Ein Roman über den Wert von Erfahrungen und Erinnerungen vor dem Hintergrund von Nähe und Sexualität.

Valerie hat ganz gut gelebt, und so langsam schaut sie den Wirren der Liebe gelassen entgegen. Ganz anders ihr jugendliches Spiegelbild Luca: Er hat noch alles vor sich, was sie schon hinter sich hat. Die Frage, wie Liebe und Sex ein Leben prägen, bringt die beiden in einem besonders dramatischen Moment zusammen.

Format

  • Simone Meier – Reiz

    Hardcover
    Format: 11,6 x 18,5 cm , 240 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5839-2

    16. Februar 2021
    22,00 EUR

  • Simone Meier – Reiz

    Ebook
    240 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9456-7

    17,99 EUR

Leseprobe

1
früher


Dallas war nicht Dallas. Valerie entdeckte keine Ranch, keine Öltürme, nicht einmal Wolkenkratzer. Jedenfalls nicht hier, nicht vom Flughafen aus gesehen, der war wie jeder andere, aus Glas, aus Beton. Beim Anflug hatte sie sich den Airport aufregend vorgestellt, mit alerten Entscheidungsträgern auf dem Weg zu Millionengeschäften, stattdessen traf sie auf Menschen, die zu gebrechlich, dick oder müde waren und sich auf Karren durch die Gänge fahren ließen. Doch sie war das gewohnt: Dass sie eine genaue Idee hatte von der Welt und dass die Welt nicht daran dachte, sich danach zu richten.
Dallas zum Beispiel war für sie weit mehr als ein Transitbereich auf einem Flug zu einem alten Freund. Dallas war ein magisches Wort, das für sie auf ewig mit der Fernsehserie verschmolz, die sie in ihrer Jugend nie hatte sehen dürfen. All ihr Wissen darüber hatte sie damals aus den Schnipseln der Programmzeitschrift gesogen, es ging, so viel hatte sie begriffen, um Körper und Konzerne im Zeichen der Gier. Dallas lief immer dienstags. Und mittwochs redeten auf dem Schulhof alle darüber, nur sie nicht. Die Schmach der Ahnungslosigkeit saß tief, und sie schwor sich, in einer nicht mehr fernen Zukunft, wenn sie unabhängig und erwachsen wäre, so viele Dinge wie möglich als Erste zu wissen. Vor allen anderen. Sie wusste bloß noch nicht, wie.
»Ich finde, du gleichst Sue Ellen!«, hatte eine aus ihrer Klasse gesagt. Sue Ellen also. Die Gattin des Serien-Bösewichts. Verlebt, verbittert. Ständig betrunken. Valerie hielt die ausgerissene Seite der Programmzeitschrift mit Sue Ellen neben ihren Spiegel und suchte nach Ähnlichkeiten. Es mussten die Augen sein: zwei gefräßige Löcher. Und die Haare: gestuft und nach außen geföhnt.
Wenig später ließ sie sich eine Dauerwelle legen und glich einem explodierten Schaf. Die Prozedur dauerte mehrere Stunden, und sie blätterte sich unter der heißen Trockenhaube durch all die Magazine, die in ihrer ganzen Verwandtschaft nur eine einzige Tante zur Hand nahm. Die Tante las auch Bücher, in denen alles, besonders das Fleischliche, handfest benannt wurde, und wenn Valerie krank war, brachte sie ihr einen Stapel vorbei, und das war noch besser als die Cola, die sie literweise gegen Darmgrippe trinken durfte. Die Friseurinnen-Magazine hießen irgendwas mit Frau und Herz und Glück und waren wie die Bravo, bloß für Erwachsene, aber auch die Bravo durfte sie nicht nach Hause mitbringen. Keine ihrer Freundinnen durfte das. Gemeinsam verschlangen sie in der feuchten Heimlichkeit der Turnhallengarderobe Berichte über Nena oder Nino de Angelo und beugten sich über Starschnitte. Strichen sich stinkende Creme auf die Beine und lasen einander beim Warten auf seidenglatt enthaarte Haut die