Ein stürmischer Roman, der zeigt, wie zerbrechlich unser geordnetes Leben eigentlich ist

Ein Neurochirurg überfährt einen illegalen Einwanderer. Es gibt keine Zeugen, und der Mann wird ohnehin sterben - warum also die Karriere gefährden und den Unfall melden? Doch tags darauf steht die Frau des Opfers vor der Haustür des Arztes und macht ihm einen Vorschlag, der sein geordnetes Leben komplett aus der Bahn wirft. Wie hätte man selbst in einer solchen Situation gehandelt? Diese Frage schwebt über dem Roman, der die Grenzen zwischen Liebe und Hass, Schuld und Vergebung und Gut und Böse meisterhaft auslotet.

Format

  • Ayelet Gundar-Goshen – Löwen wecken
    Roman

    Original: Leha'ir Arajot

    Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama
    Hardcover
    Format: 11,6 x 18,5 cm , 432 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5714-2

    22,90 EUR

  • Ayelet Gundar-Goshen – Löwen wecken
    Roman

    Original: Leha'ir Arajot

    Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama
    Taschenbuch
    Format: 11,6 x 18,5 cm , 432 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5940-5

    13,00 EUR

  • Ayelet Gundar-Goshen – Löwen wecken
    Roman

    Original: Leha'ir Arajot

    Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama
    eBook
    432 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9299-0

    12,99 EUR

Leseprobe

Und er dachte sich gerade, dies sei der schönste Mond, den er je gesehen habe, als er diesen Mann umfuhr. Und als er ihn umfuhr, dachte er im ersten Moment immer noch an den Mond, dachte weiter an den Mond und hörte dann mit einem Schlag auf, als hätte man eine Kerze ausgeblasen. Er hört die Tür des Jeeps aufgehen und weiß, er ist derjenige, der sie öffnet, er derjenige, der nun aussteigt. Aber dieses Wissen ist nur lose mit seinem Körper verbunden, wie das Wandern der Zunge übers Zahnfleisch kurz nach der Betäubungsspritze, alles da, aber anders. Seine Füße treten auf den groben Wüstensand, er hört ein Knirschen bei jedem Schritt, und dieser Laut beweist ihm, dass er tatsächlich geht. Und irgendwo am Ende des nächsten Schritts erwartet ihn der Mann, den er umgefahren hat, von hier kann man ihn nicht sehen, aber er ist dort, noch einen Schritt, und er ist da. Der Fuß ist schon in der Luft, verlangsamt jedoch, möchte ihn hinausschieben, den nächsten, den endgültigen Schritt, nach dem nichts anderes mehr übrig bleibt, als den am Straßenrand liegenden Mann anzusehen. Könnte man diesen Schritt nur einfrieren, aber natürlich kann man diesen Schritt nicht einfrieren, ebenso wenig wie man den Moment davor einfrieren kann, den genauen Moment, in dem ein Jeep einen Menschen umfuhr, das heißt, den genauen Moment, in dem der Mann, der den Jeep lenkte, den Mann, der zu Fuß ging, umfuhr. Dieser Mann, der zu Fuß ging – erst der nächste Schritt wird zeigen, ob er noch ein Mensch ist oder bereits etwas anderes, ein Wort, das man nur denken braucht, und schon erstarrt der Fuß in der Luft, mitten im Schritt, denn am Ende des Schritts könnte sich zeigen, dass der Mann, der zu Fuß ging, kein gehender Mensch mehr ist, oder überhaupt kein Mensch mehr, nur noch die Hülle eines Menschen, eine aufgesprungene Hülle, und der Mensch ist weg. Und wenn der liegende Mann kein Mensch mehr ist, dann ist kaum auszudenken, was mit dem stehenden, bebenden Mann wird, der sich nicht einmal überwinden kann, einen einfachen Schritt fertig zu tun.Was mit ihm wird.


