paar Jahren verabschiedete sich Charlotte Knobloch, damals die Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, nach einem gemeinsamen Mittagessen von einem Freund. »Kommst du heute Abend zum Empfang der israelischen Botschaft?«, fragte sie ihn. »Ja«, antwortete er. »Wir sehen uns dann später bei deinem Botschafter.«
Ihr Freund hat es natürlich nicht böse gemeint. Aber ein ähnlicher Fehler wäre einem Briten oder Amerikaner nie unterlaufen. Kein Amerikaner, den ich kenne, würde auf die Idee kommen, dass Michael Bloomberg, Jon Stewart oder Mark Zuckerberg Israelis sind.
Wenn ich meine New Yorker Cousins frage, ob sie sich als Amerikaner fühlen, verstehen sie die Frage kaum. »Was meinst du?«, entgegnen sie, ehrlich verwirrt. »Ich bin Amerikaner.«
Bei vielen Juden, die in Deutschland aufgewachsen sind, ist das auch heute noch ein wenig komplizierter. Ich selbst sehe »deutsch« aus. Ich klinge deutsch. Wenn ich mit einem Fremden spreche, geht er selbstverständlich davon aus, dass ich Deutscher bin. Doch sobald ich eine bestimmte Tatsache über mich erwähne – was ich aus genau diesem Grund eher selten tue – werde ich zu einem exotischen Außenseiter.
In einem Moment steht es Menschen frei, mich zu mögen oder auch nicht, mich gut oder schlecht zu behandeln, mir mit Herzlichkeit oder Verachtung zu begegnen. Sobald ich jedoch diese vier Buchstaben ausspreche – J-U-D-E –, definieren sie mich. Ich bin nicht mehr ein Deutscher, sondern ein »jüdischer Mitbürger«. Ihre Haltung mir gegenüber wird zu einer politischen Stellungnahme: Haben sie sich kaum mit der Vergangenheit auseinandergesetzt, hegen sie vielleicht Vorurteile gegen Juden. Schämen sie sich inbrünstig für das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte, dann wollen sie mir vielleicht beweisen, wie sehr sie Juden lieben. Und haben sie die Nase voll von all dem Gerede über die Nazis, den Holocaust und Deutschlands besondere Verantwortung, wird es noch 
komplizierter: Sie versuchen womöglich, mir zu beweisen, dass sie mich nicht anders behandeln, nur weil ich ein Jude bin – und behandeln mich gerade dadurch alles andere als normal.
So verschieden diese Reaktionen sein mögen, so sehr ähneln sie sich doch in einem Punkt: Letztlich haben sie wenig mit mir zu tun – und viel mit dem psycho-historischen Drama, das sich im Kopf mancher Leute abspielt, sobald sie hören, dass ich Jude bin.
Ist es bei all den Komplexen, mit der die Vergangenheit auch jetzt noch den deutsch-jüdischen Alltag überfrachtet, ein Wunder, dass selbst Angela Merkels tief empfundenes Bekenntnis ein bisschen seltsam klang? »Wir möchten gerne mit Juden, die heute in Deutschland sind, weiter gut zusammenleben.« Anscheinend gibt es auch für Merkel Deutsche und Juden, oder Deutsche und jüdische Mitbürger, oder Deutsche und »Juden, die heute in Deutschland sind« – aber eben keine deutschen Juden.

Ich mag Deutschland. Seit ich in New York wohne, vermisse ich vieles an dem Land, in dem ich aufgewachsen bin – von einer deftigen Schweinshaxe bis zu einem scharfen Döner. (Das deutsche Brot, für das die meisten Expats als Erstes schwärmen, ist mir weniger wichtig. Dann schon eher ein gutes Bier.)
Aber ein Unterschied ist für mich entscheidend. Obwohl ich nicht in den USA aufgewachsen bin; obwohl ich Englisch auch heute noch mit einem seltsamen Akzent spreche; obwohl das Leben in Deutschland in vielerlei Hinsicht einfacher sein mag: In New York fühle ich mich letztlich ganz normal. Ob ich Jude bin, ist den Leuten dort herzlich egal. Und in den seltenen Momenten, in denen ich in eine Synagoge gehe oder ein jüdisches Museum besuche, stehen keine Polizisten vor der Tür. Wie Millionen anderer auch bin ich schlicht ein Neuankömmling, der diese Stadt zu seiner neuen Heimat erkoren hat – nicht weniger, aber auch nicht mehr. 
In Deutschland dagegen bin und bleibe ich Exot. In den letzten Jahren haben sich viele Menschen die neu gefundene deutsche Normalität auf die Fahnen geschrieben. Gegen diese Normalität habe ich nichts. Im Gegenteil: Ich wünschte, sie wäre Realität. Nach meinen Erfahrungen ist es jedoch weiterhin alles andere als normal, als Jude in Deutschland zu leben. Und so ziehe ich es, auf meiner eigenen Suche nach Normalität, zunächst einmal vor, in New York zu bleiben.

Als ich schon ein paar Jahre in New York lebte, wollte ich meine eigene Geschichte endlich besser verstehen. Ich bin in Deutschland nie – oder zumindest eher selten – schlecht behandelt worden. Warum fremdele ich also so sehr mit meinem Herkunftsland?
Dieses Buch ist mein persönlicher Versuch, mich selbst zu verstehen. Es erzählt von meiner Familie, von meinen eigenen Erlebnissen, von den Veränderungen der letzten dreißig, vierzig Jahre und auch von den Kontroversen, die alle Jahre wieder über die deutsch-jüdischen Beziehungen hereinbrechen. Im Ton ist das Buch mal erzählerisch und mal analytisch; mal persönlich und mal essayistisch. Bei meinem Buch handelt es sich also zum Teil um Memoiren aus meiner Kindheit, zum Teil um meine Familiengeschichte und zum Teil um die Geschichte der deutsch-jüdischen Beziehungen seit 1945. In erster Linie aber ist es etwas sehr anderes: mein Versuch, die Fragen zu ergründen, die ich mir nicht beantworten konnte, als ich noch in Deutschland lebte. Wieso zögere ich, mich einen
Deutschen zu nennen? Was sagen meine Erfahrungen über die derzeitigen Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden aus? Welches Licht werfen sie auf das heutige Deutschland?
Diese Fragen sind hochaktuell, auch weil ein besseres Verständnis unseres Umgangs mit der Vergangenheit uns den Weg in eine bessere Zukunft weisen kann. Im zweiten Teil dieses Buchs versuche ich deshalb, eine Vision für eine etwas andere deutsche Zukunft zu entwickeln. Welche Rolle soll ein erstarktes Deutschland in der Welt spielen – und wie kann Deutschland selbst dabei noch weltoffener und pluralistischer werden, als es heute schon ist?