Doktor-Sommer-Kolumnen und den Fortsetzungsroman Die Rauschgift-Falle vor: Ein Boy namens Jochen und ein Girl namens Vanessa waren in die Fänge düsterer Dealer geraten und wenn Jochen sich nicht als Drogenkurier betätigte, würden sie Vanessas Gesicht mit Säure entstellen. Hatten Jochen, Vanessa und die Liebe eine Chance? Valerie dachte sich, dass es ein schlüpfriger Spaß sein müsse, so etwas zu schreiben. Sie träumte von einem Jungen, der aussah wie Jochen, in Mathe saßen sie nebeneinander, er wusste, dass sie auf ihn stand, und hatte ihr einen Zettel zugesteckt: »Vergiss es, ich geh nicht mit dir. Deine Haare sehen aus, als hättest du in die Steckdose gegriffen.« Die Dauerwelle blieb eine kurze Phase.
Als Nena ihre 99 Luftballons steigen ließ, war Valerie sechzehn, und die Tage zwischen Schule, Pizzeria und dem Irish Pub beim Bahnhof wurden ihr lang. Sie schluckte ein Abführmittel gegen ein paar in der Pizzeria angefutterte Pfunde, schlich sich nachts von Darmkrämpfen geplagt am Schlafzimmer der Eltern vorbei aufs Klo, nahm dennoch nicht ab. Beschloss, sich so zu akzeptieren, wie sie war, schließlich riet auch die Bravo dazu: In jedem Girl steckt ein Schwan! Es fiel ihr schwerer als gedacht, war jedoch ein Fortschritt im Vergleich zu den Krämpfen. Der amerikanische Präsident jener Jahre hieß Reagan und hatte eine beachtliche Karriere als Filmstar hinter sich. Manchmal fuhr
die ältere Schwester einer Freundin ein paar Mädchen zur nächstgelegenen Autobahnraststätte. Ein futuristischer Schlauch auf Stelzen, der über die Breite der Autobahn gebaut war. Dort gab es einen McDonald’s. Valerie schaute auf die Autos runter, aß Burger und Apfeltaschen, betrachtete ihr Gesicht in der Fensterscheibe und fand sich das fadeste Mädchen weit und breit.
Als Madonna Like a Virgin sang, war Valerie noch Jungfrau und beschloss, ihrer eigenen Farblosigkeit ein Ende zu setzen. Sie verbrachte jetzt viel Zeit in der Stadt. Lernte ein paar Punks kennen, die ein Haus besetzten. Schaute zu, störte niemanden, war einfach da. Stellte sich an den Herd, wenn sich die Hausbesetzer mal wieder kollektiv nicht darüber einig werden konnten, wer denn nun die Fischstäbchen fürs Abendessen braten müsse. Holte Wundsalbe in der Apotheke, wenn sich einer im Suff eine Sicherheitsnadel durch die Lippe gebohrt hatte. Für die Stadt begann sie sich zu schminken. Umrandete die dunklen Augen mit schwarzem Kajal. Kaufte sich ihren ersten Lippenstift. Entschied sich für Brombeerrot. Staunte, wie viel Raum ihre Lippen jetzt in ihrem Gesicht einnahmen, obwohl dunkle Farben einen Mund doch optisch verkleinern sollten. Ihren nicht. Plötzlich war er vorhanden und dies so sehr, dass die Menschen meinten, sie würde mit ihnen reden, obwohl sie bloß zuhörte. Sie schauten ihr in die großen Augen und auf den großen Mund und nannten sie interessant und undurchschaubar. Valerie brauchte gar nichts zu tun, außer ihnen ihr Gesicht zuzuwenden, und schon verausgabten sich die anderen für sie und versuchten, sich selbst interessant zu machen. Ihr Haar trug sie jetzt lang und in wachsglänzenden Strähnen. Dass keiner sie schön nannte, störte sie nicht. Ihre Aufmerksamkeit wollten sie trotzdem. Wenn sie nach Hause ging, entfernte sie die Farbe aus ihrem Gesicht, verwandelte sich zurück in ein Mädchen, an dem nichts auffiel außer seinen Augen. Zu Hause nannte sie niemand interessant, und sie versprach sich, gleich nach dem Gymnasium in die Stadt zu ziehen und dort ihr eigentliches Leben zu führen.
