Die Geschichte von der hinreißenden Loretta, ihren drei Verehrern, ihren strengen Mormoneneltern und ihrer Flucht aus den engen Fesseln packt einen von der ersten Seite an: der unvergessliche Aufbruch einer kühnen jungen Frau im Amerika der 70er-Jahre.

Sobald es dunkel ist, schleicht sich die 15-jährige Loretta heimlich aus ihrem Zimmer, um ihren Freund zu treffen. Eines Nachts wird sie jedoch von ihren Eltern, strengen Mormonen, erwischt und zur Strafe mit einem fundamentalistischen Gemeindemitglied, der bereits eine Frau und mehrere Kinder hat, verheiratet. Um Loretta nahe zu sein, lässt sich ihr Freund auf dem Hof ihres neuen Ehemanns anstellen. Doch schon bald muss er sich mit weiteren Verehrern der hübschen Loretta messen und merkt zu spät, dass seine große Liebe plant, mit einem anderen Mann durchzubrennen.

Format

  • Shawn Vestal – Loretta
    Roman

    Original: Daredevils

    Aus dem Amerikanischen von Verena Kilchling
    Hardcover
    Format: 11,6 x 18,5 cm , 400 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5745-6

    24,00 EUR

  • Shawn Vestal – Loretta
    Roman

    Original: Daredevils

    Aus dem Amerikanischen von Verena Kilchling
    eBook
    400 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9335-5

    19,99 EUR

Leseprobe


6. Juli 1974
SHORT CREEK, ARIZONA

Loretta schiebt das Fenster ihres Zimmers auf und wartet, lauscht ins Haus hinein. Sie drückt das Insektenschutzgitter aus seiner Halterung und zieht es langsam nach drinnen. Die Sommernacht ist blau und schwarz, voll mit drallen, stachligen Sternen und dem blumigen Duft von Luzernen und bewässerten Feldern. Sie schwingt ein Bein nach draußen, dann das andere, und sitzt auf dem Fensterbrett. Ein kurzes, gedämpftes Knarren ertönt, und sie vermag nicht zu sagen, ob es aus dem Haus oder der Nacht oder ihrem aufgewühlten Kopf kommt. Sie verbringt inzwischen jeden Tag damit, an die Nacht zu denken, und dieser Moment ist immer gleich – der beglückende Übergang von hier nach dort. In die kurze, flüchtige Zukunft. Zu Bradshaw.
Sie lässt sich auf den Boden plumpsen und macht sich auf den Weg über den Rasen, wobei sie gebeugt geht, als versuche sie, unterhalb eines suchend umherschweifenden Lichtstrahls zu bleiben. Sie trägt Jeans, das einzige Paar, das ihr Vater ihr für die Hausarbeit gestattet, und dazu Clogs. Ihre Heidenkleidung. Die Berge, die tagsüber rot sind, heben sich schwarz und zerklüftet vom satten Tintenblau der Nacht ab. Ihr Zuhause ist dort draußen am Rand, am Rand der Gemeinde Short Creek, genauso, wie Loretta und ihre Familie am Rand stehen – halbe Außenseiter, noch nicht ganz angekommen in den Armen des Propheten. Das macht es leichter, sich davonzuschleichen, ohne von den Männern des Propheten erspäht zu werden. Das Gotteskommando nennt Bradshaw sie. Wenn Loretta Autoscheinwerfer sieht, kauert sie sich ins hohe Gras im Straßengraben, bis sie vorbeigefahren sind, aber heute kommt kein Auto. Sie geht fünfhundert Meter den Graben entlang, spürt die kühlen Grashalme an ihren Knöcheln. Dann mündet die unbefestigte Piste in eine Landstraße, und sie sieht Bradshaws Chevy Nova am breiten Straßenrand stehen, mit hell schimmernden Kotflügeln und Standlichtern, die orange leuchten wie die glühenden Augen eines Tiers, das sich auf der Erde zusammengerollt hat.
Als sie zum Auto kommt, geht wie von selbst die Beifahrertür auf, und dort sitzt er, im grellen Schein der Innenbeleuchtung: Bradshaw, ein schiefes Lächeln auf seinem harten, glücklichen Gesicht. Da ist es wieder, dieses Gefühl, dass sie nicht weiß, ob sie ihn liebt oder auch nur mag, weil sie sich manchmal nach einem flüchtigen Blick auf ihn verzehrt und andere Male nicht schnell genug von ihm wegkommen kann – Bradshaw, die Handgelenke lässig übers Lenkrad gelegt, wie ein König. Fest steht, dass sie seiner Anziehungskraft nicht widerstehen kann. Sie stürzt mit unkontrollierbarer Geschwindigkeit auf ihn zu.
»Da ist sie ja«, sagt er, als sie einsteigt. »Heiliges Kanonenrohr, Lori, du siehst umwerfend aus.«
Er beugt sich herüber und drückt seine spröden Lippen auf ihren Mund. Er schmeckt nach Bier, ein säuerlicher Hefegeschmack. Nachdem er sich von ihr gelöst hat, betrachtet er sie prüfend, aus gespenstischen Augen, die irgendwie zu glühen scheinen, den Kopf schräg gelegt, eine gelockte Kotelette vom grünen Schimmer des Armaturenbretts erhellt.
»Hast du mich vermisst, süße Lori ?«
»Ich habe dich vermisst.«
»Hast du viel an mich gedacht ?«
»Ich habe die ganze Zeit an dich gedacht.«
Sie findet es toll, dass er sie so sehr zu lieben scheint. Er küsst sie wieder, umfasst mit der Hand ihren Hinterkopf. Sie legt ihre Hand auf seinen Rücken, spürt die Wölbungen seiner Muskeln. Manchmal hat sie das Gefühl, er wolle sein Gesicht durch ihres hindurchschieben. Um sie zu verschlingen. Sie sehnt sich die ganze Zeit danach – nach dieser Sünde –, aber wenn es dann so weit ist, genießt sie es nicht, weil Bradshaw sich vergisst. Er spreizt eine Hand über ihren Brustkorb, der Daumen nur wenige Zentimeter von ihrer Brust entfernt, dann rückt er noch näher.
Sie lösen sich voneinander, und Bradshaw atmet schwer, als hätte er einen Sprint hingelegt.
 »Hast du noch mal darüber nachgedacht ?«, fragt er.
Er will, dass sie mit ihm fortgeht. Für immer davonfährt und The Crick im Rückspiegel verschwinden sieht. Damit sie zusammen sein können, sagt er. Wirklich zusammen.
»Habe ich«, antwortet sie. »Ich will es. Aber noch nicht, glaube ich. Nicht jetzt.«
»Ach Lori«, seufzt er. »Sag das nicht. Sag doch so was nicht zu mir.«
Sie will mit ihm abhauen, will in ihre Zukunft fliegen, hat jedoch das Gefühl, dass sie dabei sehr umsichtig und präzise vorgehen muss, weil sie diese Zukunft sonst verpasst. Für Loretta ist sie ein konkreter Ort, ein Ziel, das sie entweder erreichen oder verfehlen kann. Es wartet irgendwo dort draußen auf sie, weit weg von allem, was hier ihr Leben ausmacht. Weit weg von den langen Baumwollkleidern. Von den langweiligen Tagen in der Kirchenschule, wo sie dieselben Bibelstellen studieren, über denen sie auch sonntags den ganzen Tag brüten. Von der strikten und dennoch halbherzigen Rechtschaffenheit ihres Vaters und der ständigen Fügsamkeit ihrer Mutter. Und vor allem weit weg von der drohend näher rückenden Realität, über die niemand je ein Wort sagt : Sie ist fünfzehn, sie ist heiratsfähig, sie ist nun eine Möglichkeit für ihren Vater, seine eigene Rechtschaffenheit weiter voranzutreiben. Er selbst kann keine weitere Frau heiraten, aber er kann trotzdem dem Glaubensgrundsatz dienen – dem Grundsatz der Vielehe. Celestiale Ehe. Gewisse Brüder aus der Gemeinde wurden schon zu ihnen zum Abendessen eingeladen. Die Männer haben immer viele Fragen an Loretta.

