Ein lustvoller, lustiger Liebesroman über Menschen, die mit dem Jungsein und dem Älterwerden kämpfen. Und damit, dass ihre Fantasie die Realität um Längen schlägt. Doch dann geschehen Dinge, die hätten selbst sie sich niemals vorgestellt.

Anna und Max, beide Mitte vierzig, sind miteinander zur Schule gegangen und viel später aus Bequemlichkeit ein Paar mit langweiligen Paarfantasien geworden. Doch dann verliebt sich Anna, geplagt von allen Begleiterscheinungen des Älterwerdens, zum ersten Mal in eine Frau, in die 27-jährige Lilly. Und Max verliebt sich in Lillys Mitbewohnerin Sue, die jedoch nur gegen Geld mit ihm ins Bett geht. Anna träumt von Lilly, schläft aber mit einem Filmstar. Lilly wiederum muss sich um ihren kleinen Bruder kümmern, der Eltern und Lehrer zur Verzweiflung treibt, doch Anna ist ihr keineswegs entgangen. Psychoterror und Wahnsinn schleichen sich in die Geschichte, dennoch wird ein Happy End angepeilt.

Format

  • Simone Meier – Fleisch
    Roman

    Hardcover
    Format: 11,6 x 18,5 cm , 256 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5754-8

