Im Vulkan. Essays

Daniel Kehlmann, Martin Amis

Die besten Essays, ausgewählt von Daniel Kehlmann

Martin Amis porträtiert mit unnachahmlicher Offenheit Salman Rushdie, Steven Spielberg oder Donald Trump, schreibt mit frischer Leichtigkeit über Kafka oder Cervantes, immer brillant über die schwarzen Löcher und toten Winkel unserer Gesellschaft. Seine Stimme bekommt eine sentimentale Tiefe, wenn er von der Königsfamilie erzählt, er begleitet Tony Blair zu Angela Merkel, beobachtet das gleichzeitige Heranströmen von Oktoberfestbesuchern und Flüchtlingen in München, schreibt mit sprachlicher Schärfe über nukleare Aufrüstung und den Krieg gegen das Klischee, stets die Zwischenräume, Auslassungen und Verzerrungen unseres Denkens im Blick. Martin Amis nimmt einen in seinen Texten mit, als wären es Abenteuer, die man am besten zu zweit genießt.

Format

  • Daniel Kehlmann, Martin Amis – Im Vulkan. Essays

    Aus dem Englischen von Joachim Kalka
    Hardcover
    Format: 14,5 x 21,5 cm , 320 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5788-3

    12. September 2018
    25,00 EUR

  • Daniel Kehlmann, Martin Amis – Im Vulkan. Essays

    Aus dem Englischen von Joachim Kalka
    eBook
    320 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9397-3

    12. September 2018
    20,99 EUR

Leseprobe

DIE ATOM-METROPOLE

 

Washington ist die atomare Stadt. Bei jedem vorstellbaren militärischen Schlagabtausch (wie »chirurgisch«, »massiv«, »kathartisch« oder »therapeutisch« auch immer) würde Washington verschwinden (und San Diego, Seattle und San Francisco ebenfalls). Washington würde »eliminiert«. Die baumreichen Malls würden verschwinden, die Museen und Monumente, ein beträchtlicher Teil der Geschichte, über die Amerika verfügt, zusammen mit all dem konfusen Leben einer großen Stadt: den Jazzbars von Georgetown, den exzentrischen Villen von Capitol Hill, den Bettlern (Lobbyisten der Straße), dem Graffiti no nukes, dem Autoaufkleber no fat chicks, der Matisse-Ausstellung »Die frühen Jahre in Nizza« in der National Gallery (und dem speziellen dort verkörperten Interesse an der menschlichen Gestalt und Haltung), dem Rosengarten, den Ganztagsschulen. Alles würde verschwinden. Da steht Washington, wie ein König im Henkerskarren, der auf die Guillotine wartet.

Wenn man die Atomwaffen einmal als etwas Reales begriffen hat, wenn sie aufgehört haben, einem nur um die Ohren zu summen, und tatsächlich in den Kopf vorgedrungen sind, dann vergeht kaum eine Stunde ohne ein plötzliches Pochen oder Blinken, ein massives Pulsieren, eine in der Fantasie ablaufende Superkatastrophe. Man starrt auf den vieläugigen Helm des Kapitols und sieht schon die Wolken darüber entflammt, den Winterhimmel in Brand, eliminiert. Ja, jetzt ist es Zeit, das zu sehen; dein Kopf ist der Ort, wo es sichtbar werden sollte. Denn die Realität wird dann von niemandem gesehen werden. Manche Leute in Virginia werden wohl das glühende Hirn, den sengenden Regen, die Idiotenfaust des Wolkenpilzes sehen. Aber niemand wird die zerplatzende Stadt »sehen«. Bei diesem Verbrechen wird es keine Augenzeugen geben, nur Millionen unschuldige Ahnungslose. Das Kino hat oft versucht, sich die Nuklearattacke auf eine große Stadt auszumalen. Was das Kino nicht erfassen kann, was wir nicht fassen können, ist die Gleichzeitigkeit: Alles wird nichts, alles auf einmal.

Washington ist noch in einem anderen Sinne Thermopolis, die atomare Stadt. Mit legendärer Verschwendungslust und Gier verschleißen Atomwaffen Ressourcen, fressen Geld, binden Wissen. Was aber wird aus den intellektuellen Ressourcen, was wird aus der Denkanstrengung, der Geistesschärfe, der Konzentration, die sie stündlich aufzehren? In Instituten, Stiftungen, Ausschüssen sitzen den ganzen Tag lang Leute herum und denken nach über diese vom Menschen geschaffenen Nuklearwaffen – diese sonderbarsten Gegenstände mit ihrer Dreckigkeit, ihrer Obszönität und Widerlichkeit, mit ihrer süchtig machenden Faszination und ihrem entsetzlichen Glamour, ihrer einzigartig allumfassenden Komplexität. Nachdem ich einen Meter Bücher zum Thema gelesen hatte, war ich nach Washington gereist, um dort einen weiteren Meter zu lesen, zu reden und zuzuhören und den atomaren Campus zu beobachten. Diese Leute haben all die Atomwaffen hervorgebracht, und dann haben die Atomwaffen all diese Leute hervorgebracht, die Denker, die Aufpasser, die sich fragen, was nun geschehen soll, was man mit dem Zeug anfangen soll, ob man ohne es auskommen könnte.