Oft war sie bei ihrer Großmutter in einem kleinen Reihenhaus am Rande der Stadt, betrachtete Fotos von früher, aus der armseligen Kindheit und dem bescheidenen Frauenleben von einer, die sich nie beschwerte und der sich Valerie näher fühlte als jedem anderen Menschen. Blätterte mit ihr in einem Bildband über die Kennedys, von denen einer in Dallas erschossen worden war. Die Großmutter hatte die Bilder von Hand in den Band geklebt, sie hatte sie mit Marken erworben, die sie aus Waschmittel- und Schokoladenpackungen schnitt, das Buch war nicht nur ein Buch, sondern eine Errungenschaft, die Großmutter hatte Zeit und Liebe darauf verwendet. Valerie hätte ihr gerne ein paar der Erwachsenen-Bravos am Kiosk gekauft, aber die Großmutter sagte: »Hast du schon mal an denen gerochen? Mit denen stimmt was nicht! Wahrscheinlich Rauschgift. Ich glaube, die wollen die Leute süchtig machen!«
Rauschgift, dachte Valerie, was für ein großartiges Wort, Wir Kinder vom Bahnhof Zoo war voller Rauschgift, und Valeries Eltern fürchteten nichts so sehr wie eine mögliche Neigung ihres Kindes zu allerlei Opiaten. Doch das Kind verspürte seit dem Versuch mit dem Abführmittel keinerlei Neigung zu anderen Substanzen als zu Baileys, Rosé und Zigaretten. Zu ziemlich vielen Zigaretten. Aber nur in der Stadt und nicht, weil sie das besonders mochte, sondern weil sie ihre harmlose Stimme ruinieren wollte. In der Stadt fand sie eine beste Freundin, die nicht Claudia oder Nicole hieß, sondern Oona. Als Madonna Papa Don’t Preach sang, war Valerie neunzehn und keine Jungfrau mehr, und eine schmale Strähne ihres Haars hatte sich über Nacht grau verfärbt.
Doch all das war lange her, die Mauer von Berlin und die Türme von New York waren inzwischen gefallen, der Kalte Krieg war endgültig vorbei, dafür hatte ein anderer gerade begonnen, der amerikanische Präsident hieß zum zweiten Mal Bush und Dallas war nicht wie im Fernsehen. Valerie war seit mehreren Jahren Journalistin. War auf dem Papier nicht zurückhaltend, sondern spitz, witzig und böse. Hatte tatsächlich einen winzigen Vorsprung auf das Wissen und damit das Leben der anderen, und dies erfüllte sie mit Zufriedenheit. Sie konnte andere bloßstellen, konnte sagen: »Ach, das weißt du noch gar nicht?«, oder: »Wie du morgen von mir wirst lesen können …« Dallas war an
diesem zufälligen Tag zu Beginn des neuen Jahrtausends keine Serie mehr und schon gar kein Schulhofgespräch, Dallas war nur ein Zwischenstopp auf dem Weg zu ihrem alten Freund. »Komm mich besuchen«, hatte er geschrieben, »so lange du willst, mein Haus ist klein, aber ein richtiges Haus, und sollten wir uns nicht vertragen, wohn ich bei meiner Liebsten, sie lebt auf einer Farm außerhalb der Stadt, für meinen Geschmack gibt es dort zu viele Tiere, ich finde ja, jedes Tier stinkt, nur das auf meinem Teller nicht. Einzig Streifenhörnchen sind auch lebendig entzückend.« »Komme«, hatte Valerie geantwortet, »passt ein Monat? Ein ganzer?«
Sie wäre dort eine Unbekannte auf einem anderen Kontinent, sie fragte sich, ob es ihr gelänge, neben ihrem Freund neue Leute kennenzulernen, ob überhaupt irgendwas an ihr interessant wäre, ihr Aussehen eher nicht und auch intellektuell fand sie sich für eine Universitätsstadt im mittleren Westen eher mittelmäßig. Sie musste dringend wieder mehr werden als nur ihre Arbeit. Vielleicht würde sie es schaffen. Nach Amerika wartete Rom, wartete Wien, jetzt war April, erst ab August wartete wieder der Job.