    22,00 EUR

  • Simone Meier – Fleisch
    Roman

    eBook
    256 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9348-5

    17,99 EUR

Leseprobe


NOVEMBER

Der Mann sah aus wie eine geschälte Kellerassel, und sie fragte sich : Wieso sind Schönheitschirurgen nie schön ? Er sagte: »Dann machen Sie sich untenherum mal frei. «Sie ließ ihren Slip fallen und starrte auf den falschen Marmor- Giebel über der Türe, auf die rosa Adern auf weißlichem Grund, die aussahen wie die Besenreiser auf ihren Beinen. Der Mann nahm eine Polaroidkamera, beugte sich auf ihre Gesäßhöhe hinunter und drückte ab. Von hinten. Von der Seite. Dann sagte er: »Gut«, kritzelte Nummern auf die Fotos, nahm eine Mappe aus dem Regal und mischte die Bilder unter drei Dutzend andere. Unter Bilder von Frauenhintern mit Dellen, Rundungen am falschen Ort, Cellulite, Pigmentstörungen, Narben. Und mit Fett, viel Fett. Manche auch ohne. Manche schienen fast perfekt, jedenfalls so, dass Anna sich gerne einen davon ausgesucht hätte. Der Arzt nahm ein Skalpell zur Hand und tippte damit auf eines der Bilder: »Das sind Sie.« Es gehörte zu den schlimmeren. Den schlimmsten. Man erkannte noch knapp, dass es sich um einen Hintern und um den einer Frau handeln musste, doch insgesamt sah das aus wie ein Kartoffelsack, den man sieben Stunden lang in kochendes Wasser getaucht und danach gegen eine Wand geschlagen hatte. »Entweder treiben Sie jetzt jeden Tag mehrere Stunden Sport, was ich mir bei Ihnen nicht vorstellen kann, oder wir operieren. Das kostet um die 10’000. Perfekt ist es am Ende natuerlich nicht, dazu haben Sie viel zu lange gewartet.« Natürlich. Und mein nächster runder Geburtstag ist der fünfzigste, dachte sie, und von 10’000 kann ich sechs Monate in Thailand leben. Vor dem Fenster dämmerte die Stadt in den anbrechenden Abend hinein, Laternen glühten auf, Menschen rannten grau und nervös über die Straße. Der Kopf des Arztes war im Vergleich zu Annas Hintern plötzlich von ausnehmender Wohlgestalt. Sie sagte : »Nein.« »Was wir unten absaugen, können wir oben ins Gesicht spritzen !« »Nein.« Sie zog sich an und ging, rannte durch den Flur und die Treppe hinunter, vorbei an verspiegelten Wänden, die ihr zuschrien : »So ! Nicht !« Sie sah, wie sich ihr Gesicht in den Spiegeln verkrampfte, wie es sehnig wurde und alt, wie sie sich in eine jener Frauen verwandelte, die alle gleich aussahen, erloschene, fahle Schrumpfköpfe mit kurzen Haaren auf vernachlässigten Körpern. Die Frauen selbst nannten sich uneitel. Anna fand sie bloß hässlich. Und Anna hasste sich selbst. Aber nicht so sehr, um sich von der geschälten Assel demütigen zu lassen. Sie ging über die Straße, betrachtete nur kurz ihre unbefriedigende Silhouette im Schaufenster, betrat das überteuerte Bistro und gönnte sich zum Trost eine warme Brioche. Mit einer Scheibe Foie gras und einem Glas Crémant. Die Kellnerin, deren nächster runder Geburtstag der dreißigste sein würde, freute sich. Sie fand, dass Anna eine Attraktive Frau sei. Genau so hatte ihre Lieblingsschauspielerin Jean Seberg kurz vor ihrem Tod mit 40 Jahren ausgesehen. Neben Anna saß ein Paar. Ein nicht so junger Mann mit schulterlangen grauen Haaren, mit einem zerknitterten Schal, überhaupt war alles an ihm überaus zerknittert und enorm teuer, auch sein Gesicht, dessen verlebter Faltenwurf von kostspieligen Trekking-, Safari- und Ski-Touren und wiederholten Autofahrten quer durch Amerika erzählte. Wahrscheinlich war er aber bloß ein Werber, der wusste, wie man Mann war. Die Frau hatte Geburtstag. Sie konnte höchstens 24 geworden sein. Alles an ihr war dunkel, dünn, gerade. Gewiss modelte sie. Anna nahm einen extragroßen Bissen Foie gras. Das Model sah sie erschreckt und mit einem sehnsüchtig offen stehenden Mund an. Der Mann reichte dem Model ein Paket, darauf stand der Namen eines dänischen Designers. Im Paket lag eine Sonnenbrille. Anna sah sofort, dass die Brille und das Model zueinandergehörten. Das Model setzte die Brille auf, drückte schnell auf die Spiegel- Funktion ihres iPhones und war nicht zufrieden. »Die ist ein bisschen gewöhnungsbedürftig.« »Ich finde, sie steht dir großartig«, widersprach der Mann. Finde ich auch, dachte Anna und hasste das Model. »Ehrlich ?« »Ganz ehrlich. Sieht fantastisch aus mit deinem schmalen Gesicht.« »Nicht zu katzenhaft ? « »Überhaupt nicht. Sonst tauschst du sie einfach um.« »Und du lügst mich nicht an ?« »Wunder-, wunderschön !« Anna betrachtete Messer und Gabel, dachte an das Skalpell des Arztes und an die Möglichkeit einer chirurgisch nicht ganz so professionellen Gesichtsverwüstung auf Kosten des Models. Und sie fragte sich, wie es dem Werber wohl so ging in dieser Affäre. Ob er das wirklich wollte ? Eine wandelnde Unsicherheit immerzu bestätigen ? Ob er sich nicht jetzt gerade nach seinen Surfer-Kumpels und viel Bier sehnte oder nach einer einsamen Hütte irgendwo in einem finnischen Wald, wo er Holz hacken, Fleisch grillen, Knausgård lesen und sich selbst tagein, tagaus für Gottes geilstes Teil halten konnte ? Männer konnten so was, Models offenbar nicht. Obwohl sie es, rein körperlich gesehen, doch eigentlich waren : Elementarteilchen der Vollkommenheit. Anna stand auf und ging zur Auslage, sie liebte das Bistro mit integriertem Delikatessengeschäft, es war alt und man konnte keine Cupcakes kaufen. Cupcakes waren für sie der Anfang einer niedlichen Verblödung. Sie hasste junge Frauen, die sagten : » Ich hab da so einen süßen kleinen Cupcakes-Laden in der Altstadt. Ich mach gern Experimente, zum Beispiel Kokos mit Kochbanane, Kartoffeln und Caramel au beurre salé. Wenn so was dann schmeckt, bin ich total glücklich. « Im Fernsehen lief eine Sitcom über exakt diese Exemplare von Cupcakes-Experiment-Mädchen, und eines davon war, was Anna in ihrer Jugend gewesen war : an den richtigen Orten mit schönen, weichen, weißen Rundungen gesegnet. Jetzt war alles anders, jetzt hatten sich die Rundungen verflacht, doch das Gewicht war das gleiche geblieben. Ihre Körpermasse war als teigiger Klumpen auf ihre Hüften und Schenkel gerutscht. Das Gesicht : hager. Der Hals : mager. Als würden die kleinen Fettmoleküle, die sich auf ihrer Hüfte wahrscheinlich kichernd versammelten, denen weiter oben zurufen : Kommt runter, hier gibt es tollen Gruppensex! Sie hasste das Vergnügen ihres eigenen Fettes und die Figur, die sich daraus ergab. Nicht grundsätzlich. Hätte die Figur einer andern Frau gehört, so wäre sie ihr gar nicht aufgefallen, denn die Frau wäre unauffällig normal gewesen. Was sie störte, war die Differenz der Jahre, das Missverhältnis zwischen ihrem jetzigen und früheren Selbst. Dass sie im Spiegel nicht mehr sich selbst erkannte, sondern andere Frauen : ihre Mutter, ihre Tante, ihre Großmutter, ja sogar die Urgroßmutter. Die plötzlich alle von ihr Besitz ergriffen. Von ihrem Gesicht, ihren Brüsten, ihrer Mitte, ihren Beinen. Sie wollte wieder sich selbst sein, die frühere Anna. Nicht innerlich, nicht beruflich, nur äußerlich.