Bradshaw ringt noch eine Weile mit ihr und drückt sie auf den Sitz, dann fahren sie und reden. Er liebt es, wenn man ihm zuhört. Er liebt es, ihr zu erzählen, wie er gewisse Situationen gemeistert hat, wie er jemanden in seine Schranken gewiesen hat. Er spricht über seinen neuen Chef, den Rollrasen-Hersteller, der seine Farm außerhalb von St. George hat.
»Er gibt mir also immer wieder den Siebzehner- Schlüssel, obwohl ich nach dem Zwanziger frage. Und dann macht er es schon wieder!« , erzählt er und schlägt mit der Hand aufs Armaturenbrett. »Ich sage : Kumpel, hast du heute deine Brille nicht auf ?«
Sein Lachen klingt wie ein tuckernder Motor. Warum glaubt er, dass sie das hören will ? Das Seltsame ist, sie will es hören. Sie lauscht ihm gern, seinen eigenwilligen Ausdrücken, seiner derben Sprache. Ich habe so einen Hunger, ich könnte den Arsch einer Kuh verspeisen, sagt er zum Beispiel. Ach du Scheiße. Dieser schleimige Bastard. Nie kommt ihm ein rechtschaffenes Wort über die Lippen.

Autor

Shawn Vestal wurde 1966 in Gooding, Idaho, als Kind einer Mormonenfamilie geboren, verließ aber als Erwachsener die Mormonengemeinde. Er ist Reporter und Kolumnist. Seine Erzählungen »Godforsaken Idaho« wurden mit dem PEN/Robert W. Bingham Prize ausgezeichnet. Shwan Vestal lebt mit seiner Frau und s [...]

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Presse

Glamour

»Die unbeugsame Loretta brennt durch, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen.«

der Freitag Blog

»Vestal schickt den Leser auf eine Zeitreise.«

20min Friday

»Loretta verliebt sich neu: ins Abenteuer. Das passiert uns auch beim Lesen.«

Los Angeles Books Review

»Eine Sprache und ungekünstelte Poesie, die uns zum Fliegen bringt.«

San Francisco Chronicle

»Raffiniert, wild und wunderbar.«

BBC

»Welch großartige Sprache, abenteuerliche Geschichte und feinfühlige Personenzeichnung!«