Wie frei sind wir noch?

Philipp Tingler

Ein Lob auf den Liberalismus

Was ist Freiheit? Inwiefern wird sie heute bedroht durch dogmatische Ideologien und die Albernheiten des Internetzeitalters? Ein Plädoyer für die Rückbesinnung auf die klassischen Tugenden des Liberalismus, gegen Fundamentalismus und für das autonome Handeln des Einzelnen.

Format

  • Philipp Tingler – Wie frei sind wir noch?
    Eine Streitschrift für den Liberalismus

    Broschur
    Format: 10,6 x 17,0 cm , 80 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5658-9

    7,90 EUR

  • Philipp Tingler – Wie frei sind wir noch?
    Eine Streitschrift für den Liberalismus

    eBook
    64 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9232-7

    4,99 EUR

Leseprobe

PROLOG

Was hat Konsum mit Freiheit zu tun?

Kennen Sie das Glück? Und zwar ein ganz spezifisches Glück, nämlich jenes der daseinsvalidierenden Befriedigung durch Konsum? Es handelt sich hier um ein Glücksgefühl, das einem früher, vor der Massenkonsumgesellschaft, die Kunst verschafft hat – jedenfalls nach Auffassung jener beiden Experten, die ich, es ist noch nicht lang her, an einem Sonntagvormittag, wach durch Jet Lag, im Schweizer Fernsehen sah (also: konsumierte), im Rahmen einer philosophischen Sonntagssendung. Es handelte sich um irgendeinen Kulturwissenschaftler, dessen Name leider in Vergessenheit geraten ist, und den Philosophen und Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich, den ich schätze und für geistreich halte. Die Sendung widmete sich der Frage des Konsums als Lebensinhalt. Offenbar hat die durchschnittliche Person in Westeuropa heute ungefähr 10000 Gegenstände in ihrem Besitz.
Wortreich beschrieben die beiden Experten, wie der Verbrauch materieller Güter für den spätmodernen Menschen identitätsstiftend sei. Während das Individuum früher Identitätserprobung und Selbstfindung vermittels traditioneller Kulturtechniken – wie zum Beispiel der des Lesens – praktiziert hätte, geschehe dies heute durch Konsum; eine hochdifferenzierte Warenwelt impliziere dabei einen Zwang zur Festlegung, indem jeder kleine Kauf zum Akt der Persönlichkeitskonstitution geriete und Authentizität quasi nur eine Variable in diesem ewigen Spiel der Tauschwerte sei. Das irritierte, zwangsflexibilisierte moderne Subjekt werde inkludiert und exkludiert und instrumentalisiert in endlosen Transaktionen, der Schaffung von Lebenswelten und -werten durch Konsum, der Erziehung und Sozialisierung durch Konsumprodukte, die nebenbei gesagt die wirksamsten Massenmedien unserer Tage darstellten. Hier nun spätestens wurde mir die Sache ein wenig zu dogmatisch und deterministisch. Doch ich hörte weiter zu. Ich bin nämlich duldsam. Nah, nicht wirklich. Ich war jet-lagged.
Konsum mache unfrei, erklärten die Experten. Das Neue werde in der Konsumgesellschaft zum Wert an sich, die Welt und die Dogmen des Konsums breiteten sich aus in alle Sphären, bis in die Politik, die den Wähler und Bürger zum Konsumenten herabstufe, der ständig nurmehr auf den nächsten Reiz warte. Ja, ganz recht, Richard Sennett wurde zitiert, der in seinem Werk The Culture of the New Capitalism konstatiert, dass der arme fragmentierte flexible Mensch, der eine lineare Lebensführung und ein langfristiges, zeitstabiles Identitätsprojekt höchstens noch simulieren könne, sich in irrlichterndem, entfesseltem Konsumieren erschöpfe. Sofern er nicht gleich in die Depression flüchtet, während links und rechts von ihm traditionelle Institutionen und die protestantische Arbeitsethik den Bach runtergehen (und höchstens durch unverbindliche virtuelle soziale Netzwerke ersetzt werden). So steht es dann da, das postpostmoderne Subjekt, unfähig zur Selbstbestimmung, mit einer zersplitterten Biografie, der Konsistenz eines kontextübergreifenden Zeitmanagements und seiner lebensgeschichtlichen Zusammenhänge beraubt. Und irgendwann frisst dann wohl die Apotheose des ständig Neuen, mit ihrem Zwang zur ungehemmten Flexibilität, zu immer wechselnden Rollen, mit ihrer beschleunigten Ideologie der Potenz – sich selbst auf. So ungefähr.