Autorin

Simone Meier, geboren 1970, ist Autorin und Journalistin. Nach einem Studium der Germanistik, Amerikanistik und Kunstgeschichte arbeitet sie zunächst als Kulturredakteurin, erst bei der ...

mehr zur Autorin

Presse

Elke Heidenreich

»Ein sehr schönes, leise erzähltes Buch mit sehr viel Witz.«

Tages-Anzeiger

»Simone Meier schreibt unglaublich witzig und unglaublich bösartig.«

Milo Rau

»Was für eine Autorin, was für ein Buch! Sollte man sich im 22. Jahrhundert dafür interessieren, wie wir gelebt haben, wie wir gefühlt und geliebt haben, wird man Simone Meiers wunderbar unterhaltsamen und tiefsinnigen Gesellschaftsroman lesen.«

musikexpress

»Es geht vordergründig um Sex, um Liebe, um Konventionen – aber eigentlich stellt das Buch die entscheidende Frage, wie wir leben wollen. Und auch wenn einen damit schon andere Autor:innen konfrontiert haben mögen, ist es immer wieder Simone [Meiers] Witz, der dem Ganzen eine ganz besondere Leichtigkeit, aber auch Klarheit verleiht.«

Madame

»Meier [gelingen] nicht nur zwei treffende Generationenporträts, sie findet auch überraschende Parallelen und zeigt, wie sich das Verhältnis zwischen Männern und Frauen langsam ändert.«

FRIZZ

»Eine gute Lektüre für dunkle Tage.«

Schweizer Illustrierte

»Sie schreibt so ehrlich, dass es manchmal wehtut.«

Tages-Anzeiger

»Simone Meiers Texte sind sinnlich, sehnend und schlau.«

sda-Basisdienst

»Simone Meier tut sich erneut als scharfe Beobachterin hervor. Sie ist eine sarkastische Erzählerin, aber auch eine liebevolle, und ihr trockener Humor zeigt sich stets im richtigen Moment.«

Tages-Anzeiger

»Simone Meiers Romane sind Rosé-Champagner: Sie lesen sich leicht, man merkt kaum, wenn man nachschenkt, und zum Schluss ist man verzückt tipsy.«

CH Media

»Reiz wirkt [...] irgendwie so, wie man sich das Leben vielleicht wünschen mag: Gefühlvoll, tief, aufrichtig, aber ohne Zwang zur bitteren Tragödie.«

Elke Heidenreich, Kölner Stadtanzeiger

»Reiz – der Titel des neuen Romans von Simone Meier kommt geheimnisvoll daher. Wer reizt wen und wie und warum? Im Grunde ist es der Reiz des Lebens, der Reiz des Neuen und des Alten, der Reiz der Liebe, der Freundschaft, und es ist durchaus sehr reizvoll, wie das erzählt wird.«

Welt am Sonntag kompakt

»Meiers Sprache bizzelt wie ein unerwarteter Kuss, der Titel ihres letzten Werkes, und wie die wunderschönen Cover beider Bände.«

SRF2 Kultur kompakt

»Wie üblich kommt der Roman im lockeren, teils pathetischem und spöttischem Erzählton daher.«

TV Star

»Die Zürcher Autorin schickt die Leserin auf eine Achterbahn der Gefühle.«

Freundin (CH)

»Zwei Leben kreuzen sich, die kaum unterschiedlicher sein könnten. […] Durch ihren Blick erleben wir, wie unterschiedlich Menschen mit der Suche nach Liebe, Sexualität und deren Narben umgehen.«

taz

»Wie die beiden Vorgängerromane ist Reiz ein doppelbödiger Text, der leichtfüßig daherkommt, dann aber überraschend düstere Themen anschneidet. Meier beherrscht beide Tonlagen.«

Telebasel

»Reiz, der neuste Roman von Simone Meier, scheint von der Stimmung des Punk-Chansons grundiert: cool, schnell, zynisch.«

SRF1 Buchzeichen

»Simone Meier hat so einen lockeren und ungezwungenen Schreibstil, den wir wahnsinnig gerne lesen.«

SRF Gesichter & Geschichten

»Liebe und Sexualität, aber auch Tabuthemen wie Missbrauch und sexueller Übergriff kommen in dem Buch vor. Allerdings auf eine sehr kämpferische Art, die Figuren überwinden ihren Schmerz.«

CH Media

»Sie schreibt die coolsten Gesellschaftsromane der Schweizer Literatur.«

Anschauliches