Erster Teil

Der Staub war überall. Eine dünne, weiße Schicht, wie der Puderzucker auf einer Geburtstagstorte, die kein Mensch wollte. Er sammelte sich auf denWedeln der Palmen, auf den erwachsenen Bäumen, die von Lastwagen angekarrt und auf dem Hauptplatz in den Boden gesteckt worden waren, weil niemand jungen Setzlingen zutraute, in dieser Erde Wurzeln zu schlagen; er bedeckte die Wahlplakate, die drei Monate nach den Kommunalwahlen immer noch von den Balkonen der Häuser baumelten: Glatzköpfige, schnurrbärtige Männer spähen durch den Staub auf ihre potenziellen Wähler, einige mit kompetentem Lächeln, andere mit ernstem Blick, je nach Empfehlung des angeheuerten Medienberaters. Staub auf den Reklameschildern, Staub auf den Busstationen, Staub auf den Bougainvilleen, die schlapp vor Durst am Straßenrand rankten, Staub überall. Trotzdem schien kein Mensch darauf zu achten. Die Einwohner von Beer Scheva nahmen den Staub genauso hin, wie sie alles Übrige hinnahmen – Arbeitslosigkeit, Kriminalität, mit zerbrochenen Flaschen übersäte Grünanlagen. Die Stadtbewohner erwachten allmorgendlich in staubbedeckten Straßen, gingen verstaubt zur Arbeit, machten Sex unter einer Staubschicht und gebaren Kinder, denen der Staub aus den Augen schaute. Manchmal überlegte er, wen er mehr hasste – den Staub oder die Einwohner von Beer Scheva. Vermutlich den Staub. Die Einwohner von Beer Scheva klebten ihm nicht jeden Morgen auf dem Wagen. Der Staub ja. Eine dünne, weiße Schicht, die das leuchtende Rot des Jeeps trübte und es in ein verblichenes Rosa verwandelte, eine Parodie seiner selbst. Wütend fuhr Etan mit einem Zeigefinger über die Windschutzscheibe und wischte etwas von der Schmach ab. Der Staub klebte auch noch an seiner Hand, als er sie an der Hose abgewischt hatte, und er wusste, er würde bis zum Händewaschen im Soroka-Krankenhaus warten müssen, um sich wieder wirklich sauber zu fühlen. Beschissen, diese Stadt. (...)

Autor

Ayelet Gundar-Goshen, geboren 1982, lebt und arbeitet als Autorin und Psychologin in Tel Aviv. Für ihre Kurzgeschichten, Drehbücher und Kurzfilme wurde sie bereits vielfach ausgezeichnet. Ihr erster Roman, Eine Nacht, Markowitz (2013), dem der renommierte Sapir-Preis für das beste Debüt Israels zuge [...]

mehr zum Autor

Presse

Süddeutsche Zeitung

»Die Mischung aus Gesellschaftsroman, Psycho-Drama und Thriller ist so sorgfältig ausgetüftelt und ausbalanciert, dass für Leerstellen, blinde Flecken oder Untiefen kein Platz bleibt. (...) Der Roman hinterlässt den Eindruck eines anstrengenden Wüstentrips, bei dem hinter jedem Sandhügel ein Schild wartet: "Es gibt keine einfachen Antworten".«

ZDF - Blaues Sofa

»Ein meisterhaft erzählter Roman.«

Tages-Anzeiger

»Gundar-Goshen überzeugt mit ihrer sehr sensiblen Figurenzeichnung. Sie entwirft ein Psychogramm einer Gesellschaft im Umbruch und verhandelt die grossen und essenziellen Fragen des Lebens: Wie viel ist ein Menschenleben wert?« Interview

WDR 3

»Das Spannende an dem Roman ist, dass es keine Kategorisierungen oder Festlegungen auf Gut und Böse, Held oder Anti-Held gibt. Jeder Einzelne trägt alle Facetten und Möglichkeiten in sich.«

taz

»In Löwen wecken entfaltet sich ein hochinteressantes Gefüge aus zahlreichen Figuren und überraschenden Wendungen, das durchaus Drehbuchqualitäten aufweist.«

Elke Heidenreich

»Ich konnte überhaupt nicht aufhören zu lesen, ich kann das Buch nur jedem empfehlen – das ist eine Granate!«

Deutschlandradio Kultur

»Der Roman ist eine nachhaltige Verstörung, ein existentialistischer Roman, der den Leser veranlasst, seine eigene Position immer wieder neu zu hinterfragen - wie würde ich handeln?«

Neues Deutschland

»Löwen wecken ist ein erstaunliches Buch. Und einer der interessantesten Romane aus Israel in jüngerer Zeit.«

Frankfurter Allgemeine Zeitung

»In einer Zeit, da hunderte von Flüchtlingen vor Europas Küste umkommen und die Körper der Verstorbenen teilweise wie Schlachtabfälle in Müllsäcken gelagert werden, in einer Zeit, da Regierungsmaßnahmen sich darauf konzentrieren, Schlepperboote qua Militäreinsatz zu zerstören, und Millionen in Grenzpolizei, Stahlzäune und Forschung zu drohnenbasierter Überwachung oder künstlichen Detektoren investieren, die Menschen anhand ihres Geruchs erkennen sollen, braucht es solch mutige Romane wie „Löwen wecken“«

The Times

»Löwen wecken ist eine elegante und spannende Geschichte über das Überleben, in der die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen. Die Implikationen dieses Romans reichen weit über Israel hinaus und leuchten die dunklen Ecken unseres Lebens grell aus.«

Sunday Herald

»Löwen wecken zeigt auf, dass in jedem von uns größere Geheimnisse stecken als in einem Krimi. Ayelet Gundar-Goshen erzählt diese spannungsgeladene Geschichte mit einer Tiefe und Frische, die sich in das Innenleben ihrer Figuren graben.«