Autor

Simone Meier, geboren 1970 in Lausanne, ist Autorin und Journalistin – früher bei der »Wochenzeitung« und beim »Tages-Anzeiger«, heute bei »watson« – in Zürich. Sie hat diverse Preise und Stipendien gewonnen. Ihr Romanerstling »Mein Lieb, mein Lieb, mein Leben« erschien im Jahr 2000. Simone Meier le [...]

mehr zum Autor

Presse

WOZ Die Wochenzeitung

»Eine höchst vergnügliche Lektüre, bei der man viel lachen kann.«

Wiener Zeitung

»Meier schreibt pointiert, bitterbös-ironisch und erfrischend offen [...].«

Doris Knecht

»Simone Meier kann genau schauen und kennt die modernen Menschen mit ihren fluiden Orientierungen, ihren Leidenschaften und Sehnsüchten. Ein sehr appetitliches Buch.«

Viktor Giacobbo

»An diesem Roman gefällt mir alles – die spannenden Figuren, der Humor und die ergreifende pansexuelle Liebesgeschichte.«

Berner Oberländer

»Ein Buch zwischen ›Feuchtgebiete‹und ›Glanz und Elend der Kurtisanen‹: scharf beobachtet, schicksalslastig, lustvoll und neurotisch.«

watson

»Ein skandalös schmissiger Roman!«

Luzerner Zeitung

»›Fleisch‹ ist ein Stadtroman gegen die Ödnis des Landes, gleichzeitig eine Kleinbürger-Tragödie und eine romantisch-schräge Liebeskomödie. Wie Meier alle Figuren und Erzählstränge zusammenführt, ist ein großes Vergnügen.«

Weltwoche

»Höchst unterhaltsam zu lesen – eine Libido-Komödie mit der Pointendichte einer TV-Sitcom.«

Radio SRF 1

»Ein lustiger Unterhaltungsroman mit Flair fürs Absurde und Spass an verdorbenen Gestalten.«

Tages-Anzeiger

»Simone Meier erweist sich als gelehrige Schülerin Miranda Julys. Bis ins letzte Detail fächert sie Annas Psyche auf: Fifty Shades of Selbstzweifel.«

Falter

»Simone Meier erzählt die Geschichte einer Entfremdung zweier nie Vertrauter mit Witz [...] und schildert die Milieus der beiden Hauptfiguren gekonnt.«

taz

»Simone Meiers Roman Fleisch hat ein interessantes Grundthema: die Frau im mittleren Alter. [...]Fleisch ist amüsant und klug [...].«