»Einige dieser Figuren«, sagte mir ein Experte, »sind Atomfreaks durch und durch. Nur das eine Thema. Atomares dies, atomares jenes.« Ihre Bürowände sind mit Sandsackwällen von Atomliteratur zugestellt, auf dem Fußboden stapeln sich atomare Broschüren und Computerausdrucke. Sie lieben Karten, Grafiken, Tafeln. Sie sprechen meist mit unmenschlicher Geschwindigkeit. Man sitzt da und lauscht Kaskaden von XYZ-Kürzeln, Tornados von Abkürzungen. In manchen Gesichtern kann man Spuren einer Belastung erkennen, einer moralischen Besorgnis, aber viele von ihnen haben die hektische Ausgelassenheit, die robuste gute Laune von Leuten, die mit ihrem Hobby glücklich sind. Zwei Dinge fallen einem sofort auf, oder jedenfalls mir: Es gibt hier keine Frauen. Und es gibt keine Raucher.

Das letztgenannte Detail beschäftigte mich weit über das vertraute Unbehagen des Nikotinentzugs hinaus. Nach einem halben Nachmittag intensiver Diskussion, als meine Lungen anfingen, zu schluchzen und um ihren Halbstundensnack zu betteln, überwand ich manchmal die vertrauten Empfindungen von Scham und Kriminalität und fragte: »Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich eine rauche?« »Ehrlich gesagt, ja«, lautete die Standardantwort. In gemeinsamer Verlegenheit stolperten wir dann mühsam zurück in unsere Erörterungen zu Röntgenlasern und Hard-Kill-Potenzialen. Selbst wenn man diese Leute aus den Büros rauskriegt in eine Bar, fangen sie sofort an zu husten und zu würgen und mit den Händen zu wedeln, wenn man sich eine Zigarette ansteckt. Es scheint merkwürdig, dass die Experten für Thermalimpulse und superstellare Temperatur, die Feuerballdealer und Infernokünstler, grün im Gesicht werden beim Anblick einer Marlboro. Aber man ist schnell in tiefe Widersprüche verstrickt – komische, tragische, unfasslich banale –, wenn es um Atomwaffen geht.

 

Atomwaffen sind alles und nichts. Darin liegt das Geniale. Einerseits sind sie Spielmarken am Verhandlungstisch, Schachfiguren in einem Propagandawettstreit, Friedensgaranten – ein doppelter Bluff, den wir alle unterschreiben. Sie sind nichts. Wie kann ein »Schutzschirm« irgendjemandem tatsächlich wehtun? Andererseits sind Atomwaffen nun einmal, was sie sind, und sie tun, was sie tun: Sie multiplizieren die Masse mit der Lichtgeschwindigkeit zum Quadrat; ihre Wirkung bemisst sich in Tonnen von Blut und Schutt; sie sind Werkzeuge der Massenvernichtung. Sie sind alles, weil sie alles zerstören können. Gut für sie, dass es dabei aussieht, als wären sie nichts.

Marcus Raskin, der jetzt für das Institute for Policy Studies in Washington arbeitet, erzählt folgende Geschichte aus der Zeit, als er der »Strategiegruppe« unter Kennedy angehörte. Das war 1961. Es kursierte das Gerücht, die Sowjetunion würde bald eine Wasserstoffbombe von fünfzig Megatonnen testen. Alle griffen nach ihren Rechenschiebern. »Fünfzig Megatonnen«, murmelte man gelassen. »Viermal so viel wie Hiroshima.« Es brauchte mehrere Minuten, bis ihnen klar wurde, worum es hier ging: nicht um das Äquivalent von fünfzigtausend Tonnen TNT, sondern um das Äquivalent von fünfzig Millionen Tonnen TNT. Und das waren Fachleute, die sich mit kaum etwas anderem befassten. Wie Raskin sagt: Wenn man die Atomwaffen lange genug anstarrt, verliert man den Zugriff auf das, was sie eigentlich sind, was sie wirklich vermögen.