Ich bin entschieden nicht dieser Auffassung. Zunächst einmal teile ich nicht die Einschätzung, dass Lesen als Kulturtechnik veraltet und damit sozusagen aus der Mode wäre. Eine derartige Diagnose ignoriert einen wichtigen Aspekt – und es ist kein Wunder, dass gerade deutsche Kulturwissenschaftler diesen Gesichtspunkt übergehen, weil er in Deutschland immer noch stark tabuisiert ist: Ich meine den Aspekt der sozialen Klasse. Wenn nämlich irgendjemand nicht liest, dann sind das die bildungsfernen Schichten. Aber haben die je gelesen? Das ist das eine. Das andere, Grundsätzlichere, ist, dass ich prinzipiell nicht die Auffassung teile, dass in unseren herrlich beschleunigten Zeiten die alte, gemächlichere Kulturtechnik des Lesens verdrängt würde durch den entfesselten Konsum materieller Güter. Wenn Sie mich fragen, verhält es sich vielmehr so, dass das Buch als Gut genau jene Dynamik mitmacht, die die Experten für sämtliche anderen Güter – von Unterhosen über Joghurt bis zu Mobiltelefonen – feststellen: Es (das Buch) durchläuft eine vielfache modische Differenzierung. Das heißt: Literatur (oder das, was dieses Etikett heutzutage trägt) wird durchaus nicht ignoriert; sondern sie wird konsumiert, konsumiert wie alle anderen menschlichen Artefakte, und wenn die Modisierung alle Bereiche durchdringt, so natürlich auch die des geschriebenen Worts; wenn zunehmend sämtliche Produkte der Mode unterliegen, so auch Bücher. So wie manche Konsumenten eine sinnstiftende Alltagsästhetisierung und die Illusion eines balancierten Daseins durch den Kauf probiotischen Joghurts erfahren, so realisieren dies andere durch den Erwerb und Konsum von Büchern mit Titeln wie Anständig essen
Ich bin, der Leser wird es an dieser Stelle bereits gemerkt haben, kein Feind des Konsums, sofern er mit dem Markt einhergeht, den ich von allen Ressourcenzuteilungsmechanismen für den besten halte, denn der Markt ist immer noch jene Form der Allokation von Gütern, die mit einem Mindestmaß an ideologischer Unterfütterung auskommt und dem Einzelnen die größte Freiheit lässt. Der Markt ist etwas Wunderbares. Konsum und Konsumprodukte als Rollenangebote stehen grundsätzlich allen offen, die freie Entfaltung des Individuums im Wechselspiel von Individualität und Zugehörigkeit ist eines der großartigen Angebote der Konsumgesellschaft, ein Glücksangebot ohne Fundamentalismus und Aggression. Freiheit und Konsum sind Geschwister. Ich bin auch überhaupt nicht der Meinung, dass der Konsumgesellschaft per se ein Zug zu Normierung und Rückwärtsgewandtheit eingeschrieben sei, wie das die Experten im Sonntagsfernsehen und auch nicht wenige Feuilletonisten behaupten. Konsum per se bedeutet nicht Zerstörung von Vielfalt und die Einebnung kultureller Differenzen, im Gegenteil, bei den heute im freien Teil der Welt exponentiell zunehmenden Kaufoptionen, Kreativitätsräumen und Selbstformungsmöglichkeiten wird Distinktion zum Wert an sich. Natürlich macht Konsum allein nicht glücklich, das ist eine Binsenweisheit ...

Autor

Philipp Tingler, geboren in Berlin (West), ist mehrfach ausgezeichneter Schriftsteller und hat bei Kein & Aber u. a. die Romane »Fischtal« und »Doktor Phil« veröffentlicht. Er ist außerdem Kritiker im »Literaturclub« des Schweizer Fernsehens SRF und viel gelesener Kolumnist. Philipp Tingler lebt in [...]

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