Tatsächlich waren es eher sechzig Megatonnen TNT – achtundfünfzig, der größte Knall jemals. Ein Eisenbahnzug, der die Sprengkraft der Hiroshima-Explosion in TNT-Form geladen hätte, würde vier Meilen Schienenstrang belegen. Ein Zug mit dem Äquivalent der sowjetischen Wasserstoffbombe würde auf dem Breitengrad Londons einmal um die Erde reichen und noch dreitausend Meilen übrig haben. Militärstrategen haben natürlich eine besondere Verachtung für derartige Hätten-Sie’s-gewusst?-Berechnungen. Und diese Verachtung ist begreiflich: Denn in solchen Augenblicken treten die Atomwaffen ein kleines Stück aus der Grauzone heraus; sie schieben sich aus dem Nichts hervor und bewegen sich in Richtung von etwas. Von allem. Wir sehen sie, aber glauben wir es wirklich? Hätten Sie’s geglaubt? Es wäre besser, Sie glaubens. Doch zu ihrem Glück (nicht aber zu unserem) sind Atomwaffen etwas Unglaubliches; man kann nicht glauben, was sie sind, es lässt sich nicht glauben. Sehen wir den Zug wirklich – sehen wir die absurde Brutalität von achtundfünfzig Millionen Tonnen TNT?

Die Atombombe, sagte J. Robert Oppenheimer, der die erste zusammenfügte, »ist bloß Scheiße«. Sie ist nichts als »ein großer Knall«, a big bang. Nach dem Alamogordo-Test empfand er dann anders: »Ich erinnerte mich an eine Zeile aus den heiligen Schriften der Hindus: ›Nun bin ich der Tod, der Zerschmetterer der Welten.‹« Beide Intuitionen sind richtig. Alles und nichts. Wenn diese Waffen alles werden, sind wir nichts mehr. Wenn sie zu nichts werden, sind wir wieder alles, wie zuvor. Was also solls sein?

Autoren

Daniel Kehlmann, 1975 in München geboren, ist ein vielfach ausgezeichneter Schriftsteller, Kritiker und Intellektueller. Seine Werke, u.a. »Die Vermessung der Welt« und »Tyll«, gehören zu den meistgelesenen Romanen deutscher Gegenwartsliteratur.

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Martin Amis, geboren 1949 in Oxford, ist einer der bedeutendsten englischen Gegenwartsautoren. Er ist der Verfasser von vierzehn Romanen, zwei Kurzgeschichtensammlungen und sechs Sachbüchern, darunter fünf Essaybände. Für sein Romandebüt »Das Rachel-Tagebuch« (1973) erhielt er den Somerset Maugham A [...]

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Presse

rbb radioeins

»In jedem Essay sind außerordentlich kluge Gedanken, die so formuliert sind, wie man es noch nie gehört hat.«

FAZ

»Amis ist ein Meister der rhetorischen Übertreibung.«

3Sat Kulturzeit

»Martin Amis Arbeitsbesteck sind scharfe Klingen, hochauflösende Mikroskope, Humor und Empathie.«

Welt am Sonntag

»Martin Amis denkt jenseits aller Vorgaben und Voraussetzungen. Klischees sind ihm ein Graus – und seine Essays sind daher nicht nur intellektuell, sondern auch stilistisch ein Hochgenuss.«

Profil

»Amis’ Neugier auf Politik und Poesie? Grenzenlos. Er kontert die Wucht der schieren Wirklichkeit mit Witz und Klarheit.«

Wiener Zeitung

»Mit brillanten Essays aus den letzten Jahrzehnten spannt Amis einen Bogen von Salman Rushdie über das britische Königshaus, die Anschläge des 11. Septembers bis zu Donald Trumps Anfängen als Präsident.«

DLF Büchermarkt

»Klischees muss man in Amis Texten keinesfalls befürchten. Ihre Argumentationen sind komplex, ihre Sprache hochlaboriert, der Witz bestechend.«

Flux FM

»Wer sich für die großen Autoren des 20.Jahrhunderts interessiert, der findet in diesem Buch wahrhaftig einen Schatz.«

Flux FM

»Wer sich für die großen Autoren des 20.Jahrhunderts interessiert, der findet in diesem Buch wahrhaftig einen Schatz.«

Die Rheinpfalz

»Ein kluges, präzises, hellsichtiges Buch, das nicht ohne Grund das deutschsprachige Literaturstargenie Daniel Kehlmann herausgegeben hat.«

News

»Eine feine Hommage des Großschriftstellers Daniel Kehlmann an seinen ebenso renommierten britischen Kollegen Martin Amis. Bestes Schreibhandwerk«

Die Weltwoche

»Seine Essays sind nicht ohne Widersprüche – und äusserst lesenswert.«

Die Welt

»Ein Mann mit scharf gebildetem Humor.«

WDR 5

»Essays lesen kann mühsam sein. Die von Martin Amis sind lehrreich und beste Unterhaltung.«

Tages-Anzeiger

»Amis’ Essays endlich in deutscher Übersetzung. Er verfügt über eine ganz eigene psychologische Kunst des Portraits.«

NZZ

»Martin Amis, einer der wichtigsten zeitgenössischen britischen Autoren, ist kein Freund der Religion, dafür von eindeutigen Worten.«